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Wenn Richard Wagner lustig wird: "Das Liebesverbot" an den Landesbühnen Sachsen

Wenn Richard Wagner lustig wird: "Das Liebesverbot" an den Landesbühnen Sachsen

Richard Wagner war kaum 30 Jahre alt, da hatte er den Traum, es könnte doch in Deutschland zugehen wie bei den Sizilianern im Karneval, vermischt mit französischer Freizügigkeit.

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Wagner in Radebeul: "Das Liebesverbot" mit Stephanie Krone als Isabella (M.) und Guido Hackhausen als ihr Bruder Claudio (l.).

Quelle: Robert Jentzsch

Wagner, ein Hippie? Man kannte den Begriff nicht, aber die Revolte angesichts deutscher Biedermeierei, Zensur und unmoralischer Moralapostel gab es schon, und Wagner dichtete gänzlich frei nach Shakespeare: "Jetzt gibt's nicht Weib, nicht Ehemann, es gibt nicht Vater und nicht Sohn." Wenn das Fleisch revoltiert, wird's in Wagners Fantasien so heiß, dass jedes Gesetz zu Asche wird.

Wagners Jugendwerk "Das Liebesverbot", eine große komische Oper, wird 1836 in Magdeburg uraufgeführt und verschwindet sofort wieder. Bis heute konnte sich das Werk nicht durchsetzten, wird es doch einmal aufgeführt, ist das Erstaunen groß. Wagners europäische Vision vom freien Leben unter südlicher Sonne für alle reißt musikalisch auf jeden Fall mit, die Handlung ist unterhaltsam und manchmal sogar, wenn sie der Anregung Shakespeares nahe kommt, ganz und gar nicht ohne existenzielle Tiefe.

Mit seiner großen Komödie "Maß für Maß" hatte Shakespeare 1604 so etwas wie ein "Lehrstück über die Verführung der Macht, über Gesetz und Gnade" (Georg Hensel) geschrieben. Wagner nimmt die Grundideen auf, verlegt die Handlung vom verlotterten Wien nach Sizilien, und dort soll ausgerechnet ein Deutscher namens Friedrich die Italiener lehren, was Moral und Ordnung ist. Kein Karneval, kein freies Liebesleben, eben "Das Liebesverbot", was einem "Lebensverbot" fast gleich kommt. Die Weste dieses Saubermannes ist nicht rein, das kennt man ja - das Thema ist zeitlos und es wird gefährlich, wenn ein Mensch, der seine Triebe nicht im Griff hat, zum Moralhysteriker wird. Wie bei Shakespeare, so auch bei Wagner: Es ist die Klugheit einer jungen Frau mit Herz, Humor, Intelligenz und moralischer Integrität, die nicht per Gesetzeskraft, sondern Kraft der Kunst einer fein gewobenen Komödienfinte allen Maskierten Mut macht, ihr Gesicht zu zeigen.

Dem Dichter aus Stratford-upon-Avon und dem Komponisten aus Leipzig ist mit der Isabella eine der schönsten und zugleich gewagtesten Frauengestalten des Theaters gelungen. Bei Wagner ist sie "Die Novize von Palermo" und es scheint, als hätte die Musik gefehlt für diese Frau, die selbst den Widerspruch durchlebt und spürt, dass klösterliche Weltflucht keine Lösung ist, wenn Unerlöste mit dem Anspruch, dass an ihrem Wesen die Welt genesen müsse, sich zu fanatischen Heilsbringern aufschwingen.

Die Handlung bis zum glücklichen Ausgang für alle im Karneval mit anschließender Rückkehr zur ehelichen Liebesordnung ist so bunt wie das Thema. Manche Figuren, wie Claudio (Guido Hackhausen), Isabellas Bruder, schrammen am Tod vorbei, andere wie Sicherheitsdienstchef Brighella (Michael König) kriegen die Kurve und verschenken lieber ihr Herz, als die Seele gänzlich zu verkaufen. Es gibt herrliche Lebenskünstler wie den umtriebigen Luzio (Kay Frenzel) oder so unumstößliche Typen wie den wankenden Wirt Danieli (Hagen Erkrath) oder Andreas Petzold als Pontio Pilato, der nach einer Karriere als Wüstling im Gefängnis Türen aufschließt, die gar keine Schlösser haben. Flink und flott im Karussell der Finten singt und siegt Miriam Sabba sogar beim Kaugummikauen, klappt auch meistens. Anna Erxleben als Mariana, den Friedrich, der sie verließ, im Herzen, verzeiht dem Geläuterten und rettet mit schönen Tönen die deutsch-italienische Freundschaft.

Richard Wagner hat sich für seine musikalische Vision einer Karnevals-EU kräftig bedient bei den Meistern der italienischen Opera buffa, bei den witzigen Themen der französischen Opera comique, auch beim Pathos der Grand operá, deutsche Melodik und romantisches Schwelgen kommen dazu. Schon in der wild galoppierenden Ouvertüre feiert die musikalische Anarchie Triumphe. Der Meister der Motive kündigt sich an, denn unvermutet blitzt das Feuer dieser klingenden Lebensfreude immer wieder auf, bis es sich Bahn bricht und am Ende alle in den Bann zieht. Was er den Sängern abverlangt, ist enorm, das Ensemble der Landesbühnen gibt dem Wahnsinn Klänge von Qualität. Von besonderer Eindringlichkeit und Überzeugungskraft Stephanie Krone als Isabella und Paul G. Song als Friedrich. Beide im Gesang souverän und vor allem authentisch als jeweils starke, differenzierte Charaktere.

Wagners Partitur ist auch eine Herausforderung für das Orchester. Christian Voss gibt mit der Elblandphilharmonie sein Debüt als Operndirigent an den Landesbühnen. Etwas mehr frecher Pfiff dürfte es sein, die knappen Akzente in den Passagen aus Melodram und Rezitativ könnten schärfer, weniger schleppend kommen. Der Chor, verstärkt vom Freien Opernchor Sachsen ChoruSa, zusammengedrängt in Martin Dolniks geschlossenen Räumen, schmettert mit geballter Kraft.

Auf Dolniks Konto gehen auch die lähmenden Umbaupausen, besonders im ersten Teil. Regisseur Hinrich Horstkotte tobt sich aus im Klamauk, Akteure müssen immer wieder mal aufs Klo, nötig haben sie das nicht, originell ist das längst nicht mehr. Sein riesiger Kostümfundus soll schrill und grell sein, Überraschungen wirklich witziger Art gibt es nicht. Grundsätzlich aber bleibt die Frage: Warum sollte man einen so gemütlichen Karneval mit Polonaise à la Blankenese, wie ihn Horstkotte altbacken inszeniert, überhaupt fürchten und verbieten? So harrt Wagners Jugendstreich weiter der szenischen Entdeckung, der musikalischen kommt man an den Landesbühnen schon näher, und das allein ist Grund genug, sich über diesen ungewöhnlichen Auftakt zum kommenden Wagner-Verdi-Jahr zu freuen. Boris Michael Gruhl

nächste Aufführungen: 21.12.; 11. & 20.1., 20.5.2013

www.dresden-theater.de

CD-Empfehlung: April Cantelo (Isabella), Raimund Herincx (Friedrich), Alexander Young (Luzio), Ian Caley (Claudio) u.a., BBC Northern Symphony Orchestra, BCC Northern Singers, Dirigent Sir Edward Downes, live London, 23. Mai 1976, erschienen bei Ponto, PO-1055

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.12.2012

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