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Wenn es Buchstaben schneit wie Papierschnipsel: Uraufführung von Theo Fransz‘ Stück "flügellos" am Theater Junge Generation Dresden

Wenn es Buchstaben schneit wie Papierschnipsel: Uraufführung von Theo Fransz‘ Stück "flügellos" am Theater Junge Generation Dresden

Erst kann man es gar nicht erwarten, dass die Kinder die ersten Worte sagen, dann plappern sie schon in der Regel dermaßen viel, fragen Löcher in Bauch, wissen alles besser (erst recht in der Pubertät), dass man sich als Vater oder Mutter innerlich sehnlichst wünscht, sie würden einfach mal die Klappe halten.

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Ralf (Julian Trostorf) wäre der ideale große Bruder für Nikki (Marja Hofmann), allerdings starb er schon, bevor sie selbst überhaupt auf der Welt war.

Quelle: Klaus Gigga

Nikki, das junge Mädchen in dem Stück "flügellos" des niederländischen Autors und Regisseurs Theo Fransz, das am Theater Junge Generation seine Uraufführung erlebte, schweigt tatsächlich. Alle reden, lachen, diskutieren, erklären, streiten, palavern - Nikki (Marja Hofmann) sagt kein Wort. Und so wie es ausschaut, pullert sie sich zum Gespött der Klasse auch ein, gibt darüber hinaus den Lehrern Anlass zur Beschwerde. Nikkis Mutter (Insa Jebens) ist ratlos, kommt an ihre Tochter nicht ran. Schimpfen hilft nichts. Bitten hilft nichts.

Reden kann Nikki, die Angst hat, Fehler zu machen, nur mit Ralf (Julian Trostorf). Und Spiele spielen. Und richtig viel Quatsch machen. Auch lauscht Nikki gern den erfundenen Geschichten, die Ralf erzählt, auch wenn sie mosernd moniert, wenn nur ein "beschissenes Vögelchen" auftaucht, ein Laserschwert keine Rolle spielt. Die sich missverstanden fühlende Nikki liebt nämlich Laserschwerter, wären sie doch ideal geeignet gegen die Badekappenmonster. Ralf ist eben anders. Sehr anders, wie sich in der mit einer kargen Treppendekoration auskommenden Inszenierung von Theo Fransz höchstselbst schließlich herausstellt. Bis auf Nikki sehen ihn nämlich alle anderen nicht, denn Ralf ist Nikkis toter Bruder, gestorben, bevor sie überhaupt zur Welt kam. Aber er ist da. Ist nicht nur Quatschmacher, sondern vor allem auch Trostspender und Mutmacher. Nikki weiß alles ihn und ist sich sicher, dass er als großer Bruder sie beschützt hätte. Und dann ist da noch ein geheimnisvolles Wesen (Peter Motzkus) im Raum, das wirklich nichts sagt, aber vielsagend blickt, irgendwie auf Ralf zu warten scheint.

Denn nichts ist, wie es zunächst scheint in diesem Stück, das es zunächst bei Andeutungen belässt, dessen Konstellation und Problematik sich nur peu à peu, für allzu kleine Kinder vielleicht auch gar nicht erschließt. Auch ein englisches Lied geht, so schön die Melodie ist, an der eigentlichen Zielgruppe vermutlich vorbei. Die Kinder haben eindeutig mehr Spaß, wenn Wörter wie "beschissen" auftauchen oder darüber spekuliert wird, dass eine abgefallene Zunge, die dann wohl auf den Boden gefallen ist, wie eine "schleimige, fettgefressene Riesenmade" aussieht. Oder wenn die sonst so schweigsame Nikki ausgerechnet dann nicht aufhört zu plappern, wenn Ralf eine Geschichte erzählen will, was von Hofmann wirklich auf Punkt und Pointe genau hinreißend ausgespielt wird. Wie es überhaupt das Spiel der Akteure ist, das dafür sorgt, dass die Zuschauerkinder bei der Stange bleiben. Richtig schön, ja berührend, und zwar für Groß wie Klein, ist ein ausgesprochen illusionistisch-poetisches Moment: Wenn es "Buchstaben schneit", Nikki die Zunge herausstreckt, damit die Buchstabenflocken auf der Zunge zergehen. So geht es zuweilen in Nikki selbst zu, wenn sie keine Worte findet, weil die Buchstaben durcheinander purzeln.

Natürlich hat es seinen Grund, dass Nikki schweigt. Von wegen, sie hätte "Frau Arens ist eine dumme Kuh an die Tafel geschrieben". Von Nikki stammt nur das h in Kuh - dass Frau Arens glatt glaubt, von Nikki stamme der ganze Satz, beweist allerdings, so Ralf, dass sie "tatsächlich eine dumme Kuh ist". Und auch sonst sind es die Badekappenmonster (für deren Darstellung sich Motzkus und Trostorf kurz in Badeanzüge zwängen), die "Pippi-Nikki" voll zum Opfer machen. Dann muss Ralf gehen, der Tod wartet schon. Aber er kann gehen, weil Nikki am Ende dieser heiteren, berührenden, manchmal auch traurig stimmenden, aber aus dem Leben gegriffenen Geschichte die Sprache wiedergefunden hat.

Nächste Vorstellungen: Mo. bis Fr., jeweils 10 Uhr, TJG

Karten: Tel. 0351/49 65 370

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.12.2012

Christian Ruf

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