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Warum denn so ernst?

Yefim Bronfman am Klavier in der Semperoper Warum denn so ernst?

Was soll man über Yefim Bronfman überhaupt noch sagen? Reden reicht nicht. Hören reicht nicht. Sehen! Darum hatte ihn die Sächsische Staatskapelle Dresden zum Capell-Virtuosen der laufenden Spielzeit ernannt, den sympathischen Amerikaner an die Elbe geholt. Ein großes Glück für Dresden.

Dresden. Was soll man über Yefim Bronfman überhaupt noch sagen? Reden reicht nicht. Hören reicht nicht. Sehen! Darum hatte ihn die Sächsische Staatskapelle Dresden zum Capell-Virtuosen der laufenden Spielzeit ernannt, den sympathischen Amerikaner an die Elbe geholt. Ein großes Glück für Dresden, das Bronfman noch in mehreren Konzerten mit der Staatskapelle (und im Tripelkonzert op. 56 mit Anne-Sophie Mutter und Lynn Harrell) erleben kann. Derweil trat er am Mittwochabend mit aller klanglichen und körperlichen Fülle als Solist in Erscheinung. Gesetzten Schrittes der Auftritt, jungenhaft frisch das Spiel: die Arabeske op. 18 (1839) geriet Bronfman mit großer Melancholie und spitzfingeriger Agilität. „Leicht und zart“, wie Schumann seine „Variationen, aber über kein Thema“ vorgeschrieben hat: ständig schwankend zwischen heiter vorauszuckenden 16-tel-Figuren und schwer molligem Choralton. Der Komponist kann sich selbst nicht anders gefühlt haben, da er auf Geheiß des Schwiegervaters in spe, Friedrich Wieck, nach Wien „versetzt“ wurde, um sich dort eine Musikerexistenz aufzubauen… Wer das Glück hatte, Bronfman beim Spielen ins Gesicht zu blicken, musste das Gefühl haben, er fantasiere so vor sich hin und spinne die Arabeske soeben erst zwischen Kopf und Fingern zusammen — so frei war Schumanns Opus noch nie.

Erinnerungen an Kölner Eklat

Mit nervöser Gespanntheit saß man an diesem Abend in seinem sonst so weichen, samtroten Sitz, wollte sich berieseln lassen… „Warum denn so ernst?“ mag ein makabrer Clown da provozierend aus dem Faschingsschwank aus Wien op. 26 (1839/40) fragen. Antwort: Nicht einmal einen Monat liegt das als Skandalkonzert traurige Berühmtheit erlangte Rezital des iranischen Cembalisten Mahan Esfahani in der Kölner Philharmonie zurück. In dem es zu tumultartigen Reaktionen des Publikums kam, das sich über den nicht Deutsch redenden Musiker aufregte und an dessen Interpretation von Steve Reichs „Piano Phase“ herben Anstoß nahm. Entsetzt zeigte sich das Feuilleton über diesen „Ausrutscher“ eines kunstliebenden Bildungsbürgertums — das ja durchaus nicht wenig Geld zu zahlen bereit ist, um Interpreten solchen Ranges hören zu können. Würde es in Dresden auch so etwas geben können? Dass die Musik selbst zum Schauplatz fremdenfeindlicher Gesinnung würde?

Berechtigte Fragen und Sorgen angesichts allwöchentlicher Hetze auf dem Theaterplatz, und eingedenk des Solisten dieses Abends: Yefim Bronfman, einem Pianisten usbekisch-israelischer Abstammung. Die Semperoper — seit Monaten in mutigem Kampf gegen die Vereinnahmung als „Bühnenbild für Fremdenhass“ und offensichtlich erfolgreichem Streit gegen den Denkmalschutz — mit dem heutzutage waghalsigen Brennpunkt Klavierkonzert? Sie aber gibt nicht nur Hass keine Bühne, sondern auch kein Auditorium. „Wir freuen uns jeden Abend auf ein buntes Publikum.“ ist unter anderem auf der die Exedra schmückenden Leinwand zu lesen. Und dieses weltoffene, in der Tat bunte Publikum (!) dankte dem nicht minder farbenreich spielenden Solisten mit viel Applaus. Vorbei ist aber erst, wenn es vorbei ist: Der Flügel ist schwarz und ein Rezital dauert 90 Minuten! Yefim Bronfman hat diese mit zwei bravourösen Zugaben abgerundet und ließ ein überwältigtes, voll besetztes Parkett zurück.

Ganz anderer Virus hier im Publikum

Um das Dresdner Publikum zu Kölschen Verhältnissen aufzuwiegeln, war dann aber das Programm — zum Glück?! — all zu besänftigend: etwa Sergej Prokofjews Sonate Nr. 9 op. 103 (1947), die „eine frohe und glückliche Welt widerspiegelt, fern jeder Problematik und Schärfe — pastoral, spielerisch, aber von künstlerischer Strenge des Ausdrucks und der formalen Gestaltung“. So schrieb Friedbert Streller in seiner Prokofjew-Monographie (1960). Auch die Dämonie der als eine der drei „Kriegssonaten“ bekannte Nr. 7 op. 83 (1939-1942) wurde nur mit fassungslosem Staunen aufgesogen.

Doch ein ganz anderer Virus, der seit einigen Wochen in Dresden grassiert, breitete sich im Parkett aus: so unruhig, hustend, tuschelnd, scharrend und schnarchend hat man die Gesellschaft bei Sempers selten nur erlebt. An Capell-Virtuose Yefim Bronfman und der meisterlich vorgetragenen Lektüre wird es mit Sicherheit nicht gelegen haben. Zeit, dass Frühling wird.

Peter Motzkus

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