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Webers "Freischütz" wieder an der Semperoper: Interview mit dem Regisseur Axel Köhler

Webers "Freischütz" wieder an der Semperoper: Interview mit dem Regisseur Axel Köhler

Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" und Dresden - das sind zwei Dinge, die zusammengehören. Seit der Uraufführung 1821 ist diese Oper, die immer noch als die deutsche romantische Oper schlechthin gilt, in Dresden immer wieder neu aufgelegt und insgesamt etwa 1 500 Mal gespielt worden.

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Axel Köhler (l.) probt mit Anna Katharina Schumann (die Hinkende) und Georg Zeppenfeld (Kaspar).

Quelle: Matthias Creutziger

Dabei ist die wechselvolle Geschichte der Stadt, bis hin zu Zerstörung und Wiederaufbau, inzwischen an der Inszenierungsgeschichte selbst ablesbar. Die Semperoper bringt nun eine Neuproduktion heraus, mit Christian Thielemann am Dirigentenpult und in der Inszenierung von Axel Köhler. Aron Koban hatte Gelegenheit, mit Axel Köhler über seine Vorstellungen zum Stück zu sprechen. Dabei stellte es sich heraus, dass man auch heutzutage in dieser Oper nicht zwangsläufig auf einen grünen Wald verzichten muss...

Frage: Der "Freischütz" ist in Dresden immer wieder aufgelegt worden. Fühlen Sie sich mit Ihrer Neuinszenierung einer Dresdner Aufführungstradition verpflichtet?

Axel Köhler: Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie eine Inszenierung aussehen müsste, die sich einer sogenannten "Dresdner Aufführungstradition" verpflichtet fühlte. Wenn man hier und heute als Regisseur an den "Freischütz" herangeht, kann man nur versuchen, eine subjektive Lesart zu finden, hinter der man selbst zu hundert Prozent steht. Zugleich will ich natürlich einen Weg finden, die Inszenierung mit der Stadt Dresden zu verbinden.

Was haben Sie an Dresdner Anknüpfungspunkten gefunden?

Mich hat in Zusammenhang mit der Stadt z.B. der Umstand interessiert, dass der "Freischütz" 1944 die letzte Vorstellung vor der Schließung der Oper im Zuge des "totalen Kriegs" gewesen ist. Danach ist die Stadt samt Oper zerbombt worden. Deshalb hat man das neue Opernhaus 1985 wieder mit diesem Stück eröffnet. 2015 jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal, und die Wiedereröffnung liegt 30 Jahre zurück. Eine Dresdner Produktion muss auf diese geschichtlichen Zusammenhänge aus meiner Sicht unbedingt eingehen - ohne Hakenkreuzsymbole auf der Bühne herumzutragen. Das ist aber nur ein konzeptioneller Ansatzpunkt von vielen. Die Schwierigkeit des Stückes besteht prinzipiell darin, sich auf Deutungsirrwegen oder besser gesagt Umdeutungsirrwegen zu verlieren.

In der Literatur ist immer wieder davon die Rede, dass die Hauptfigur dieser Oper eigentlich der Wald ist. Die Figuren und handelnden Personen erscheinen nur als seine Symbole. Ist solch eine naturmystische Interpretation für Sie auch ein "Umdeutungsirrweg"?

Genau diese These hat dazu geführt, dass in vielen neueren Inszenierungen der Wald gar nicht mehr da ist. Ich denke, dass der "Freischütz" vielmehr eine spannende Geschichte ist, die zwischen Menschen stattfindet. Die Figuren sind nicht irgendwelche Symbole, sondern Charaktere, die Konflikte und Probleme, welche wir auch heutzutage kennen, miteinander, gegeneinander und mit sich selbst austragen.

Was macht den "Freischütz" heute interessant?

Zuerst geht es um eine tiefe Liebe, dann um Versagensängste, um Glaube und Hoffnung, um Aberglaube und Hoffnungslosigkeit. Das sind alles Dinge, die uns in unserer Gesellschaft ebenso umgeben wie zur Zeit der Entstehung der Oper. Gerade die Problematik des hohen Erwartungsdrucks der Gesellschaft auf den Einzelnen, der dazu neigt, sich selbst ständig zu überfordern, was burn-outs und Depressionen zur Folge hat, ist ein ganz aktuelles Thema. Das zweite Problem betrifft den Krieg - da denke ich nicht nur an den Zweiten Weltkrieg, sondern an den Dreißigjährigen Krieg - der Krieg, der so schlimm in der Zivilbevölkerung gewütet hat, wie erst der Zweite Weltkrieg wieder. Das sind alles Dinge, die mich bei dem Stück beschäftigen.

Wird man einen Wald sehen?

Ja, man wird einen Wald sehen. Aber zum Bühnenbild möchte ich noch nicht zu viel verraten.

Mit "Carmen" und "Schwanda" haben Sie für Dresden schon mehrmals Opern inszeniert, die stark mit folkloristischen Klischees arbeiten. Und nun mit dem "Freischütz" wieder (Bauerntanz, Jungfernkranz, Jägerchor, der Wald, die Jagd usw.). Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Folklore und Kitsch?

Die Folklore ist eine Kultur, die aus einem Volk herausgewachsen ist. Man sollte das nicht verleugnen, sondern damit umgehen. Kitsch wird es erst dann, wenn es kommentarlos stattfindet, denn die Folklore wurde in unserer Geschichte zu oft politisch instrumentalisiert. Das "Volkstümliche" wird im Freischütz zu erleben sein, aber ich möchte etwas Theatralisches daraus machen. Den "Jungfernkranz" und den "Jägerchor" nur als nette Volksmusiknummern abzufeiern wäre mir einfach zu simpel.

Die Hauptfiguren Max und Agathe wirken in ihrer Passivität eher blass, während der böse Caspar und das traute Ännchen viel überzeugender auftreten. Wie gehen Sie mit dieser merkwürdigen Verkehrung um?

Wir versuchen, diese Passivität der Figuren Agathe und Max nicht so aufkommen zu lassen. Ännchen ist deshalb Spielmacher, weil sie scheinbar lustig ist. Aber diese scheinbare Lustigkeit hat auch eine autosuggestive Funktion, um ihre eigene Angst anzugehen. Max und Agathe sind von ihren Ängsten gezeichnet und getrieben, aber vor allem Max geht ja dagegen an. Immerhin ist es seine aktive Entscheidung, die Freikugeln zu gießen- Max versucht damit, dem auf ihm lastenden Erwartungsdruck standzuhalten. Agathe ist tatsächlich den größten Teil des Stückes zum Warten gezwungen. Das, was sie allerdings während des Wartens durchlebt, ist in meinen Augen durchaus auch ein aktiver Prozess. Und der Caspar ist sicher nicht immer so "böse" gewesen, er ist im Laufe seines Lebens so geworden und auch ihn treibt eine riesengroße Angst um, für ihn geht es immerhin um Leben oder Tod.

Also haben alle sehr große Angst in diesem Stück?

Ja alle, das ist das Thema. Jeder versucht, anders mit dieser Angst umzugehen. Das Trio Ännchen-Max-Agathe sind Menschen ohne doppelten Boden, Agathe und Max lieben sich alternativlos. Die "Bösen", die einen doppelten und dreifachen Boden haben, scheinen oft die interessanteren. Doch wenn man sich für eine Liebe entschieden hat und sich keine Hintertüre offenlässt, dann heißt es auch, um diese Liebe kämpfen, und dieses Thema ist alles andere als blass.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem musikalischen Leiter Christian Thielemann? Haben Sie unterschiedliche Vorstellungen?

Nein, im Gegenteil! Wir haben zwar schon im Vorfeld viele wichtige Dinge besprochen, aber es ist natürlich schön, wenn sich spontan in der laufenden Arbeit bestätigt, dass unsere künstlerischen Intentionen grundlegend übereinstimmen. Ich fühle mich durch die musikalische Umsetzung von Christian Thielemann in den von mir angelegten szenischen Vorgängen fulminant unterstützt. Wir verstehen uns sehr gut, und unsere Zusammenarbeit läuft optimal.

Premiere: 1. Mai 19 Uhr, Semperoper. Am Premierenabend mit Live-Übertragung auf den Theaterplatz zum Public Viewing, weitere Vorstellungen: 3., 6., 9., 11., 14., 19., 26., 31. Mai

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.04.2015

Aron Koban

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