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Wahrheit als Prozess: Volker Sielaffs jüngster Gedichtband "Selbstporträt mit Zwerg"

Wahrheit als Prozess: Volker Sielaffs jüngster Gedichtband "Selbstporträt mit Zwerg"

Klickt man die Webseiten von Amazon an, wird auch der Lyrikband von Volker Sielaff "Selbstporträt mit Zwerg" angeboten und ein Hinweis im Moment, dass nur noch zwei Stück am Lager verfügbar sind.

Ungewöhnlich für einen Gedichtband, denn für gewöhnlich verkaufen sich Bücher mit Lyrik eher unangemessen umsatzneutral.

Es ist der zweite Band, den der 1966 in Großröhrsdorf geborene Autor veröffentlicht, der heute in Dresden lebt. Diese Stadt ist mehr ein biografischer Zufall, ebenso gut könnte sein Lebensort auch Berlin, Paris oder Barcelona sein. Ein Hinweis auf barocke Inspiration findet sich bei aller Intimität der Texte kaum. Es wäre nicht nur bei diesem Dichter interessant zu ergründen, in welcher Beziehung der Stadtalltag mit dem Schreiben korrespondiert. Erschienen ist das Buch im mittlerweile anerkannten Verlag luxbooks Wiesbaden.

In mehreren Sektionen stehen die Gedichte, denen Leitmotive vorangestellt sind. Das Verbindende der Abteilungen ist unter anderem Sielaffs eigene lyrische Tonspur, wie auch schon im ersten Buch, allerdings ist ein Vielfaches an inhaltlichen Sequenzen und philosophischen Strukturen hinzugekommen, ohne dass man es sofort registriert. Da bemerkt man ein tiefes Staunen über die Welt in den Texten, die dem Leser die Möglichkeit eröffnen, ein anderes Verhältnis zu den Dingen zu entwickeln. Ob es in den Gedichten der Ausstellungsbesuch mit Kind ist oder die Frau mittags mit dem roten Plasteeimer, die Mondnacht oder das älteste Lichtbild der Welt, es ist in den Texten eine seltsame Transformation des Augenblicks zu spüren. Verse und Worte, die einen Überschuss an Bedeutung freisetzen.

So auch im Gedicht "Anmerkung zu Platon", das mit der wundervollen Zeile "Ich habe nie eine Form für das Glück gehabt" beginnt. Oder auch der schöne Schlussvers vom Gedicht "Die Wiese": "Die Tage endeten ohne zu vergehen". Mit wenigen Worten trifft Sielaff hier Kindheitsempfindungen der meisten Menschen in der inneren Wahrnehmung. Er erinnert uns an den damaligen unerschöpflichen Zeitvorrat. Diesen Zustand der quengelnden Ungeduld auf Ereignisse, das mühsame Nachdenken über das Ticken der Uhrzeit, die in der Welt der Erwachsenen eine unabdingbare Rolle zu spielen schien. Aber es sind nicht lapidar beschriebene Textbilder, die sich verflüchtigen und einen bloßen Wiederholvorgang im Gedächtnis abrufen, sondern die Verse funktionieren im Verborgenen weiter in einer inneren Klarheit und einem speziellen Rhythmus. Notwendig dafür sind Wortfolgen, die so und nicht anders auf einer Zeile komponiert sind und literarische Spannungswerte erzeugen. Manchmal gerät man ad hoc in Versuchung, diesem oder jenem Gedicht einen Vers zu kürzen, um Sekunden später festzustellen, dass sie doch dem Wortfluss fehlen. Gute Poesie ist eben verletzlich. Das weiß auch der stille, hartnäckige Dichter Volker Sielaff. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass die Sätze des schwedischen Autors Lars Gustafsson, dessen Lesung im Hygiene-Museum auf Sielaffs Betreiben zustande kam, sehr wohl auf ihn passen: "Der gute Poet versteht es in ähnlicher Weise, die Dinge in Schwebe zu halten. Die Wahrheit der Welt ist keine Endstation. Sie ist ein Prozess. Das Gedicht ist mehr als mehr oder weniger verständliche Textmasse."

Wenn man dann noch beim Kauf die Portokosten sparen will, sollte man es nicht versäumen, beim Buchhändler seines Vertrauens vorbeizuschauen, eine Seite des Gedichtbandes aufzuschlagen, zum Beispiel die 32, um für kurze Zeit beim Lesen die alltägliche Hektik zu vergessen. Denn Sielaffs Texte antworten mit einem Innehalten, einer leisen Provokation, die Zeit anders zu atmen. Thomas Ernest

Volker Sielaff: "Selbstporträt mit Zwerg", Gedichte. Verlag luxbooks Wiesbaden, 97 Seiten ISBN 978-3-939557-98-2

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.12.2011

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