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Wagners „Meistersinger“ in Chemnitz bejubelt

Oper Wagners „Meistersinger“ in Chemnitz bejubelt

Im Theater Chemnitz werden die „Die Meistersinger von Nürnberg“ mit viel subversiver Ironie und optischer Opulenz inszeniert. DNN-Autor Boris Gruhl war vor Ort...

Die Meistersinger von Nürnberg: Franz Hawlata (Hans Sachs) und Thomas Piffka (Walther von Stolzing)

Quelle: Foto: Dieter Wuschanski / Theater Chemnitz

Chemnitz. Es beginnt, bevor der erste Ton erklingt. Wenn sich der Vorhang im Chemnitzer Opernhaus öffnet, sieht man auf der Bühne von Peter Sykora in das Innere des Rundbaus einer Kunsthalle mit Kuppel. Ausgestellt sind in diesem Raum 1494, dessen Nummerierung mit dem Jahr der Geburt des Hans Sachs, am 5. November in Nürnberg, übereinstimmt, bis auf eine Ausnahme Meisterwerke der italienischen Renaissance.

Diese Ausnahme aber, Friedrich Overbecks Frauen „Italia und Germania“, im Stil der Nazarenerkunst, ist bewusst gewählt, auch wenn Richard Wagner selbst dann höchst persönlich vor einem anderen Kunstwerk verweilen wird. Vor Tizians „Mariä Himmelfahrt“, in dem die religiös geprägte Kunst sich in der elegant und leicht schwingend aufsteigenden Gottesmutter von der Inanspruchnahme der Kunst zum Zwecke der Belehrung in die Freiheit höchster Kunst der Unterhaltung, wie sie der oder das Barock später feiern wird, bewegt, macht er sich eifrig Notizen. Nach eigener Aussage habe er 1861 beim Aufenthalt in Venedig beim Anblick dieses Bildes die entscheidende Inspiration empfangen, „Die Meistersinger von Nürnberg“ zu vollenden.

Dann beginnt auch die Musik des Vorspiels zum ersten Aufzug, das Museum wird zur Kirche für Nürnbergs Bürgerschaft in üppiger Kostümpracht der Renaissance. Und auch für die weiteren Schauplätze und Räume, in denen es ja letztlich immer um die Fragen nach Sinn und Zweck von Tradition und Regeln im Hinblick auf die Freiheit der Kunst gehen wird, ist in diesem geschützten Raum der Künste genug Platz.

Hier wird sich der Junker Walther von Stolzing als Sänger für den anstehenden Wettstreit der Meister bewerben, denn anders hätte er keine Chancen, Goldschmied Pogners Tochter Eva zu gewinnen, in die er sich auf den ersten Blick verliebt hat.

Da ist er nicht ohne Konkurrenz, auch Hans Sachs, Nürnbergs Universalgenie, Handwerker, Poet, Forscher und hier auch noch bildender Künstler zugleich, ist von der jungen Frau angetan, und mehr noch Sixtus Beckmesser, der tragikomische „Merker“, verbissener Hüter aller Regeln der Kunst, nach denen er das Vorstellungslied des jungen wilden Ritters auch triumphierend abschmettern kann: „versungen und vertan“. Allein er hat die Rechnung ohne Sachs gemacht, der wird am Ende zwar dem Kompromiss zum Sieg verhelfen und dennoch damit nicht glücklich sein. Keine Freiheit ohne Regeln, kein Fortschritt ohne Tradition. Die deutsche Kunst hat deutsche Wurzeln. Auch wenn diese, wie man zu Beginn, bevor noch der erste Ton jener Oper erklang, die der Dirigent Hans Richter als „Stahlbad in C-Dur“ beschrieb, doch sehen konnte, auf den jetzt geschmähten, vornehmlich französischen und italienischen „welschen Dunst mit welschem Tand“, zurückgehen. Denn der ist ja nach wie vor in Michael Heinickes Chemnitzer Inszenierung anlässlich seines Abschiedes als Operndirektor nach mehr als 25 Jahren in Peter Sykoras Schutzraum für das visionäre Experiment einer Kunstdemokratie zu sehen. Allerdings haben im zweiten Aufzug in den revoluzzerhaften Ausschreitungen der Lehrbuben in der Johannisnacht nicht nur die Meister Schrammen bekommen, auch Overbecks „Italia und Germania“ sind von den Bilderstürmern arg beschädigt worden. Am Ende, wenn das Museum zur Festwiese wird, ist die Ordnung auch nur halbwegs wieder hergestellt.

Und wenn sich unterm Banner mit einer Darstellung des musizierenden König David unterm Davidstern Hans Sachs, Walter von Stolzing und Justus Beckmesser als Trio diplomatisch wie zum Pressetermin aufstellen, erschließt sich die subversive Ironie dieser doppelbödigen Sicht von Michael Heinicke auf Wagners Widersprüchlichkeit, in dessen deutscher Brust mindestens drei Herzen schlagen.

Frank Beermann, der sich ebenfalls nach neun erfolgreichen Chemnitzer Jahren als Generalmusikdirektor verabschiedet, folgt Heinickes nachdenklichem Ansatz und bevorzugt mit den Musikern der Robert-Schumann-Philharmonie eine entsprechende Klangkorrespondenz.

Auch wenn es zu Beginn noch einige Unsicherheiten des Zusammenspiels gibt, setzten sich aber bald die Feinheiten der Partitur durch. Zum Höhepunkt der Aufführung wird Beermanns Interpretation des Vorspiels zum dritten Aufzug mit den betörenden Klängen des satten, dunklen, auch in Anlehnung an die Tristanmusik, sehnsuchtsvollen Streicherklanges, in den dann die jetzt vorzüglich abgestimmten Blechbläser einstimmen.

Dagegen, und das entspricht kluger musikalischer Konzeption, bleibt das schmetternde Tönen auf der Festwiese chancenlos.

Gesanglich muss man in der ersten Vorstellung nach der Premiere mit krankheitsbedingten Einschränkungen hinkommen. Franz Hawlata als Hans Sachs lässt eine Indisposition ansagen, kann allerdings im Spiel, vor allem durch buffoneske Komik da einiges wett machen, zumal er es versteht, seine verbliebenen stimmlichen Möglichkeiten entsprechend einzusetzen. Der Tenor Daniel Kirch, schon zur Premiere für den erkrankten Thomas Piffka eingesprungen, kämpft jetzt auch mit einer Erkältung. Im Spiel bleibt er verständlicherweise zurückhaltend, gesanglich vernimmt man aber dennoch weit mehr als nur beste Anklänge, um so bedauerlicher ist es, sich der vollen Möglichkeiten dieses Sängers an diesem Abend nicht erfreuen zu können.

Nicht indisponiert, dennoch aber den Anforderungen der Partie des Lehrbuben David kaum gewachsen erweist sich der Tenor André Riemer. Mit sattem Mezzo und bestimmtem Ton punktet Tiina Pentttinen als resolute Magdalene und Maraike Schröter kann mit kraftvollem Sopran, der sich wunderbar im Quintett des dritten Aufzuges in den aufsteigenden Höhen bewährt, der Eva überzeugendes Selbstbewusstsein geben.

Die Fuge der Lehrbuben im übermütigen Treiben der Johannisnacht droht aus den Fugen zu geraten, insgesamt aber können die Damen und Herren des durch Gäste verstärkten Chores und Extrachores in der Einstudierung von Stefan Bilz in der Dynamik von anfänglich frommer Andacht bis hin zum auftrumpfenden Festwiesenjubel das Publikum begeistern.

Die Glanzleistung des langen Abends aber vollbringt im Spiel, vor allem im Gesang, der Bariton Roman Trekel als Sixtus Beckmesser. Ganz im Sinne der Inszenierung, nicht frei von tragikomischer Grundierung, vermag er mit makellosem Gesang und vielen Facetten der Gestaltung dieser gebrochenen Figur eben nicht nur komische Züge zu geben und kann am Ende zurecht über den Spott, auch den des übereifrigen Hans Sachs, erhaben sein, was ihn eben nicht in den Hochmut, sondern eher in die Demut führt, grandios dieser Sängerdarsteller als der Meistersinger des Abends.

Weitere Aufführungen: 10., 17.4.; 1., 8.5.

www.theater-chemnitz.de

Von Boris Gruhl

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