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Wagners "Tannhäuser" überrascht im mittelsächsischen Format

Wagners "Tannhäuser" überrascht im mittelsächsischen Format

Was denn, "Tannhäuser" in Freiberg, in dem kleinen Theater, bis auf die Titelpartie und die der Venus aus dem hauseigenen Ensemble besetzt? Ist das nicht der pure Größenwahn? Unkenrufe gab's genug im Vorfeld.

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Illustres Bühnenpersonal: Jens Winkelmann (Walther von der Vogelweide), Frieder Post (Reimar von Zweter), Lawrence Bakst (Tannhäuser), Lilia Milek (Elisabeth) und Juhapekka Sainio (Landgraf Herrmann, v.l.).

Quelle: Jörg Metzner

Doch die Überraschung, das zeigt sich kurz nach der Premiere, ist gelungen.

Etliche rigorose Kürzungen, dennoch kein Potpourri. "Tannhäuser" in knapp 150 Minuten, das ist ein übersichtlicher Verlauf der Handlung und dem musikalischen Rotstift sind etliche heikle Passagen für die Sänger gerade nicht zum Opfer gefallen. Leicht hat man es sich nicht gemacht, geschickt dafür schon: das Orchester auf der Bühne, der Chor dahinter, die Herren als Pilger dann auch mal davor. Auf der knappen Vorbühne und auf dem abgedeckten Orchestergraben das Geschehen, stärker dominiert vom Gesang als vom Spiel, eine szenisch-konzertante Fassung, angelehnt an die der Dresdner Uraufführung von 1845. Weil ein Teil des Orchesters, besonders die Gruppe der Bläser, auf der linken Seitenbühne platziert werden muss, macht sich eine tontechnische Verstärkung nötig. Für die sensible Realisierung gebührt den Verantwortlichen Sebastian Mansch und Sebastian Klippel ein besonderes Kompliment.

Jan Michael Horstmann präsentiert am Pult der Mittelsächsischen Philharmonie eine dynamische und überwiegend klangschöne Interpretation, bei den ersten Violinen müssten noch Reserven sein, edel dagegen die Celli. Dass Horstmann auch ein Dirigent fürs Auge ist, passt in die Konzeption, kein Frack, dafür Weste überm weißen Hemd, hemdsärmelig wird's nie. Tobias Horschke hat Opern- und Extrachor, verstärkt vom freien Opernchor Coruso, gut präpariert, das Ergebnis ist weit mehr als achtbar.

In der Titelpartie als Gast: der Tenor Lawrence Bakst. Der Jüngste ist er nicht mehr. Hinzu kommt eine leichte körperliche Einschränkung der Bewegung. Das alles ist jedoch vergessen, wenn er zu singen beginnt. Anfänglich etwas zu kraftvoll, findet er immer mehr zu den sensibleren Zwischentönen, verblüfft mit differenzierter Gestaltung im Sängerkrieg des zweiten Aufzuges und begeistert mit einer erschütternden "Romerzählung", wenn der Unerlöste von der Pilgerfahrt zurückkehrt. Wie ein wallender, großer Mutterengel setzt Undine Dreißig als einsame Venus ihren Mezzosopran ein, um den Rastlosen zu halten, im verzweifelten Eifer schon mal mit kräftigem Vibrato, was der gesanglichen Anlage ihrer Figur keinen Abbruch tut.

Lilia Milek als Elisabeth, auch von der schlanken Erscheinung gegensätzlich, in der so selbstbewussten wie unbedingten Verteidigung ihres Anspruches aber auch eine nahe Verwandte der Liebesgöttin, gibt ein grundsätzlich sehr gelungenes Rollendebüt, bei dem man sich mitunter noch zartere, lyrische Passagen wünschen mag. Bewundernswert ist die Steigerung, mit der Bariton Guido Kunze die Partie des Wolfram im intellektuellen, kühlen Widerspruch gestaltet, bis hin zum sensiblen Anspruch des Liedinterpreten im dritten Aufzug, "Oh du mein holder Abendstern".

Susanne Engelhardt fällt als junger Hirte allein in ihrem Aufzug als spätpubertäre Hippiebraut aus dem Rahmen und Juhapekka Sainio fehlen als Landgraf Hermann angesichts der Tumulte beim Sängerkrieg schon mal die Töne. Die hat in schönem Maß Jens Winkelmann als Walther von der Vogelweide, Sergio Raonic Lukovic ist ein ansehnlicher Biterolf, mit Sang Tea Lee und Frieder Post als Heinrich der Schreiber und Reinmar von Zweter ist das Ensemble komplett.

Für eine Inszenierung im strengeren Sinne sind die Möglichkeiten begrenzt. Zu sehen gibt es dennoch genug, allein das sichtbare Musizieren des Orchesters ist so etwas wie ein optisches, klingendes Fundament. Regisseur Ralf-Peter Schulze hat vor allem Auf- und Abtritte, Anordnungen des großen Ensembles auf kleinem Raum zu gestalten. Das geht nicht ganz ohne Ideen, etwa die Herren Minnesänger von direkten Verfechtern ihrer Ideale zu bürokratischen Verwaltern dessen, was Moral und Sitte ist, werden zu lassen - und dann doch die Ärmelschoner abzulegen und zum Degen zu greifen. Die Brustpanzer und die eisernen Fäuste sind immer griffbereit im Raum der hohen Regale voller Bücher und Gesetzessammlungen, den Susanne Uhl und Hans Ellerfeld als Grundausstattung entworfen haben.

Am Ende keine Erlösung. Der Stab in Tannhäusers Hand, hier eine rohe Baulatte, grünt nicht, keine versöhnenden Gesänge von oben. Allein Elisabeth ist entrückt in einen Theaterhimmel, und da weiß man ja, wie echt der ist.

Boris Michael Gruhl

nächste Aufführungen in Freiberg: 25. & 28.12., 31.1.2013, Premiere in Döbeln: 12.1.2013

www.mittelsaechsisches-theater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.12.2012

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