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Wertvolle historische Tapetenbahnen im Neuen Palais in Pillnitz

Wertvolle historische Tapetenbahnen im Neuen Palais in Pillnitz

Jedes Jahr am fünften Tag des fünften Monats im chinesischen Mondkalender wird im Land der Mitte das Drachenboot-Fest gefeiert, wobei in vielen Städten des Landes auch Gräser oder Blumen an der Eingangstür des Hauses befestigt werden, was Sicherheit und Gesundheit bringen soll.

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Ein historisches Foto zeigt das Kaffeezimmer in seinem Zustand vor 1945.

Quelle: SLUB/Fotothek

Das Drachenboot-Fest ist eine Familiensause, zu der viele Menschen an ihren Heimatort zurückkehren, um Eltern und Verwandte zu besuchen. Und vielerorts werden dann auch Drachenboot-Rennen ausgetragen.

Sechs Tapetenbahnen, die nach entsprechender Konservierung nun im Neuen Palais von Schloss Pillnitz präsentiert werden, zeigen ein solches Drachenbootrennen. In einem Boot wird von einem Mann mit der Trommel den Ruderern der Takt vorgegeben, auf einem anderen Kahn schlägt ein Mann einen Gong - das soll Zuschauer anlocken. Und die kommen reichlich, wobei es ein heißer Tag sein muss, denn viele der Besucher tragen einen Fächer. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass die Fächer-Formen von Männern und Frauen unterschiedlich sind, wie überhaupt die einzelnen Tapeten mit einer Fülle von Details aufwarten. Dort bekommen Kinder Früchte, da sieht man Frauen mit Lotos- bzw. Lilienfüßen, denen also die Füße durch extremes Einbinden und/oder gar Knochenbrechen zugunsten eines heute zum Glück verschwundenen Schönheitsideals deformiert wurden.

Lange verstaubten diese sechs historischen chinesischen Tapetenbahnen sowie drei weitere mit ebenso kleinfigurigen Darstellungen von Jagdszenen im Depot - nun entzücken sie wieder (als Interimsausstellung in der Dauerausstellung) in ihrer ursprünglichen Farbenpracht die Augen des Betrachters.

Die Tapeten, eine echte Rarität und entsprechende Kostbarkeit, hängen im einstigen Chinesischen Kaffeezimmer, das 1890 unter König Albert und Königin Carola im Neuen Palais eingerichtet wurde. Das Kleinod vereinte chinoise Elemente mit Formelementen des Jugendstils und wurde damals auch als "Chinesischer Café-Salon" bezeichnet.

Der Glanz von einst ging verloren, als das Kaffeezimmer zum Canaletto-Saal mutierte, als 1947 die heimatlos gewordene Dresdner Gemäldegalerie Unterschlupf fand (der eine oder andere ältere Dresdner erinnert sich vielleicht) und in Pillnitz die Bilder präsentiert wurden, die nicht im Zuge des als später als Rettung verkauften Raubzugs der russischen Trophäenbrigaden in die Sowjetunion abtransportiert worden waren.

Die Bilder kehrten 1953/55 zurück, verloren gingen sämtliche Sitzmöbel, die 14 Stühle sowie die Ecksofas des Kaffeezimmers. Aber die Hoffnung, dass sie nicht gänzlich abgeschrieben werden müssen, haben Schlossleiterin Sybille Gräfe und Museologin Iris Kretschmann durchaus noch. In den unruhigen Nachkriegszeiten bedienten sich auch viele Deutsche in Schlössern. Wer Möbel zurückbringe, habe nichts zu befürchten, im Gegenteil, es winke eher eine finanzielle Kompensation, versichert Graefe. Andere Stühle haben sich erhalten und sind in Reih und Glied und teilweise in halber Höhe an der Wand hängend auch ausgestellt. Viele sind unten an der Leiste mit einem Brandstempel markiert, wobei Pillnitz auch mal "Pilnitz" oder "Pillnitzz" geschrieben wird. Dieselbe Brandeisen-Methode wie die Kennzeichnung von (Jung-)Rindern im Wilden Westen.

Die auf Leinwand doublierten Papierbahnen der Tapeten bestehen aus Maulbeerbaum- und Reisstrohfaser, verrät Kretschmann. Die Tapeten stammen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und wurden vermutlich in den Studios in im südchinesischen Kanton bemalt, wobei sie explizit für den Export nach Europa gedacht waren. Papiertapeten made in China wurden in Standardsätzen von 25 oder 40 Bahnen zu den Langnasen geliefert, in der Regel auf Schiffen der Ostindien-Kompanie. Kanton galt als Zentrum der Tapetenmalerei, hier arbeiten spezielle Maler für Landschaften und spezielle Maler für Personendarstellungen in regelrechten Studios. Weil die Räume des Kaffeezimmers recht hoch sind, wurden einst Teile des Himmels angestückt, wie Kretschmann verrät.

Wie früher zu Zeiten König Alberts und seiner besseren Hälfte Carola mal alles aussah, vermittelt - dreidimensional - ein maßstabgetreues Modell des historischen Kaffeezimmers, das von Akteuren des Vereins Arbeit und Lernen Dresden über drei Jahre hinweg in akribischer wie liebevoller Kleinarbeite gefertigt wurde. Dass da "Laien des Modellbaus" (Kretschmann) am Werk waren, sieht man nicht. Entstanden ist ein geradezu berührendes Stück Kunsthandwerk par excellence. Die Bambusstäbe, die einst die Tapetenbahnen umrahmten, wurden von den Vereins-Mitgliedern aus Schaschlikspießen gefertigt und dann mit Zwirn umwickelt.

Wie die Museologin ebenfalls gegenüber den DNN erklärte, dienten für das Modell historische Schwarz-Weiß-Fotografien aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Vorlage - und zwar in Verbindung mit alten Inventarverzeichnissen, die eine detaillierte Beschreibung des Interieurs enthalten.

Neben der Panoramatapete war, wie die Fotos zeigen, ein großer Kronleuchter mit Glasbehang raumprägend. Und dieser Lüster hing 1950 noch von der Decke. Auch hier hofft man, dass er sich irgendwo in den Depots findet. Die sind ja immer wieder für eine Überraschung gut. Es ist noch nicht allzu lang her, dass man 92 Kassetten wiederentdeckte, in denen fast 16 000 Katagami die Zeiten überdauert hatten, Textilfärbeschablonen (kata) aus handgeschöpften, imprägniertem Maulbeerbaumpapier (kami), mit denen man meist Kimonos, mitunter aber auch Vorhänge oder Banner färbte (DNN berichteten).

Auch wurden einst im Chinesischen Kaffeezimmer auf 46 vergoldeten Gipskonsolen chinesisches und Meissener Porzellan präsentiert sowie Gefäße aus Seladon (chinesischem Steinzeug) und japanische Lackarbeiten. Zwei chinesische Teller (Leihgaben der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden) mit den dazugehörigen Wandkonsolen und ein Tisch aus dem historischen Kaffeezimmer ergänzen die kleine, aber feine Interims-Schau.

Zudem wird, als Erweiterung der Dauerausstellung, am Beispiel des Chinesischen Pavillons des Pillnitzer Schlossparks das Thema "Chinoiserie" näher beleuchtet. Kostbare kunsthandwerkliche Originale aus China, wie Teedosen mit Alltagsszenen, Vasen mit Tierdarstellungen, Teller und Tabletts mit Drachendarstellungen und Bootsmotiven sind zu sehen. Erinnert wird auch an dem Maler Johann Ludwig Giesel. Er war es wohl, der die Wandflächen des Chinesischen Pavillons mit acht chinesischen Landschaftsbildern zierte. Als Vorbild dienten ihm vermutlich Bilder aus dem Buch "The Costume of China" des britischen Majors und Chinaforschers George Henry Mason.

bis 1. November, geöffnet täglich außer Mo 10-18 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.09.2015

Christian Ruf

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