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Wahnsinn komm, nimm deinen Lauf - Dürrenmatts "Physiker" im Kulturschutzgebiet

Wahnsinn komm, nimm deinen Lauf - Dürrenmatts "Physiker" im Kulturschutzgebiet

Es gibt Narren, die können schweigen. Es gibt Militärs, die vermögen das nicht. Und es gibt einen Pfaffen, der lauthals mehr militärische Mitsprache des weltweit drittgrößten Rüstungsexporteurs fordert.

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Zwei der Physiker unterwegs. Die Darsteller setzen auf Namenlosigkeit.

Quelle: PR

Ein Vierteljahrhundert nach dem vermeintlichen Ende des Kalten Kriegs und genau 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs - ist das nicht Wahnsinn?

Der Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt hat die offensichtlich krankhafte Unbelehrbarkeit der Menschheit schon viel früher erkannt und genau diesen Wahnsinn in seinem 1961 entstandenen Drama "Die Physiker" auf den Punkt gebracht. An der bleibenden Genialität dieses Stückes hat sich bis heute nichts geändert. Leider.

Diese Erkenntnis muss wohl auch eine Theatergruppe gewonnen haben, die sich genau diese Tragikomödie ausgesucht hat, um schauspielerische Ambitionen mit wachem Blick aufs Zeitgeschehen zu verknüpfen. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler, einer Selbstdarstellung zufolge "anarchistisch organisiert", haben ihre Sicht auf Dürrenmatts Klassiker am Projekttheater vorgestellt. Die als "Kulturschutzgebiet" ausgewiesene Spielstätte ist der ideale Raum für solch ein Ausprobieren, bei dem sich das Spiel- und Sprechvermögen der Mimen als noch sehr unterschiedlich ausgeprägt erweist.

In karger Ausstattung ist das "dünnhäutige" Sanatorium von Papierwänden eingefasst. Ringsum Schweizer Idylle, mittendrein die Abgründe der Welt. Denn nur noch Einstein, Newton und Johann Wilhelm Möbius sitzen in dieser teuren Privatklinik. Dummerweise machen sie auf sich aufmerksam, indem einer nach dem anderen zum Mörder wird. Drei erdrosselte Krankenschwestern, das ist zu viel für Polizei, Staatsanwalt und sogar für die Anstaltsleiterin Mathilde von Zahnd.

Wie in jedem guten Drama ist jedoch nichts so, wie es scheint. Und nach jeder schrägen Wendung kippt die Situation ein weiteres Mal in eine überraschende Richtung. Obwohl "Die Physiker" zeitweise zum meistgespielten Bühnenstück avancierte, Schullektüre wurde und bis heute auf vielen Theatern (ebenso wie in der Politik) aktuell geblieben ist, gelingen diese Effekte in guten Inszenierungen noch immer. Die drei Psychopathen sind gar nicht krank, sondern haben die Schwestern nur deswegen umgebracht, weil die sie liebten und damit den Verbleib in der Klinik gefährdet hätten. Einstein und Newton tun auch nur so, als würden sie sich für Physiker halten, sind in Wahrheit Geheimdienstler, die Möbius überwachen, um an dessen vermeintliche Weltformel zu gelangen. Der aber will die Welt vor genau dieser Gefahr bewahren und hat sich deswegen mit seinem Wissen in die irre Idylle zurückgezogen. Um glaubhaft zu sein, schützt er Gespräche mit König Salomo vor (so ganz normal war der allerdings auch nicht, sondern in erster Linie Legende).

Alles Forschen (des Wissenschaftlers) und Nachforschen (der Spitzel) ist jedoch vergebens, denn Möbius hat seine Aufzeichnungen sicherheitshalber verbrannt. Ein gutes Ende? Nein, noch eine Kehre, ausgerechnet die Klinikchefin erweist sich als völlig durchgedreht, sie hat - auf Geheiß von König Salomo! - die Weltformel kopiert, lässt die Physiker lebenslang wegschließen und stellt nun die größte Bedrohung dar.

Die Projektgruppe namens Blockseminar hat das Stück flüssig und spannungsvoll auf die Bühne gesetzt, es immer mal wieder mit eigenen Gags versehen (die Physiker treten durch die Papierwand ins Zimmer, zum Rauchen nehmen sie Würstchen, zum Anzünden Senf aus der Tube) und bei aller Doppelbödigkeit auf den mahnenden Finger verzichtet. Unterhaltsam sollten "Die Physiker" sein, das waren sie auch. Spontan wurde aufgrund großer Nachfrage eine Zusatzvorstellung für den morgigen Freitag angesetzt.

www.projekttheater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.06.2014

Michael Ernst

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