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Wer wäscht dem lieben Gott die Socken? - Johotrallala! in der Saloppe Dresden

Wer wäscht dem lieben Gott die Socken? - Johotrallala! in der Saloppe Dresden

Der Sommer ist da, die Abende, die Nächte sind warm und angenehm, Dresden bietet ein reiches Sommernachtskulturprogramm. Die Auswahl fällt nicht leicht, man muss sich entscheiden.

Gerade ist der Schaubudensommer zu Ende gegangen, die Filmnächte am Elbufer bieten Kino und Konzerte vor atemberaubender nächtlicher Kulisse, im Garten des Filmtheaters Thalia läuft das Gardens-Festival mit internationalen Bands und angesagten DJs, bald beginnen die poetischen Nächte auf der Wiese vor dem Japanischen Palais.

Auf der Freilichtbühne der Saloppe bietet die Serkowitzer Volksoper ein kleines, aber feines Welttheater. Gott Vater, Wolf-Dieter Gööck, liest "Die Welt". Ihm selber sagt wahrscheinlich keiner mehr, was los ist. Wie es weitergehen soll, fragt spöttisch Dieter Beckert als liebenswürdiger Bilderbuchteufel. In der Hölle ist kein Platz mehr, alles besetzt, im Himmel herrscht gähnende Leere. Da erfinden die beiden alten Zausel eine alte Geschichte neu. Das ist die Provinzposse "Johotrallala" nach Webers deutscher Nationaloper "Der Freischütz", die im deutschen Wald spielt, der in Böhmen liegt und von deutschen Jägersleuten handelt. Und die Bühne der Dresdner Saloppe in warmer Sommernacht unter alten Bäumen ist der ideale Ort.

Die Serkowitzer Volksoper, ursprünglich mal die erste Dresdner Off-Oper mit ihrem Anspruch, auf Stücke, die man zu kennen meint, einen ungewöhnlichen Blick zu werfen, das mögliche Maß zwischen Respekt und Respektlosigkeit auszureizen, ist genau die richtige Kompanie für solches Volkstheater unter freiem Himmel. In diesem Jahr ist "Der Freischütz" wieder dran. Gute Wahl.

Hier singen die deutschen Jäger im deutschen Wald, der wie gesagt in Böhmen liegt, ihr "Johotrallala". In der Posse ist das auch der Gruß dieser schießwütigen Zunft. Ansonsten haben wir das bekannte Freischütz-Personal, zunächst wie Puppen, Gott Gööck zieht die Fäden, Teufel Beckert spannt die Stolperdrähte. Da ist der Erbförster (Claudius Ehrler), der muss seine Tochter Agathe (Rebekka Gruber) samt Försterei unter die Haube bringen. Der 30-jährige Krieg ist gerade vorbei, es herrscht Männermangel, also nimmt man, was man kriegt, in diesem Falle den sympathischen Kindskopf Max (Michael Albrecht) in kurzen Hosen mit heraushängenden Schlüpfern. Nur heißt die Bedingung: Tochter und Mitgift gibt es erst nach zielsicherem Probeschuss, aber Max schießt ins Kraut, nicht ins Ziel. Kaspar (Daniel Müller), Kriegsheimkehrer, versehrt und traumatisiert, hat teuflische Verbindungen, mit ihm gießt Max Freikugeln um Mitternacht in der Wolfsschlucht, böse Ahnungen umnebeln derweil Agathe, die dem Lieben Gott die Socken wäscht und den alten Herrn mit Blaubeerschnaps versorgt, worauf er ihr in höchster Not die weißen Rosen für den Jungfernkranz verschafft. Gottes Wunder heilen alle Wunden, und eine Soubrette, wie das Ännchen (Anne Petzsch) trifft jeden Nagel auf den Kopf, verscheucht dunkle Gedanken und bringt ganz nebenbei auch noch ein Kind zur Welt. Von wem das wohl sein mag? Oder geht es hier auch göttlich zu?

Erst mal geht gar nichts mehr glatt. Die Freikugel trifft beinahe Agathe. Nur ein Kind kann die deutsche Jagdgesellschaft retten, Frieder Selisko als Fürst von Böhmen singt mit Knabenstimme an gegen das ganze Johotrallala und Bumswaldara, und seine weise Entscheidung, allen eine Bewährungsfrist zu genehmigen, flüstert ihm wieder der göttliche Gööck ein, der mal kurz den Part des Eremiten übernimmt.

Na ja, beinahe geht doch noch alles schief, die Rechnung wurde ohne den Teufel gemacht. Kaspar, der Satansbraten, wird zum Terroristen, veranstaltet fast eine Apokalypse. Gut dass die beiden alten Zausel Gott und Teufel sich eigentlich doch ganz gut verstehen, die Einzelteile der Ankleidepuppen, die Ella Späte mal wieder köstlich kostümiert und geschminkt hat, lassen sich zusammensetzen, singen können sie auch noch. Gerettet, zu Ende der Wahn, zu Ende der Spuk im deutschen Wald, der in Böhmen liegt und in dem ein Jäger aus der Schweiz um den Lilienstein reitet.

In der musikalischen Einrichtung von Milko Kersten an den Tasteninstrumenten mit seiner Band "Musi nad Labem", Michael Poscharsky am Kontrabass, Daniel Rothe und Andreas Roth, Klarinetten und Hörner und etlichen Klangmaschinen wie Tröten oder Alphorn, gibt es ja auch noch einige Späße und Überraschungen zu entdecken. Webers Romantik klingt auch gut in der kleinen Form, Wagners Walküren jagen durch die Wolfsschlucht, dicht gefolgt vom Erlkönig, und am Ende ist alles so schöner Wahn, wie ihn Hans Sachs meistersingerlich besingt.

Kersten versteht es wieder mal, das Große im Kleinen aufklingen zu lassen, und hat mit seinen Musikerkollegen höllischen Spaß, auch in Aktion zu treten, als Jäger und Jungfern, man erjagt, was man kann, und bekommt, was man will, den Applaus des Publikums.

Den gibt es immer schon mal zwischendurch, auf beliebte Ohrwürmer muss man ja auch nicht verzichten, und es müssen ja auch nicht immer alle Arien in voller Länge sein. Die jungen Sängerinnen und Sänger, Studierende noch oder gerade Absolventen, geben alles, Premierenfieber, Tagesform, alles gehört dazu, am Ende zählt der Gesamteindruck, und der ist gelungen. Klar, manchmal hätte es schon ein bisschen flotter vorangehen können, manchmal fehlte ein bisschen der Pfiff, vielleicht auch der letzte Schliff, das wird sich ändern lassen. Diese neue Provinzposse der Serkowitzer Volksoper ist aber insgesamt alles andere als provinziell, das Maß wird gehalten, zwischen Johotrallala und Bumswaldara.

Weitere Aufführungen: Sonnabend, 19 Uhr; Sonntag und Montag, 20 Uhr, Saloppe

www.serkowitzer-volksoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.07.2013

Boris Michael Gruhl

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