Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Waagerechtes Konzertformat im Dresdner Festspielhaus Hellerau einige Hindernisse zu überwinden

Waagerechtes Konzertformat im Dresdner Festspielhaus Hellerau einige Hindernisse zu überwinden

Als neues Format "Musik im Liegen" war der Abend im Festspielhaus Hellerau angekündigt, aber Liegen & Lauschen war hier nicht zum ersten Mal zu erleben. Beim Symposion 2009 erschlossen sich Werke von Zeitgenossen von Weinrunde zu Weinrunde besser auf bequemen Matratzen.

Und beim John-Cage-Wochenende 2012 konnte es nicht nur wegen der Entstehungsgeschichte des Werks keinen stimmigeren Gutenachtgruß geben als Bachs Goldberg-Variationen, zu genießen in der bequemsten unserer Körperhaltungen.

Solcher Liegekomfort schien für den Auftakt der neuen Reihe indessen verzichtbar. Der zuvor schon erlebten Befindlichkeitssteigerung standen einige Umstände im Wege. Wohl luden die beiden einrahmenden Werke des Amerikaners Phill Niblock in idealer Weise dazu ein, entspannt zu meditieren, sich gar in Trance zu versenken. "Baobab" und "2 Lips" sind zwei jeweils etwa 24 Minuten lange Klangblöcke ohne jegliche rhythmische Gliederung, von den sieben Musikern des Dresdner ensemble courage in konstanter mittlerer Lautstärke vorgetragen. Wenn man so will, ein endlos fliegender Klangteppich, sphärisch, schwebend, suggestiv. Seine innere Spannung bezieht dieser Schwebeklang vor allem aus einem Sekunden- bzw. Nonenintervall. Das löst sich in der zweiten Runde unmerklich in eine kleine Terz auf. Außerdem funkelt dieser Klang auf geheimnisvolle Weise, weil sich die Klanganteile von Streichern, Flöte, Klarinette und Posaune und damit auch die Obertonstrukturen ständig verändern, andere Dominanzen der Intervalle entstehen.

Solche Klangspiele, zu denen Niblock durch Interferenzen der Motorgeräusche von einem Motorrad und einem LKW inspiriert wurde, müssen keineswegs langweilig oder gar einschläfernd wirken. Ein psychedelisches Erlebnis aber wurde einmal mehr durch das fehlende Vertrauen in die akustische Dimension verhindert. Es muss in Zeiten der totalen Visualisierungsdiktatur eben alles mit Videos garniert werden. So hatte man sich im Hinterbühnenraum des Festspielhauses zu entscheiden, ob man mit geschlossenen Augen, vielleicht auch mit dem Blick hinauf zu den Beleuchterbrücken unter dem Dach, der Musik lauschen oder auf die beiden Videowände schauen, mithin also auch die entspannte Liegeposition aufgeben wollte.

Nur einer Minderheit gelang es, der Macht der Bilder zu widerstehen. Die waren nach Meinung mancher Hingucker den Klängen, die zwangsläufig zur Filmmusik degradiert wurden, durchaus anverwandt. Handwerk und Kunsthandwerk, Erwerbsalltag in Asien, vermutlich in China. Ebenso ostinate Bewegungen der Schnitzer, der Weber, der Fischer, aber eben dominant allein schon durch die permanent zu lösende Frage, um welche Vorgänge und Arbeiten es sich bei diesen Stummfilmen gerade handele. Ein Liegekonzert müsste auf diese Zusatzebene eigentlich verzichten können.

Überhaupt nicht mehr im ausgestreckten Zustand genießen konnte man den Mittelteil. Die Geräuschexperimente des 1956 in Fulda geborenen und in Hamburg lebenden Michael Maierhof wecken einfach zu viel Neugier, wie denn das Brummen oder Quietschen erzeugt würde. Zumal im Ankündigungstext etwas von elektrischen Zahnbürsten stand. Eine originelle Idee in der Tat, jeweils ein solches Tandem als Schwingungsgenerator einzusetzen, um Plastikeimer, Becher oder einen Gitarrenkorpus zum Schnurren zu bringen. Diskreter jedenfalls als der Einsatz eines Vibrators. Hinzu kamen noch Murmeln in Schüsseln und Büchsen-Becher-Kombinationen an einer Verbindungssaite, die der Straßenmusikant auch als Teufelsgeige kennt. Apparaturen, für die man eher ein Physik- als ein Musikstudium benötigte.

Das alles platziert an sechs peripher angeordneten Tischen, optisch unmöglich zu ignorieren. Und sei es nur, um zu bemerken, mit welch tiefem Ernst das Courage-Ensemble und Dirigent Johannes Kleinjung diesen offensichtlichen Spaß zelebrierten.

Mit Kontemplation in der Waagerechten hatte dieses doch nicht so neue Konzertformat erst einmal wenig zu tun. Aber das ist wohl eine Frage der Erwartungen. Der Zuspruch war sehr erfreulich, wegen des Andrangs begann das Konzert zwölf Minuten später. Und ernstlich enttäuscht verließ auch niemand den bei Schlummerlicht angedunkelten Saal.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.03.2014

Michael Bartsch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr