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Wechselbad der Gefühle: Neuinszenierung von "Cabaret" an der Staatsoperette

Wechselbad der Gefühle: Neuinszenierung von "Cabaret" an der Staatsoperette

Unter den landauf landab erfolgreichen Musicals ist "Cabaret" sicherlich eines der am wenigsten illusionär mit gesellschaftlicher Realität verbundenen und daher menschlich besonders anrührenden.

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Andreas Sauerzapf als Conférencier und das Ballett der Staatsoperette.

Quelle: Kai-Uwe Schulte-Bunert

Die scheinbar zeitlos nostalgische Musik von John Kander hat auf der Show-Ebene ihre Hits, ansonsten führt sie mit ihren kontrastierenden Stimmungen zwischen schmissigen 20er-Jahre-Adaptionen schlicht-gerader bis rührseliger Bürgerlichkeit und national(istisch)em Kitsch durch ein Wechselbad der Gefühle, das durchaus temperiert sein will. Und da liegt sicherlich die Stärke der Inszenierung, die in der Dresdner Staatsoperette ihre Premiere erlebte. Das Orchester läuft unter Leitung von Christian Garbosnik mit der reduzierten Fassung von Christ Walker in den schmissigen Songs zu großer Form auf, besticht mit Strahlkraft und rhythmischer Präzision, wobei es vielleicht noch ein bisschen an samtig warmer Geschmeidigkeit fehlt, die in den "privaten" Songs möglicherweise bewusst ins gemütlich Plüschige übertrieben ist.

Mit Friederike Haas hat man eine Sally Bowles, die die sängerischen Anforderungen ihrer Rolle mühelos beherrscht. Vor allem dann, wenn sie sich dabei nicht bewegen muss, lässt sie kaum Wünsche offen, jedenfalls nicht in den englisch gesungenen Passagen. Als Conférencier in diesem Stück kann man dagegen nur überzeugen, wenn Gesang und Bewegung perfekt auf dem Punkt sind, und an Perfektion fehlt es hier auch wahrlich nicht. Leider aber wirkt diese bei Andreas Sauerzapf eher im Sinn von perfekt einstudiert, und beim berühmten "Money Money" scheint es geradezu, als agiere da jemand zu einem Playback-Einspiel, was ja natürlich nicht stimmt. Aber da fehlt einfach noch einiges bis zur wirklich souveränen oder gar charismatischen Beherrschung feinster Nuancen.

So jedenfalls fürchtet man bei Sauerzapf buchstäblich, er werde gleich anfangs von der überdimensionalen Welt-Discokugel erdrückt, die Ausstatter Markus Meyer janusköpfig, halb gleißnerisch, halb bedrohlich in seinen Kit-Cat-Club gehängt hat. Den Hintergrund bildet hier eine mit Masken dekorierte Wand, auf der die fröhlichen, multikulturellen Typen mehr und mehr ersetzt werden von der uniformen Fratze des Verführers. Gleitende Übergänge im wörtlichen Sinn sind kein Problem, denn das gastliche, realistisch bieder ausstaffierte Etablissement des Fräulein Schneider ist ein offener Kasten, der nach Bedarf in den Hintergrund verschoben werden, aber auch vieltürig zur Showbühne geöffnet werden kann. Dort marschieren Chor und Ballett tatsächlich wie in einem beengten Club auf, um vor allem beim "Welcome" Furore zu machen. Im Nachhinein wünscht man, der Fantasie von Pascal Chevroton wären weniger Grenzen gesetzt gewesen, denn deren Choreographie hat immerhin auch einige (sogar selbst-)ironische Momente und bestimmt eindeutig den Show und Schauwert der Aufführung.

Bei der Vermittlung der politischen Aussage des Stücks drohen anscheinend keine Fallstricke. Den aufkommenden Faschismus als eine krankhafte Entgleisung von Selbstbewusstsein und Gerechtigkeitssinn der "unteren Schichten" oder besser niederer Instinkte zu sehen, scheint fast ebenso selbstverständlich wie das Eintreten für menschliche Werte ohne Ansehen von Herkunft, Religion und Lebensart. Dass sich die Situation im Deutschland am Ende der Weltwirtschaftskrise einem aus Amerika angereisten Schriftsteller trotz gehöriger Naivität im Unterschied zu manchem germanischen Zeitgenossen ganz selbstverständlich offenbart, sollte man freilich auch nicht unterschätzen. Wenn man sie einfach so laufen lässt, verliert die Story an Symbolkraft und wirkt fast schon zu simpel. Genau das geschieht hier über manche Strecke, weil sich Robert Lehmeier bei seiner Inszenierung weitgehend damit begnügt, Musik, Choreographie und Textwiedergabe ordentlich zu koordinieren.

Das Darstellerische bleibt dabei weitgehend auf der Strecke, zumal bei den vielen, in kürzester Zeit geforderten Stimmungsumschwüngen, wo jede Geste, jede Körperhaltung absolut sitzen muss, wenn Pointen auf den Punkt gebracht, Gefühle nicht nur verbal behauptet werden sollen. Doch in dem Moment, wo hier Sally Bowles ihrem Cliff (Marcus Günzel) eine Schwangerschaft gesteht, kann sich eigentlich kein Mensch vorstellen, wie es zwischen diesen beiden dazu gekommen sein könnte. Dazu agiert Günzel einfach zu distanziert und wenig charmant, und auch gesanglich deutet er Potenzen nur an, ohne sich annähernd mit dem Niveau seiner Partnerin zu vergleichen. Wenn Fräulein Kost (Iris Stefanie Maier) ihre unzulänglich bekleideten Matrosen auftreten lässt, erzeugt das nur einmal einige Heiterkeit, zum größten Teil auf Kosten der Körperfülle dieses vermeintlichen Liebhabers respektive angeblichen Verwandten - ansonsten bleibt die Dame vollkommen blass. Dagegen hilft es wenig, dass man mit Gloria Nowack und Wolf-Dieter Lingk zwei für ihre Rollen fast zu erfahrene Mimen aufgeboten werden. Nowack, die nicht nur als Seitensprung vom Kabarett zu "Cabaret", sondern fest an die Operette gewechselt hat, ist als ein äußerlich sehr ältlich-konservatives Fräulein Schneider zu erleben, hat aber auch - zumal in ihren Gesangsnummern - eine gehörige Portion Lebenslust und Mutterwitz aufzubieten. Lingk, der Jahrzehnte unter einem Regisseur wie Christoph Schroth gearbeitet hat, ist ein verhalten biederer Gemüsehändler, der vor allem viel innere Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt und sängerisch gerade noch so durchgeht.

Wie die beiden ihre Figuren von innen heraus gestalten, das erzeugt aber immerhin ein Maß an Glaubwürdigkeit, die dringend gebraucht wird als Gegengewicht zum geschäftstüchtigen Nazi Ernst Ludwig, dem Christian Grygas zumal in der schwarzen Uniform eine Ausstrahlung gibt, die neben der eitlen, fanatisch herrischen Autorität auch eine gehörige Portion verführerischer Faszination ausgeht, die mit der heuchlerischen Eindringlichkeit des Heimatlieds korrespondiert, Danach brauchte es die auf der Showbühne mit allerlei Lichteffekten und aufkommendem Gebrumm von Flugzeugmotoren in Gang gesetzte Verdeutlichung eigentlich nicht mehr.

Vorstellungen: 25./26.10.; 17./18.11

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.10.2011

Tomas Petzold

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