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Wenn Frauen Wunderkerzen werden - "Handkes Weiberabend" in der Scheune

Wenn Frauen Wunderkerzen werden - "Handkes Weiberabend" in der Scheune

Interaktives Tanztheater in der Scheune, der Ort hat Atmosphäre, das Projekt der jungen Dresdner Kompanie aus Tanz, Licht und Sound hat hier einen angemessenen Platz.

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Die tanzenden Weiber: Cindy Hammer, Josefine Wosahlo und Rebekka E. Böhme (v.l.).

Quelle: David Pinzer

Es ist der Platz jener "Stunde da wir nichts voneinander wussten" aus Peter Handkes Stück, in dem namenlose Menschen wortlos diesen Ort betreten und verlassen. Sie kommen zurück, ihre Wege kreuzen sich, sie gehen sich aus dem Weg, sie gehen zusammen und trennen sich. Sie lieben sich und meiden sich. Handkes Poesie ohne Worte überlässt es dem Zuschauer, Dialoge zu empfinden, das Schweigen auszuhalten, die Menschen zu begleiten, sie zu verlassen oder sich von ihnen verfolgen zu lassen.

Johanna Roggan lässt in ihrer Choreografie zunächst drei Tänzerinnen erscheinen, sie sind umgeben von einem Sound aus Licht und Straßenklang, wir nehmen sie als Silhouetten wahr, sie werfen übergroße Schatten, und diese verbreiten an ihren Rändern flirrende Lichteffekte von so seltsamer wie rätselhafter Schönheit. Matthias Härtig und Frieder Weiss choreografieren das Geschehen auf ihre Weise mit den Lichtkünsten ihres interaktiven Systems, und Siggy Blooms Musik mischt schlagerhafte Sonnensehnsucht mit verstörenden Geräuschen.

Die Tänzerinnen Rebekka E. Böhme, Cindy Hammer und Josefine Wosahlo, wenn sie aus dem Licht in die Realität des Platzes treten, stellen Typen dar. Die Ruhe selbst ist die eine, die andere ist beständig damit beschäftigt, sich zu ordnen, und die dritte plagt sich und die anderen mit ihrer Hektik. Vereint sind sie in ihrem Bestreben, ihren kleinen Platz unter der Sonne zu behaupten, die Straße sich als Strand zu träumen. Dabei entsteht aus den Wiederholungen kleiner, sparsam gesetzter Alltäglichkeiten der Tanz.

Im Tanz dann die Varianten, den Platz zu queren, Kontakte aufzunehmen, abzubrechen oder zu verweigern. Sie streiten sich, sie schleifen sich, sie gehen zu Boden und stehen wieder auf. Sie agieren allein, zu zweit, zu dritt, kurze Phasen der Symmetrie blitzen auf und vergehen. Sie bleiben sich als Typen treu, variieren ihre Grundgesten, wobei die Choreografie hier bemerkenswert sparsam bleibt, es sei denn sie tanzen oder treten aus ihren Rollen, dann kommt die technische Raffinesse der Medien hinzu, und ein Film vervielfacht die Frauen, lässt dabei aber auch aus den Persönlichkeiten wieder Schemen werden.

Bei ihrer ersten Choreografie stellt sich Johanna Roggan in Kooperation mit der Trans-Media-Akademie Hellerau e.V. der enormen Herausforderung, in dieser interaktiven Fragestunde zu erkunden, was die drei Frauen voneinander wissen, was sie voreinander verbergen könnten unter den unzähligen Kleidungsstücken, die im Verlauf der knappen Stunde immer wieder vom dunklen Bühnenhimmel auf den Platz des Geschehens fallen. Noch waltet mitunter verständlich Zurückhaltung.

Auch wenn man sich manchmal stärkere Verschärfungen der Konflikte vorstellen könnte, existenzielle Nöte der Tänzerinnen so nachvollziehbarer, die Weiber auch balzende Platzhirsche wären, die Dresdner freie Tanzszene startet mit dieser Premiere hoffnungsvoll ins neue Jahr.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.01.2012

Boris Michael Gruhl

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