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Wer ist wer: "Perplex" in der Regie von Volker Metzler am Dresdner Societaetstheater

Wer ist wer: "Perplex" in der Regie von Volker Metzler am Dresdner Societaetstheater

Und das soll auch so bleiben. Denn wer ihn sich ausgedacht hat, der Mensch, der darf ihn sich auch wieder abschaffen. Aber wie ist das, wenn er bei der Gelegenheit auch gleich sein eigenes Wahrnehmen in Frage stellt und zum Schluss nicht mehr weiß, wer er selbst ist? Das ist Theater.

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Vier-Personen-Stück mit Wolfgang Boos, Kathleen Gaube, Tom Keune und Katharina Behrens.

Gott ist tot. Krudes Theater.

Solches gab es im Societaetstheater zu sehen und wird dort in leider ziemlich großen Abständen noch mehrfach gezeigt. Eine Produktion der Dramaten in der Regie von Volker Metzler. Für viele im Premierenpublikum ganz offenbar eine heftige Überraschung. Denn der Dramatiker Marius von Mayenburg, der "Perplex" als Hausautor der Berliner Schaubühne schrieb und dort 2010 auch selbst uraufführte, er ist ein Meister der Verschrobenheit. Seine Stücke sind wortgewaltig und immer auch wieder absurd. Nicht "kafkaesk", sondern wenn schon, dann (frei nach Yasmina Reza) "rezaesk". Man könnte auch die Schublade "boulevardesk" öffnen, müsste aber eine gute Prise Intellekt hineinstreuen, wollte man Mayenburg damit gerecht werden.

Sein "Perplex" wird diesem Titel mehr als gerecht. Da kommt ein Paar aus dem Urlaub und erkennt die eigene Wohnung nicht mehr. Die fürs Blumen- und Briefkastenhüten in Anspruch genommenen Freunde beanspruchen plötzlich die Bude für sich. Verstörend genug, doch ein ungeöffnetes Paket und eine fremde Pflanze verstören noch mehr. In der nächsten Szene ist derselbe Urlauber plötzlich der Sohn der neuen Wohnungsinhaber. Und seine bis eben noch Angetraute mutiert erst zum Au-pair-Mädchen und dann zu seiner Mutter.

Dabei sind die beiden Paare seit langem befreundet, feiern sogar "Nordische Nächte" miteinander, verkleiden sich in Elch und Vulkan (Islands Snaefellsjökull), um so den Generationenkonflikt scheinbar überwunden zu haben. Bei dem wird aber gern "nach dem Rechten" geschaut - und der hebt die Hand zum dümmstdeutschesten Gruß. Geht's noch perplexer? O ja, denn die vier Wände werden zum Urlaubsdomizil, das eine (O-Ton:) Nazischlampe verwaltet. Irgendwann heißt es im Text, "ihr lasst doch auch kein Thema aus!" Selbst das ist doppelbödig und meint nicht nur den sich aus der Situation ergebenden und gleich darauf wieder verleugneten Beischlaf der beiden Männer, sondern reißt immer mal wieder die "vierte Wand" zum echten Publikum im Gutmann-Saal des Societaetstheaters ganz oder teilweise ein.

Mit diesem Spiel im Spiel im Spiel brilliert der Text, mit diesem Text brilliert Regisseur Volker Metzler, der diese Farce mit nur wenigen Strichen als Melange aus Ironie und Intellektualismus durchgehen lässt. So blöde blond wie lebensklug langbeinig stolziert Katharina Behrens als Augenweide daher, gibt sich kaltschnäuzig jeder Situation gewachsen. Eine Augenspielerin. Kathleen Gaube ist mal Schreckschraube, mal Strickstrumpf, und ebenfalls stets überzeugend. Von der Projektion zum Prototypen zum Pubertär und dann zum heftig der Promiskuität zugeneigten Robert spielt sich Tom Keune hervor. Wolfgang Boos als Sebastian gibt einmal mehr den diabolischen Spielmeister. Ein Augenverdreher, auch er.

Viele "Perplex"-Szenen sind nah an der Klamotte. Sind abgründig. Bis auf ganz wenige Ausnahmen kippen und fallen sie nicht, sondern bleiben in rätselhafter Phalanx. Was mag wohl in dem geheimnisvollen Paket sein? Starrt mich da etwa mein eigenes Ich an? Gott ist tot. Und das ist nur gut so. Mit einem Handfeger als Nietzsche-Schnauzbart wird ausgekehrt. Die Eva des Stücks wendet sich an den Regisseur und fragt, warum er sie denn besetzt habe. Doch der Regisseur ist gar nicht mehr da. Verschwunden wie George Tabori, der einst die Gottesnähe von Regiemeistern erfand. Mit allen Rechten, auch zum Vernichten.

Selbst wenn es momentan schwer ist, im Internet Karten zu ordern: Einfach hingehen, an der Abendkasse in bar bezahlen und "Perplex" als unbedingte Empfehlung ansehen. Und weiterempfehlen.

Aufführungen: 28. und 29.9. sowie 15. und 16.11., jeweils 20 Uhr, Gutmann-Saal, Societaetstheater

www.societaetstheater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.09.2012

Michael Ernst

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