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Was ist freies Theater? Ein Festival und eine Diskussionsrunde suchten Antworten.

Was ist freies Theater? Ein Festival und eine Diskussionsrunde suchten Antworten.

Was ist eigentlich freies Theater? Wenn man Leute auf der Straße fragt, kommen da sicher Antworten wie Amateurschauspiel und Schultheatergruppen. Das ist eine Annahme, die in der Diskussionsrunde zum Thema "Freies Theater machen in Dresden" am Ende der viertägigen Werkschau der Compagnie Freaks und Fremde geäußert wurde.

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Mr Fish sitzt Reklame vorm Societaetstheater.

Quelle: Jjsn-media-art ean Sebastian Nass

Da saßen freie Theatermacher beisammen und suchten nach einem Weg, ihr Schaffen zu definieren, zu verorten und sichtbar zu machen. Im September soll es eine spartenübergreifende Veranstaltung im Kraftwerk Mitte geben, an jenem Ort, in den irgendwann auch TJG und Operette einziehen sollen. Die Freien sind so frei und gehen schon mal vor, mit "Theater, Tanz, Aktionen, Szenen, Performances, Miniaturen und großer Oper", wie es auf ihren frisch gedruckten Postkarten unter dem Titel "Kraftwerk off/on" steht. Es ist der erste Versuch in Richtung Bündelung einer sehr heterogenen Kunst unter eigener Regie. Bisher bespielen sie meist einzeln Häuser wie das Projekt- oder das Societaetstheater, die seit Ende Mai beim Off:Dresden-Festival vielen freien Gruppen die Möglichkeit zum Auftreten geben.

Der Zuspruch von Seiten der Künstler war sehr hoch, und auf diese Weise hatten auch Gruppen Chancen auf Vorstellungen, mit denen das Societaetstheater sonst nicht so eng und regelmäßig zusammenarbeitet oder die sonst nur sehr wenige Spieltermine hier finden können.

Am intensivsten wurde das Off:Dresden-Festival durch die Compagnie Freaks und Fremde genutzt. Heiki Ikkola und Sabine Köhler brachten gleich acht verschiedene Stücke mit, alle in Kooperationen mit anderen Künstlern entstanden. Vier Tage lang saß ihr Maskottchen, ein Mann mit Fischkopf, am Eingang des Societaetstheaters und forderte die Menschen stumm dazu auf, einzutreten. Jeder Tag hatte eine besondere Färbung. Der erste war mit seiner "Freakshow" und dem experimentellen Bewegungsstück "Mascara" eher zwischenweltlich und düster, der zweite hellte sich mit "Das Schweigen der Welt" nach Bildern von René Magritte auf, am dritten Tag kamen die Tiere und zeigten sich von ihrer verletzlichen Seite und am letzten Tag beschäftigten sich die Stücke mit den Ressourcen der Erde, mit Wind und Wasser nämlich. Man musste nicht alles gesehen haben, um zu verstehen, wie die Compagnie tickt, denn überall war genug "Liebe und Chaos" drin, genau wie ihr Slogan versprach.

In allen gezeigten Produktionen verschwammen die Grenzen der Wahrnehmung, der Perspektive, zuweilen der Logik. In "Das Schweigen der Welt" werden Bilder lebendig. Die Compagnie stellt in den Szenen zwischen Slapstick und Poesie ganz wie der surrealistische Maler Magritte neue Sinnzusammenhänge her. Da schlüpft der Mensch aus dem Ei, da kriecht der Himmel aus einer Flasche. Es fallen Äpfel aus dem Nirgendwo und am Bühnenende öffnet und schließt ein Mann ein Fenster und dirigiert dadurch das Meer wie eine naturgewaltige Oper. Durch andere Stücke wandeln Chimären und andere Halbwesen, Tiere tragen nur allzu menschliche Züge. Selbst der Tod lässt sich in "Ente, Tod und Tulpe" anstecken von der Lebensfreude einer vor sich hinplappernden Ente.

Die auf einem Bilderbuch von Wolf Erlbruch basierende Produktion unter der Regie von Jörg Lehmann wurde mit minimalen Mitteln aufgeführt. Die Ente (Ikkola) ist eine Handpuppe, der Tod (Martina Couturier) trägt ein graues Karo-Kleid, zwischen ihnen nur ein paar Gummischnüre, eine Waschschüssel und im Hintergrund die musikalische Komplettbegleitung Marie Elsa Drelon, die die Knochen des Todes knarren lässt, wenn er sich müde zur Ente legt oder Steine in den Teich wirft. Es wird viel gelacht, denn der Tod ist auf allen Urlaubsfotos der Ente drauf und versichert ihr, dass er immer in ihrer Nähe sei, "nur für den Fall". Sabine Köhler entwarf die Ente, den Tod als Puppe und viele andere Kostüme, Masken und Figuren der Werkschau und erleichtert damit oft den Perspektivwechsel.

Am Ende des langen Tages führen Hanno Wuckasch und Heiki Ikkola als Gebrüder Grimmig dann noch eine aktualisierte Version des Märchens "Der Wolf und die sieben Geißlein" auf. Auch hier ist die Handlung von Bärbel Haage grandios in Szene gesetzt. Die sieben Kinder werden erst als Papierfiguren von der Mutti (Wukasch) an der Wäscheleine aufgereiht und dann vom Wolf verschlungen, indem Ikkola sechs große Tücher, bemalt mit ihren Verstecken, in sein Oberteil stopft. Alles kindergerecht, aber auch witzig aufgeführt für das zu so später Stunde ausschließlich erwachsene Publikum. Die Märchenmoral hätte deshalb ruhig etwas bissiger ausfallen können.

Tags drauf wurde mit "Talib und das Windfahrrad" von der Puppenspielerin Cosima Greeven noch eine kindertaugliche Regiearbeit Ikkolas aufgeführt. Den Abschluss machte die KURZ&LANG JuWie Dance Company mit ihren Tanzstücken "Aqua" und "Elastomer", wobei das Ju für Jule Oeft und das Wie für Wiebke Bickhardt steht, der Rest ihres Namens liegt in der sehr unterschiedlichen Körpergröße der beiden jungen Tänzerinnen begründet.

Im Societaetstheater folgen nun zwei Off-Theaterpremieren. Die vom Ensemble La Vie heißt "Baby" (Do, 20 Uhr), die von Renat Safiullin ironischerweise "Abgesoffen" (Freitag, 21.6., 20 Uhr). Bis zum gemeinsamen Kraftwerk-Spektakel im September werden die freien Theaterkünstler Dresdens vermutlich noch viele kleine und größere Projekte stemmen. Die Compagnie Freaks und Fremde nimmt am Schaubudensommer teil, tritt bei der Ostrale auf und inszeniert ein Stück, das sie gerade gemeinsam mit einer iranischen Theatercompagnie entwickelt, bis letzte Woche noch vor Ort in Teheran. Sie sind vom Amateurtheater so weit entfernt wie ein Fisch normalerweise vom Festland.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.06.2013

Hannah Panter

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