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Welten-Wanderer in Vers und Bild: Ausstellung von Wolfgang E. Herbst-Silesius in Dresden

Welten-Wanderer in Vers und Bild: Ausstellung von Wolfgang E. Herbst-Silesius in Dresden

Diese spontan durch ihre augenscheinliche Qualität beeindruckende Ausstellung in Maria Arlts Galerie verlässt unser kuratorisches Grundkonzept insofern, als der 77-jährige Wolfgang E.

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Wolfgang E. Herbst-Silesius: Selbstporträt, Öl, 2010. Repro: Jürgen Schieferdecker

Herbst-Silesius weder ein junger Debütant noch ein namenloser Senior ist. Letzteres wäre allenfalls aus regionaler Sicht zu sehen, weil der lebenslange Wanderarbeiter durch Lande und Künste erst nach der Jahrtausendwende in einem skurrilen Meißner Winkel sesshaft geworden ist. Sein Lebenslauf ist durch die Fülle der Stationen nur schwer zu rekapitulieren. Der am 7. Januar 1935 in Weißstein/Niederschlesien Geborene wähnte sich nach der Aussiedlung lange als heimatlos und erkannte erst kürzlich, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, und hängte seinem Namen "Silesius" an, ohne damit Gebietsansprüche stellen zu wollen.

Von zwei erlernten Handwerken als Bäcker und Schriftsetzer nach wenig ergiebiger Schulausbildung ist immerhin der zweite später wichtig geworden. Ansonsten erfindet sich Herbst-Silesius fortwährend selber immer wieder neu. So finden wir ihn bald als Korrektor namhafter Tageszeitungen wie der Süddeutschen und der Berliner Zeitung sowie den Westfälischen Nachrichten. Abwechslungshalber nimmt er danach ein Gesangsstudium bei Prof. Gruberbauer an der Münchner Musikhochschule auf. Für Kunst und Leben prägend wird dann aber das Studium der Freien Grafik an der Kunstakademie Düsseldorf, wo nach und nach die spätere Elite westdeutscher Kunst der zweiten Jahrhunderthälfte, zuerst als Schüler, dann als Lehrer, auftritt. Silesius lernt sie alle kennen: Joseph Beuys, Gotthard Graubner, Jörg Immendorf, Markus Lüpertz, Gerhard Richter usw.

Als Meisterschüler verlässt der junge Künstler die Düsseldorfer Hochschule, aber nicht den Ort, gründet, wie schon anderswo, eine Handpresse, wird langjähriges Vorstandsmitglied des dorti-gen BBK und Künstlervertreter im Kulturausschuss der Stadt. Sein Werk explodiert in verschiedenen Richtungen, na-türlich mit Bildkunst: Malerei diverser Verfahren, Holzschnitt, Zeichnung etc., annähernd synchron mit Lyrik und Texten, als sein eigener Verleger über die Künstlerhandpresse, aber auch in anderen Editionen und Anthologien. Texte und Verse geraten später immer mehr zu Trägern philosophischer Gedanken. Dazu mag zwischen 1985 und 1990 seine intensive Reisetätigkeit im deutschsprachigen Raum angeregt haben. Als er ein Jahrzehnt später in unserer Region - wie ich hoffe, auch im übertragenen Sinne - "angekommen" ist, gründet er 2004 mit der Meißner Künstlerin Else Gold eine Werk- und vermutlich Lebensgemeinschaft unter dem schönen Titel "Fei su schie", der für mich idiomatisch zwischen Südostasien und Erzgebirge oszilliert.

Bevor wir uns seinen hier präsentierten Werken ausführlicher zuwenden, sei vollständigkeitshalber angemerkt, dass Wolfgang E. Herbst-Silesius in etlichen öffentlichen und privaten Sammlungen mit seinen Werken vertreten ist, den Preis der Kunstakademie Düsseldorf und Auszeichnungen in Alexandria, Mainz und anderswo erhielt und natürlich früher und auch schon in seiner neuen Heimat (sofern man diesen Begriff überhaupt verwenden darf) zahlreiche Ausstellungen seiner Arbeiten zeigen konnte.

Unsere Auswahl muss sich zwar auf Gemälde, Holzschnitte und Künstlerbücher beschränken, zeigt aber vor allem im bildnerischen Bereich einen wunderbaren Zusammenklang von scheinbar gegensätzlichen Fakturen zwischen freier Gegenständlichkeit und Abstraktion. Die zahlreichen kleinformatigen Holzschnitte umspielen dieses immer noch überbewertete Problem, indem sie das eine aus dem anderen zwanglos hervorgehen lassen, wie an der Eingangswand an anderthalb Dutzend Arbeiten vorzüglich zu studieren ist. Diese Holzschnitte entstehen oft unterwegs wie Tagebuchblätter und sind insbesondere auch in Herbst-Silesius' Büchern glücklich mit der Lyrik vereint.

Die beiden großen quadratischen "Kosmischen Bilder" sind vom Verfahren her trotz ihrer klaren Erscheinung sehr aufwändige Peinturen. Der Maler behandelt sie zunächst über der Grundierung großzügig-schwungvoll in freier Form. Auf diesen Fond tüpfelt er in ca. einem Monat gleichsam tänzerisch mit spitzem Pinsel die gepunktete Oberschicht. Das könnte monoton wirken, wenn die Bilder nicht durch die Bewegung des Künstlers und die kaum merklichen Interferenzen der Farbschichten gewissermaßen "atmen" würden und so - ohne Imitation des Sternenhimmels - eine geradezu kosmische Aura erhielten. Wiederum einen schroffen Gegensatz bieten die beiden in der Tiefe des Raumes angeordneten Gemälde: das linke ein furioser Beitrag zum abstrakten Expressionismus; über der Tür ein quasi explosibles Selbstbildnis des Künstlers, das den Feuerkopf, der er ist, sozusagen gegenständlich wiedergibt.

Dieses Feuer tobt auch im Musikus Silesius. Der sah vor einigen Jahren eine fabelhafte Konzertina aus dem 19. Jahrhundert, Vorgängerin von Bandonions, Akkordeons, Schifferklavieren und allen sonstigen Zerrwänsten, mit der Besonderheit, dass ihre Bedienung nur über Knöpfe alles andere als einfach ist und auch sein frühes Gesangsstudium außer den Notenkenntnissen nicht groß weiter hilft. "Die muss ich haben", sagte er, seines klammen Geldbeutels wohl bewusst. Er kratzte das Letzte zusammen und mit freundlicher Zubuße von Künstlerfreunden wurde seine Sehnsucht zum 70. Geburtstag wahr. Zwei Jahre später hatte er das drauf, was wir heute hören können.

bis 20. Nov., Di-Fr 10-13 und 15-18 Uhr, Do bis 19 Uhr, Bautzner Landstr. 28

www.arlt-bilderrahmen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.11.2012

Jürgen Schieferdecker

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