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Wege, Wandlungen, Weisheit: Zum 85. Geburtstag des Bildkünstlers Gerd Jaeger

Wege, Wandlungen, Weisheit: Zum 85. Geburtstag des Bildkünstlers Gerd Jaeger

September 1927 in Förderstedt geboren, ist Gerd Jaeger landläufig als einer der wichtigsten Bildhauer Ostdeutschlands und Lehrer von ganzen Künstlergenerationen dieser Spezies bekannt.

Am 16.

Da er vom Naturell und Intellekt her nie ein greller Posaunist seiner eigenen Kunst gewesen ist, weiß - von intimen Kennern abgesehen - kaum einer, dass in diesem Künstlerleben bisher neben den ca. 200 Skulpturen, die sein privates Werkverzeichnis auflistet, eine nicht bezifferbare Fülle brillanter Zeichnungen von witzsprühenden Cartoons bis zu großformatigen Akten und Figurengruppen in allen Techniken entstanden und ein vorwiegend abstraktes Malwerk bis heute im Wachsen ist. Das klingt fast nach Harmonie ohne Ende, wovon die Lebenswirklichkeit, vom privaten Glück einmal abgesehen, doch streckenweise wesentlich abweicht.

Krieg als Thema

Das beginnt gleich mit der Ungnade der frühen Geburt, die Jaeger 1943 mit 16 Jahren als für den Kriegsdienst geeignet ausweist. Aus dem Luftwaffenhelfer, Arbeitsdienstler und Jungsoldaten wird an der Ostfront alsbald ein sowjetischer Kriegsgefangener und das bis 1949! Der Künstler spricht heute von dieser Zeit ohne Bitternis. Nach der Rückkehr in die Heimat kommt Jaegers künstlerische Ausbildung in die akademischen Gänge. Bis zum Studienbeginn im Herbst 1949 an der Hochschule für Baukunst und Bildende Künste Weimar erweitert er sein 1943 begonnenes Zeichenwerk über die Schrecken des Krieges noch wesentlich; das Thema wird ihn über Jahrzehnte nicht loslassen. Nach der Weimarer Hochschule, die bereits 1951/52 wieder aufgelöst wird, wendet sich Jaeger nach Dresden, wo in jenen Jahren noch alle Lehrstühle prominent besetzt waren und für ihn nach einem Intermezzo bei Max Schwimmer und Eugen Hoffmann die Entscheidung für die Plastik fällt.

Die ersten Skulpturen zeigen bereits mehr Wahlverwandtes denn Schülerschaft ("Frauenkopf", Bronze, 1952). Anschließend nutzt Jaeger als Aspirant, Assistent und Dozent alle pädagogischen Stufen seines Fachs, um den Eleven neben der spezifischen bildnerischen Praxis auch den Blick in die Weite zu eröffnen. 1971 wird er Professor für Plastik an der HfBK und bildet bis 1994 eine große Zahl später namhafter Bildhauer aus, unter denen - allerdings als Zeichenschüler - Wieland Förster der Bedeutendste geworden ist. Aus der Phalanx renommierter Bildhauer seien hier nur stellvertretend, als Dresden besonders betreffend, Wolf-Eike Kuntsche, Frank Maasdorf, Detlef Reinemer, Klaus-Michael Stephan, Hartmut Bonk, Tobias Stengel und Matthias Jackisch genannt.

Gerd Jaegers gültiges bildhauerisches Schaffen als bekanntester Werk-Block seiner Lebensarbeit setzt bereits anfangs der Dresdner Studienzeit ein mit Bronzen kleinen bis mittleren Formates, die vom Porträt über Torsi und Statuetten auch Charakteristika der Körperlichkeit von Tänzerinnen, Sportlern, Badenden etc. erfassen; Arbeiter und Bauern kommen merkwürdiger Weise selten vor, wobei man dem nackten Menschen dies allerdings auch kaum absehen kann. Diese Werkphase bis zur Mitte der 60er Jahre mutet wie ein Aufatmen nach Krieg und Gefangenschaft an, schließt aber gleichwohl Formfindungen nicht aus, die zu der spätestens mit der III. Deutschen Kunstausstellung 1953 offenbarten kulturellen Staatsräson der DDR absolut inkonform sind, wie beispielsweise ein "Prähistorischer Torso" oder der "Männliche Kopf", beides Gipse von 1958.

Komprimat des Schmerzes

Mit vier überlebensgroßen Kalksteinfiguren für einen Brunnen in Eisenhüttenstadt bricht der Künstler sowohl im Material als auch in Funktion und Bemessung 1960 aus dem gewohnten Rahmen deutlich aus. 1965 schafft Jaeger zum Dresden-Gedenken die annähernd lebensgroße Zementplastik "Toter Knabe" und findet damit nicht nur ein Schwerpunktthema der Folgejahre, sondern auch den dafür prädestinierten Werkstoff.

Obwohl immer wieder nicht von ungefähr wunderbare Frauenfiguren und Torsi, auch Porträts ("Schreitende", 1963; "Porträt Renate", 1977; "Aphrodite-Torso", 1982/83) den Widerpart zur Verarbeitung des Kriegstraumas bilden, werden tragische Sujets seit den 70er Jahren deutlich häufiger, voluminöser und kompromissloser. Eine Skulptur wie der Zementguss "Ende einer Jugend" von 1979/80, ein mit nichts und keinem vergleichbares Komprimat des Schmerzes, steht auch für die vollkommene Integration aller Einflüsse zum unverwechselbaren Eigenstand, wie seine "hommage à Riemenschneider" aus dem Folgejahr. Torsi, schon immer bevorzugte plastische Figurationen des Künstlers, wachsen aus innerer Konsequenz über bloßes Naturmaß hinaus, geschlechterweise stärker gestreckt oder gerundet, werden zu prägnanten Ausdrucksträgern.

Der Großteil des Jaegerschen Werkes ist in der DDR entstanden, trägt allenfalls Hoffnung, aber keinen Optimismus, von Jubel nicht zu reden. Das gilt auch für die vergleichsweise nicht allzu zahlreichen Beiträge zur Kunst im öffentlichen Raum. Seine fünf Bronzetüren zur Dresdner Stadtgeschichte gehören zu dem, was vom Kulturpalast jedenfalls bleiben wird. Seine Zementplastiken "Vita" von 1974 stehen in Chemnitz, Suhl und Coswig bei Dresden, die "Große Hockende", gleiches Material und Jahr, hält Position an der Budapester Straße und die kleine Allende-Stele am Münchner Platz. Das alles und anderswo mehr hat Zukunft vor sich.

Gerd Jaeger zeichnete immer, eine Kraftnatur mit so sicheren wie sensiblen Händen. So recht ist der Maler in ihm aber wohl erst zum Ausbruch gekommen, als das Schanzzeug für die Bildhauerei den Händen zu schwer wurde. Seit 1994/95 entstehen im Atelier Mendelssohnallee neben kleinen Plastiken Aquarelle und vor allem Ölgemälde mittleren und großen Formates. Obwohl dieses Malwerk noch in vollem Flusse ist, rundet es sein gewaltiges Lebenswerk im Sinne seines selbst gewählten Mottos "Klang, Maßstab und Ausdruck" zu einer Alters-Weisheit, die nicht durch vornehmes Entrücktsein, sondern ansteckende Frische überwältigt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.09.2012

Jürgen Schieferdecker

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