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Waffenstillstand ist nicht gleich Waffenstillstand - Ulrich Kienzle stellte sein Buch "Abschied von 1001 Nacht" in Dresden vor

Waffenstillstand ist nicht gleich Waffenstillstand - Ulrich Kienzle stellte sein Buch "Abschied von 1001 Nacht" in Dresden vor

"Wir können doch nicht über Leichen fahren!" brüllte Ulrich Kienzle einige der christlichen Milizionäre an, die soeben im Lager Tel al-Zaatar im Libanon ein Massaker angerichtet hatten.

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Weder verwandt noch verschwägert: Ulrich Kienzle und Saddam Hussein 1990.

Die Antwort kam umgehend: "You drive - or we shoot!" (Du fährst - oder wir schießen). Kienzle und seine Mitarbeiter gaben Gas, fuhren über die Körper hinweg, "überrollten die Toten und unsere Moralvorstellungen, die Würde dieser Menschen und unsere eigene", schreibt der Journalist und Nahost-Experte Kienzle in einer Passage seines Buches "Abschied von 1001 Nacht", das er am Dienstag, präsentiert von den DNN, im Haus des Buches vorstellte. Es war nicht die letzte Grausamkeit, die Kienzle im Nahen Osten erlebte. Er habe die Bilder über Jahre verdrängt, räumte der Journalist ein, aber da er dann doch gelernt habe, davon zu erzählen, "bedrängen die Bilder mich nicht mehr". Jederzeit abrufbar seien sie aber.

Kienzle war da, wo es brannte, was es im Nahen Osten ja häufig tut. Als einer der ersten westlichen Journalisten interviewte er Anfang der 1970er Jahre den damals jungen, auf Sozialismus setzenden Rebellen Muammar al-Gaddafi, als einer der letzten seiner Zunft den irakischen Diktator Saddam Hussein, der ihm am 21. Dezember 1990 in einem Exklusiv-Interview auf die entscheidende Frage "Werden Sie sich aus Kuwait zurückziehen?" kurz und entschieden antwortete: "La". Es blieb bei diesem Nein, 27 Tage später brach "Desert Storm" los. Es kam zur von Saddam beschworenen "Mutter aller Schlachten", die ihn zum Vater aller Niederlangen machte. Es war übrigens nicht, wie viele im Westen glauben und von Kienzle bei der Lesung auch gesagt wurde, der Erste, sondern der Zweite Golfkrieg. Der Erste Golfkrieg - im Buch ist die Zählung korrekt - fand zwischen 1980 und 1988 statt, zwischen dem Irak und dem Iran und endete mit einem Ermattungsfrieden.

Apropos Frieden. Die arabische Sprache differenziert da sehr, wie man von Kienzle erfährt. PLO-Chef Jassir Arafat sprach - angeblich jedenfalls - beim Osloer Friedensvertrag von 1993 von einer "Hudna", einem strategischen Waffenstillstand - die Amerikaner (und wohl auch der Rest der Welt) hatten fatalerweise aber Frieden verstanden. Die einfachste Form einer Waffenruhe ist eine "Tahadiya". Man hört einfach auf zu schießen, "die 'Tahadiya' "verpflichtet zu nichts", wie Kienzle den Leser wissen lässt. Im Libanon-(Bürger-)Krieg machte sich die Presse ein Vergnügen daraus, die Waffenstillstände - welcher Art auch immer sie waren - zu nummerieren. Ab dem 196. "zählte ich nicht mehr mit", räumt Kienzle ein.

Es ist ein Buch zur Zeit, das Kienzle, nicht zuletzt durch die stete Frage seines Partners Bodo Hauser beim ZDF-Magazin "Frontal" bekannt geworden, da verfasst hat. Die dritte Auflage binnen drei Wochen, und das bei einem Sachbuch, das sich wie ein Abenteuerbuch liest. Es sind nicht zuletzt die kleinen Details, die entzücken, auch wenn sie bei wohl nicht wenigen im Land für Momente der Irritation sorgen. Der legendäre und auch im Westen populäre Kalif Harun al-Rashid? Er war der erste, der Christen und Juden zwang, ihre Religionszugehörigkeit sichtbar an der Kleidung zu tragen. Korruption? Ein böses Wort. Die Praxis sei raffinierter: "eine Lebensform, ein spannendes Spiel, eine elegante Machtprobe". Kienzle räumt ein: "Ich empfand schließlich Respekt vor dieser Cleverness. Die Libanesen beherrschen die Kunst, künstliche Hindernisse zu schaffen und diese gegen Geld wieder abzubauen. Eine äußerst kreative Methode, um an Geld zu kommen." Mag sein, aber nach dieser Respektsbekundung Kienzles wirkt seine spätere Kritik am flächendeckenden System der Selbstbereicherung Mubaraks und seines Clans in Ägypten dann doch unglaubwürdig.

Es gab es Grenzen der Berichterstattung. Bei einem Interview mit George Habash, dem Chef der PFLP, der Volksfront zur Befreiung Palästinas, stößt Kienzle im Vorzimmer eines Untergrundquartiers auf zwei international gesuchte Topterroristen der RAF: Günter Sonnenberg und Verena Becker. Kienzle sagte - außer seiner Frau - niemandem etwas. "Die Ausbildung der deutschen Terrorszene durch die Palästinenser war ein absolutes Tabu. Ein reizvolles Thema, gewiss, aber allen war klar: Wer darüber berichtet, spielt mit seinem Leben." Christian Ruf

Ulrich Kienzle: Abschied von 1001 Nacht. Mein Versuch, die Araber zu verstehen. sagas.edition, 350 Seiten, 19,90 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.12.2011

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