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Wagner-Einspielungen in allen Facetten

Wagner-Einspielungen in allen Facetten

Die Aufnahmen der "Ring"-Tetralogie von Richard Wagner, "Die Walküre", "Siegfried", "Die Götterdämmerung" mit dem Vorspiel "Das Rheingold", sind auch immer Zeugnisse ihrer Zeit.

Dies trifft in ganz besonderer Weise auf eine Studioeinspielung aus dem Jahre 1968 unter der Leitung von Hans Swarowsky zu. Es ist ein Verdienst der Edition Günter Hänssler in der Reihe "Profil", diese Aufnahme - wenn auch in höchst sparsamer Ausstattung - im Jubiläumsjahr wieder aufgelegt zu haben.

Bei dieser Aufnahme hat die Zeit mit ihren politischen Ereignissen mitgespielt. Swarowsky, der 1899 bis 1975 lebte, viele bedeutende Dirigenten ausgebildet hat, dessen höchst interessantes Leben mit bislang widersprüchlich zu deutenden Entscheidungen und Handlungen in der Zeit des Nationalsozialismus, als er auch Berufsverbot hatte, gerade in einem Forschungsprojekt der Universität Wien erforscht wird, wollte diese Ring-Einspielung mit Musikern der beiden großen Prager Klangkörper, der Tschechischen Nationalphilharmonie und dem Orchester des Nationaltheaters, einspielen. Es sollte der Ring des Prager Frühlings werden, für die Partie der Brünnhilde hatte er die grandiose Hochdramatische Nadežda Kniplová aus Prag gewinnen können, die kurz darauf durch Herbert von Karajan weltberühmt wurde. Am Dresdner Großen Haus hat sie als Ortrud in der Lohengrin-Inszenierung von 1957 gastiert. Mit ihr und Theo Adam gibt es einen stürmischen Mitschnitt der "Walküre" beim italienischen Rundfunk von 1968.

Wir wissen es, die zarten Regungen des Prager Frühlings wurden von sowjetischen Panzern niedergewalzt. Auch ein großer Teil der Prager Musiker konnte nicht mehr ins Studio nach Nürnberg kommen, deutsche Kollegen haben sie vertreten, daher spielt nun ein "Großes Sinfonieorchester".

Swarowskys Dirigat ist sehr direkt. Bedrohlich drängend, voranstürmend etwa das Vorspiel zum ersten Aufzug der Walküre, von klangvoller Poesie der "Feuerzauber". Klangillusionen mit raffinierter Studiotechnik, wie zuvor, in der ersten Studioproduktion des Ringes überhaupt unter Georg Solti, die 1956 abgeschlossen war, oder filigrane, poetische Transparenz, wie sie in der fast zeitgleich entstandenen Aufnahme Herbert von Karajans zu bewundern ist, lässt Swarowsky allerdings vermissen. Vielleicht sind die Sänger etwas zu sehr in den Vordergrund gesetzt, dafür ist ein erstaunliches Ensemble damaliger Wagnersänger versammelt. Zu nennen ist die Sieglinde Ditha Sommers, der finstere Hunding Otto von Rohrs, die Fricka der Ruth Hesse oder der eindrückliche Wotan Rolf Polkes. Ein Alberich der Sonderklasse ist Rolf Kühne von der Berliner Staatsoper, der in dieser Partie auch in Dresden gastierte. Auch der Tenor Gerald McKee kann sich trotz eigenwilliger Diktion als Siegmund und Siegfried hören lassen. Gesanglicher Höhepunkt aber sind die Passagen der Kniplová, jubelnde, total höhensichere "Hojotohos", strahlender Sonnenaufgang im "Siegfried" und ein phänomenaler Schlussgesang in der "Götterdämmerung".

Vor gut einem Jahr betonte Christian Thielmann in einem Interview in der "Zeit", wie wichtig für ihn das Handwerk sei, wie wichtig, gerade bei Wagner nicht Dunst mit Deutlichkeit zu verwechseln. Wer ihn in Bayreuth, mit den besonderen akustischen Möglichkeiten des Festspielhauses als Dirigenten dieses Werkes erlebt hat, weiß, was er meint. Er spannt den Bogen von den aufsteigenden Klängen im Vorspiel zum "Rheingold" bis hin zu den verzehrenden Flammen im Finale der "Götterdämmerung", er hat große Lust am Spiel dieses Welttheaters, verzögert, hält inne und frönt auch manchmal jugendlich anmutendem Übermut.

2011 hat der österreichische Rundfunk einen von Christian Thielemann dirigierten Ring-Zyklus in der Wiener Staatsoper mitgeschnitten, diese Aufnahme ist pünktlich zum Jubiläumsjahr bei der Deutschen Grammophon erschienen. Auch dieses Dokument ist ein Zeitzeugnis. Keine akustischen Verfeinerungen kraft neuester Studiotechnik, keine Hervorhebung der Sänger, kein Wenn und Aber, so klang es in Wien an jenen Abenden. So vermochte der Dirigent jeweils herauszufordern, was man von den Wiener Philharmonikern erwarten kann, Klangvolumen, geschmeidige Melodik, warme Grundierungen und - es wäre sonst nicht in Thielemanns Sinn - die Sensibilität dieser hervorragenden Musiker, seinen mitunter überraschenden Tempovorgaben zu folgen.

Es wäre doch wahrhaft übertrieben zu verlangen, dass Sänger diese Wahnsinnspartien Wagners in gerade diesem Werk "mühelos" zu singen hätten, wer diesen Eindruck braucht, muss sich eben doch korrigierte und mehrfach nachgebesserte Studioaufnahmen anhören. Oder aber man kann der Menschlichkeit des Singens und der Verletzlichkeit einer Stimme genau das abgewinnen, was die Authentizität eines Opernabends ausmacht. Natürlich gibt es da Enttäuschungen, etwa die hörbare Tatsache, dass Waltraud Meier keine ideale Sieglinde mehr ist, dass Linda Watson in "Siegfried" und "Die Götterdämmerung" als Brünnhilde einige ungewöhnlich scharfe Töne hat und bei Stephen Gould im Finale des "Siegfried" nur bedingt die Sonne aufgeht. Aber auch das gehört zu einem Dokument, auch das ist Opernalltag, auch an der Wiener Staatsoper.

Zu dieser Ausgabe gehört ein Booklet mit Inhaltsangaben und allen Texten sowie eine Dokumentation zu Wagners Megawerk auf zwei DVDs von ZDF, 3sat und ORF, u.a. auch mit Ausschnitten aus der Wiener Produktion dieser Aufnahme, aber auch aus dem sogenannten "Jahrhundertring" von Patrice Chéreau, 1979/1980, in Bayreuth, aus Harry Kupfers Inszenierung von 1991 und 1992 auf dem Grünen Hügel, sowie aus einer Produktion von La Fura dels Baus, in Valencia.

Szenenwechsel, von der Donau an die Salzach, von der Staatsoper in Wien zur Marionettenbühne in Salzburg, die vor genau 100 Jahren gegründet wurde und 2013 auch ihren "Ring des Nibelungen" in einer szenischen Fassung und Inszenierung von Carl Philip von Maldeghem zeigt. Bei BelAir ist diese DVD erschienen, und die Marionetten brauchen für ein Werk, an dem Wagner gut 26 Jahre gearbeitet hat, das insgesamt 16 Stunden dauert, nicht mal ganze zwei Stunden. Wagner müsste es gefallen, wenn seine Rheintöchter wie zappelnde Barbies ihre lustigen Wasserspiele machen, wenn die Riesen wirklich riesig sind. Sie werden von Schauspielern dargestellt, die zugleich wie Moderatoren durch das Weltendrama führen und auch ansonsten mit den Puppen spielen. Leider in etwas zu geschniegelter Sprache mit etlichen flachen Aktualisierungswitzchen. Insgesamt aber macht es Spaß, dem kunstvollen Spiel der Marionetten zuzusehen, wenn Wotan und Fricka im Prachtcabrio auf Pump vorfahren und die Götterburg wie ein Geschenk aus der Parfümerie präsentiert wird oder Alberichs Verwandlungen von bezaubernder Wirkung sind, die Walküren wie uniformierte Tiller-Girls eine Offenbachiade präsentieren...

Die DVD bietet eine Dokumentation. Man erhält Einblick in die Kunst der Marionettenspieler und sieht bewundernswerte Tricks, wie Siegfrieds Kampf mit dem Drachen aus dem Blickwinkel der unsichtbaren Künstler dieses Spiels von Menschen und Marionetten zu Wagners Musik, die hier aus der legendären, bereits erwähnten Einspielung unter Georg Solti kommt.

Richard Wagner, Der Ring des Nibelungen, Dirigent Hans Swarowsky, 14 CDs, Edition Günter Hänssler

Dirigent Christian Thielmann, 14 CDs, 2 DVDs, Deutsche Grammophon

Das Salzburger Marionettentheater, 1 DVD, BelAir edition

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.12.2013

Boris Gruhl

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