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Was Macht mit uns macht - Die Jüdin von Toledo im Dresdner Schauspielhaus

Was Macht mit uns macht - Die Jüdin von Toledo im Dresdner Schauspielhaus

Am Sonnabend hat Franz Grillparzers Trauerspiel "Die Jüdin von Toledo" im Dresdner Schauspielhaus Premiere. Es handelt von der Jüdin Rahel, die Alfonso VIII.

, König von Kastilien, so beeindruckt, dass dessen Ehe und das ganze Staatsgefüge in Gefahr gerät, während die Mauren vor den Toren stehen. Das Affärenglück währt nur kurz, denn Alfonsos Frau ist machtbewusste Engländerin - und so reift die Zeit schnell für Rache, Opfer wie Pogrome. Andreas Herrmann sprach mit dem Regisseur Nuran David Calis.

Frage: Sie stammen aus Bielefeld. Gibt es diese Stadt wirklich?

Nuran David Calis: Nein, das ist eine Erfindung der CIA. Das können Sie gerne googeln - da kommen die krudesten Verschwörungstheorien. Nein, im Ernst: Bielefeld gibt es, ich habe dort bis nach dem Abitur gelebt. Aber dann habe ich mich in München für das Regiestudium beworben und es hat sofort geklappt. Seither lebe ich dort.

Aber mit einer Unterbrechung

Ich habe keine so einfache Biografie. In den 60er Jahren kam meine Großmutter als Gastarbeiterin als Erste hierher, ihre Familie zog dann allmählich nach. Hier traf sie meinen Großvater. Dann kam mein Vater aber auf die Idee, nach Istanbul zu gehen, um sich mit seinen Brüdern dort eine eigene Existenz aufzubauen. Ich war zwei und ging mit meiner Mutter mit. Doch 1980 kam der Militärputsch in der Türkei. Für die ethnischen Minderheiten, gerade die Christen, ging es richtig ans Eingemachte. Meine Eltern entkamen gerade so, flüchteten zurück nach Bielefeld und bekamen nun Asylstatus. Nach acht oder neun Jahren wurden wir dann deutsche Staatsbürger. Aber dann lief es einigermaßen normal weiter.

Und nach Bielefeld immer München?

Ja. Ich habe mich dort in eine Münchnerin, die vom Tegernsee kommt, verliebt und bin geblieben. Wir haben dort geheiratet, unsere Tochter ist dort geboren - wir fühlen uns sehr wohl. Ihr Familienclan ist sehr bayerisch, meiner sowieso weltweit verstreut, also bleiben wir da.

Sie hat also nicht eher der Theaterbetrieb aufgesogen und - wie oft - die familiären Beziehungen ersetzt?

Nein, meine familiären Strukturen sind geografisch so weit verstreut, dass ich sie nicht mehr wie gewünscht pflegen kann. Aber alle zwei Jahre treffen wir uns auf einer Insel in der Ägäis, direkt vor Troja, wo mein Großvater in den 60ern ein Haus gebaut hat. Dort ist eine christlich-armenische Enklave. Dann trudeln auch die Verwandten zweiten und dritten Grades ein - sie kommen auch aus Argentinien, Australien, den USA, Italien, Frankreich oder Griechenland. Wir sind auch oft in Istanbul, wo meine Großeltern begraben liegen.

Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Arbeitsweise?

Ich muss zu den Stoffen, an denen ich arbeite, einen persönlichen Zugang finden - so wie hier in Dresden zur "Jüdin von Toledo". Die Geschichten, die ich erzählen will, sollten etwas mit mir zu tun haben. Darüber redet man mit den Theaterleitern.

Heißt das, Sie können sich die Stoffe selbst aussuchen?

Ich werde oft gefragt, was mich interessiert. Und dann findet man gemeinsam etwas Passendes. Es sollte mit der Zeit, in der ich lebe, oder mit den Konflikten, die ich habe, etwas zu tun haben.

Nun haben Sie sich "Die Jüdin von Toledo" auserkoren...

Die Entscheidung fiel in einer schwierigen Phase. Viele neue ethnische Konflikte, Europa macht seine Grenzen dicht. Die Lage in Ungarn, das Grass-Gedicht, die Augstein-Debatte - verschiedene Stimmungen und eine neue Diskussion um Antisemitismus. Ich war erschrocken über deren Heftigkeit und fühlte mich nicht wohl dabei. Gemeinsam mit Intendant Wilfried Schulz haben wir überlegt - und dann beschlossen wir, "Die Jüdin von Toledo" noch einmal neu zu versuchen.

Warum dies?

Mithilfe dieses bürgerlichen Trauerspiels gelingt es zu erzählen, wie in unserer Zeit die Mehrheiten mit ihren Minderheiten umgehen. Wie kann der Schwache vorm Starken geschützt werden, ohne dass der Starke nicht mehr nicht sagen darf, was er will. Stehen sich Menschenwürde und Meinungsfreiheit als Grundrechte sogar entgegen? Das birgt eine allgemeine Parabel, egal ob nun Ausländer, Jude, Homosexueller oder Prekäre vom Ausschluss betroffen sein können. Auch wir Künstler sind eine Minderheit und arbeiten im geschützten Raum. Oder Sie als Journalisten, die kritische Fragen stellen? Vielleicht weht da draußen bald ein ganz anderer, rauerer Wind? Diese Gefahr sollten wir thematisieren, damit Freiheit oder Utopien nicht sterben. Bei Grillparzer stirbt die Utopie.

Sie heißen eigentlich David - und bekamen Nuran als zweiten Vornamen zum Eigenschutz?

Ja. In meinem Umfeld, wo ich aufwuchs, wurde ich nur Nuran genannt. Dass mein Vater Armenier und mein Mutter Jüdin ist, kam nie raus. Bis zum Abitur bin ich damit nicht rausgerückt. Ganz einfach, um nicht unnötig aufzufallen oder anzuecken.

Warum dann?

Ich bin während meines Regiestudiums schnell an die Münchener Kammerspiele und wichtige Leute geraten wie George Tabori oder Dieter Dorn. Die waren alle irgendwie verrückte Outlaws oder selbst irgendwie Minderheit. Die gaben mir die Sicherheit: Sei einfach so, wie Du bist.

Ist das nicht schizophren, gerade am Theater so sein zu wollen, wie man ist?

Es geht einfach um den Freiraum. Den hatte ich so vorher im wahren Leben noch nicht erlebt. Ich war zwanzig und habe einfach die Juden-, die Schwulen- und auch die Armenierwitze nicht mehr ausgehalten. Und hier gab es die Chance, dagegen etwas zu tun.

Aufgrund Ihrer Wurzeln könnten Sie sich in mehrfacher Hinsicht als Minderheit fühlen. Wirkt das auf Ihren Alltag ein?

Nein. Ich weiß zwar nicht, was hinter der Hand geredet wird, aber ich fremdle überhaupt nicht. Das ist in Bochum, in Berlin oder in Dresden gleich. Aber mich erschüttern schon kleine Begebenheiten. Zum Beispiel heute morgen: Meinem Lieblings-Kebab-Laden auf der Königsbrücker Straße wurden über Nacht die Scheiben eingeschlagen - er hatte erst im Herbst eröffnet, gibt sich richtig Mühe, nimmt frische Zutaten und grillt selbst. Der Besitzer wusste nicht, warum das ihm geschah. Das ist zum Glück selten, aber ich reagiere schon sensibel. Auch wenn ich Thilo Sarrazin lese ...

Warum tun Sie das?!

Das gesellschaftliche Grundrauschen muss man schon beachten und auch seinen Schauspielern erklären können, wenn man aktuelles Theater machen möchte. Bei Sarrazin will ich konkret wissen: Wovor hat er eigentlich wirklich Angst.

Sehen Sie sich als integriert?

Ich bin Teil dieser Gesellschaft. Ich lebe hier, es ist meine Heimat. Und diese will ich auch gestalten. Das muss eine Gesellschaft aushalten - so wie es auch mehrere Wahrheiten statt der einen gibt.

Zurück zu Ihrer "Jüdin" - mussten Sie Ihren Schauspielern viel erklären?

Man erläutert das über Parabeln. Wie kann man stark sein und dennoch die Schwachen respektieren? So kann man auch Rockstars, Theatermacher und Journalisten als Minderheiten sehen, die der Mehrheit gefährlich sein könnten, indem sie die Wunden offenlegen. Aus den abstrakten werden so ganz schnell sehr heutige Gedanken, die man anhand jeder einzelnen Szene überprüfen kann.

Es wird derzeit auch über die richtige Herkunftsmixtur in Theaterensembles diskutiert - muss diese jener der Gesellschaft entsprechen?

Ich bin der Falsche für diese De- batte. Ich bin weder Theaterleiter noch Politiker, auch Quoten interessieren mich nicht. Mir geht es nur um die Kunst. Ich gehe nicht zum Intendanten und fordere einen schwarzen, zwei türkische und drei deutsche Schauspieler. Bei der Besetzung von Rollen geht es eher um Erfahrungswerte. Ich arbeite gerne mit Leuten zusammen, mit denen ich schon eine gemeinsame Geschichte habe.

Was tun Sie als nächstes?

Am Montag fangen bei Stefan Bachmann am Schauspiel Köln die Pro- ben zu einem Stück über die NSU- Nagelbombe in der Keupstraße an - genau vor zehn Jahren und dreißig Meter neben dem Theater. Das wird eher dokumentarisch statt künstle- risch überhöht, denn ich habe vier Überlebende mit dabei. Die Geschichte ist eher fragil und wird den seeli- schen Krater der Straße beleuch- ten - denn die Anwohner fühlten sich bis dahin durchaus als zugehörig zur Gesellschaft. 2006 hingen dort meterlange Deutschlandfahnen - doch seit 2010/2011 herauskam, dass dieses neonazistische Trio dahintersteckt, sind alle wie gelähmt.

Sie sind nicht nur Theaterregisseur, sondern auch Filmemacher, Drehbuch- und Romanautor. In welchem Medium sehen Sie Ihre Zukunft?

Ich hänge schon sehr an den persönlichen Beziehungen in die Theater. Also nicht an den Häusern, sondern an den Menschen. Es gibt noch zwei, drei andere Ideen, für das ZDF ist zum Beispiel eine Verfilmung von "Nathan, der Weise" verabredet.

iPremiere am Sonnabend, Schauspielhaus (Restkarten); weitere Aufführungen am 28. April sowie 7., 15. & 30. Mai (je 19.30 Uhr)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.04.2014

Andreas Herrmann

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