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Weltreise auf Kölsch: BAP um Wolfgang Niedecken auf dem Weißen Hirsch in Dresden

Weltreise auf Kölsch: BAP um Wolfgang Niedecken auf dem Weißen Hirsch in Dresden

Die Ehrlichkeit, genau. Dazu zählt auch, gleich zu Beginn des Konzerts zu erklären, dass das mit dem gezogenem Stecker - das Wort "unplugged" darf anscheinend nur noch in Zusammenhang mit MTV genutzt werden (!) - ein "Märchen" sei.

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Im November 2011 hatte Wolfgang Niedecken einen Schlaganfall, am Sonnabend am Weißen Hirsch stand er gut drei Stunden auf der Bühne.

Quelle: Christian Juppe

"Wenn wir hier gar keine Elektronik hätten, würde man da hinten nichts hören." Da hinten: im hinteren Areal des wunderschönen Konzertplatzes Weißer Hirsch hinter dem Parkhotel, inmitten von hohen, alten Bäumen. Keine Häuser sichtbar, dennoch scheint es Bewohner zu geben, die noch ruhebedürftiger sind als die Sanatoriumsgäste von ehemals, denn nicht nur muss das Konzert um 22 Uhr beendet sein, es gibt auch eine Lautstärkenbegrenzung. Wolfgang Niedecken bittet also leicht kokett darum, nicht so laut zu applaudieren. Das wird - natürlich - nicht eingehalten.

Es funktioniert. Eine Auswahl langsamerer, akustik-tauglicher Songs aus dem umfangreichen Katalog der Kölschrockgruppe BAP, open air gespielt. Wenngleich es ein bisschen dauert, bis bei herrlichstem Sonnenschein, eher gedrosselter Lautstärke von entspannt auf einer fast ebenerdigen Bühne sitzenden Musikern der Funke überspringt. Im Endeffekt sind es eher wenige der wunderschönen "Zosamme alt"-CD, die Niedecken im Vorjahr in Woodstock mit amerikanischen Musikern einspielte, vielmehr "eine Art Weltreise mit dem fliegenden Teppich".

Der erste Song, der richtig tadellos rüberkommt, ist "Rääts un links vum Bahndamm" mit den grandiosen Percussions von Rhani Krija, anrührend-sentimalen 80er-Jahre-Keyboardklängen von Michael Nass sowie einer herrlichen Mandoline von Anna de Wolff, die an diesem Abend als wahre Instrumentalistin beeindrucken wird und damit ein Heimspiel der besonderen Art feiert. Nach acht Jahren bei BAP war dies die erste Gelegenheit der Dresdnerin, ihrer Heimatstadt die kölsche Kultur zu präsentieren.

Passend zum Stichwort des fliegenden Teppichs gibt es einen regelrechten marokkanischen Block, gestartet mit einem sehr stimmigen "Magdalena (weil Maria hatt ich schon)", bei dem die gesamte Orchestrierung wirklich eine Karawane hervorruft, de Wolff mit Bongos, indischem Harmonium und Posaune überzeugt. Der beste Teil des Konzerts ist jedoch zweifellos der politische - vielleicht, weil Niedecken wie kaum ein anderer deutscher Musiker Inhalt und Form, Engagement und Kunst zusammenbringen kann.

Das geht los mit "Noh Gulu", jenem ganz und gar ergreifenden Song über ehemalige Kindersoldaten in Nord-Uganda, die jeden Abend sieben Kilometer weit laufen müssen, um eine halbwegs sichere Nacht zu verbringen, die kleineren an der Hand der größeren, alle barfuß, alle ängstlich. Michael Nass spielt ein klassisches Klavier dazu und Ulrich Rode - der für den erkrankten Helmut Krumminga eingesprungene Mann von Anna de Wolff - bedient die Pedal Steel passend gefühlvoll. Und es gibt eine direkte Überleitung zu "Jupp", jenem Song über den gestrandeten Weltkriegsveteranen, der von allem erzählt, "nur vun Stalingraad verzällt er nie." Frau de Wolffs Cello und Werner Kopals Kontrabass nehmen einem ebenso den Atem wie die schon oft gehörte Geschichte.

Und Niedeckens nach wie vor - und nach einem Schlaganfall! - wunderbar differenzierte Stimme schraubt sich hinein in "Kristallnaach". Die Sound-Explosion der Schallplattenaufnahme und sonstiger Live-Auftritte bleibt natürlich aus, an der Stelle gibt es eine extrastarke Zurücknahme. Gut gelöst, das. Dennoch fällt das Publikum wie- der rein auf den vorantreibenden Rhythmus und klatscht mit. Trotz musikalisch mehr als angedeutetem Sirenengeheul dazu...

Bei "Verdamp lang her" kann man geteilter Meinung sein über die Akustik-Version. Niedeckens Mundharmonika und de Wolffs Mandoline haben einen besonderen Reiz, andererseits ist dies doch ein Song, der eigentlich Drive braucht. Ein wenig kann man sich des Anscheins nicht erwehren, dass all die knapp 1000 Besucher da von ihren Sitzen (!) aufstehend und klatschend einfach den Song feiern, den sie kennen.

Nach über zwei Stunden ist der offizielle Part vorbei, aber wie stets bei BAP gibt es zwei Zugabensets. Dabei darf das ultimative Liebeslied "Do kanns zaubere" natürlich nicht fehlen; überraschender sind "Songs sinn Dräume" sowie das Titelstück der 1984-Schallplatte "Zwesche Salzjebäck un Bier", das sich mit einem ausgeweiteten, leicht experimentellen Mittelpart großartig für die Akustik-Adaption eignet.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.07.2014

Beate Baum

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