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Vulkanischer Klangrausch: Die New Yorker Philharmoniker zu Gast bei den Dresdner Musikfestspielen

Vulkanischer Klangrausch: Die New Yorker Philharmoniker zu Gast bei den Dresdner Musikfestspielen

Und wie! Das erste Konzert der New Yorker Philharmoniker in Dresden war ein glanzvoller Abend innerhalb der Welt der klassischen Konzertmusik.

Sie können auch anders.

Einen Tag danach zog das Orchester mit Mann und Maus (und das ist angesichts des riesigen Instrumentariums fast wörtlich zu nehmen) in die VW-Manufaktur, um Musik des 20. und 21. Jahrhunderts vorzustellen. Das gelang keinesfalls mit dem Pflichtanspruch, dass ein Orchester "auch mal" neue Musik zu spielen hätte, sondern mit höchster Spielfreude, Neugier am Experiment und der unbedingten Bereitschaft, logistische und kreative Grenzen zu überschreiten, um Unmögliches möglich zu machen.

Dem ersten Teil des Konzertes kam dabei mehr Bedeutung als ein bloßes "Warming Up" zu - mit Christopher Rouse war der aktuelle Composer in Residence der New Yorker Philharmoniker vertreten. Sein kurzes Stück "Prospero's Rooms" mutete - in schnellen Tempi verschiedene Bilderwelten ineinander montierend - wie eine Traumsequenz an. Die Musik scheut sich nicht, in dicken Farben zu malen oder den Zuhörer mit bekannten, oft der Popularmusik entlehnten Stilmitteln an die Hand zu nehmen. Das Ergebnis war bei aller Pluralistik dennoch überzeugend, weil Rouse vor allem die musikalische Zeit mit ordentlich Spannung anfüllte. Akustisch gesehen war hier das Streichorchester der Verlierer des Abends - Chefdirigent Alan Gilbert kitzelte natürlich aus dem gerade einen Monat alten Stück eine sehr gute Interpretation heraus, doch gerade die Streicher gingen in der Akustik im Tutti völlig unter.

Ganz anders war die Situation in Leonard Bernsteins "Serenade nach Platos Symposium" für Violine, Streichorchester, Harfe und Schlagwerk. Das in Bernsteins Werkkatalog ungewöhnlich intim anmutende Stück wurde von Joshua Bell als Solist mit höchst sensibler Klanggestaltung für Raum und Werk angeleitet. Gilbert fügte den hier im Vordergrund stehenden, delikaten Streicherklang und ebenfalls toll ausgehörtes Schlagwerk hinzu - eine wunderbare Hommage an den großen Dirigenten und Komponisten gelang, dessen Name untrennbar mit dem New York Philharmonic Orchestra verbunden ist.

Nach der Pause erwartete man mit Hochspannung das Ereignis des Abends, das sich bereits vor dem ersten Ton schon optisch in der ganzen Manufaktur ausbreitete. Der finnische Komponist Magnus Lindberg ist ein Virtuose auf dem Instrument Orchester; für das Stück "KRAFT" aus dem Jahr 1985 zog er nahezu alle Register und richtete für die Dresdner Aufführung eine spezielle Fassung ein, die im Schlagwerk Autoteile wie Federn, Felgen und alle Arten von Metall vereinte (der obligatorische Hinweis sei erlaubt: Liebe Kinder, bitte nicht nachmachen!). Ein großes Chassis hing über dem Orchester, riesige Gongs und Schlagwerkaufbauten verteilten sich rings um das Publikum. Lindberg hätte das Stück auch "STROM" nennen können, denn elektrisiert war nicht nur das Publikum von den ersten lärmenden Klängen an, auch die Musiker hatten einiges an "Agility" zu absolvieren - Raumklang, Stimme, Wassermusik und viele gleichzeitig verlaufende Schichten im ganzen Orchester erzeugten ein 3D-Erlebnis, bei dem alle Sinne gefordert waren. Dass die Solisten - Cello, Klarinette, drei Schlagzeuger und Lindberg selbst an Klavier, Gongs und Felge - samt Dirigent weiße Arbeitsanzüge trugen, war hier nicht nur ein Effekt, sondern beförderte den Gedanken eines absolut kreativen Arbeitsprozesses, dessen Ergebnis unglaubliche Klangkaskaden waren, die auch noch von einem der weltbesten Orchester dargeboten wurden. Am Ende hatte man klingelnde Ohren und das merkwürdige Glücksgefühl, dass in all dieser Betriebsamkeit und Lautheit eben durch den intellektuellen Akt der hochkomplexen Komposition (dank der Internetaufzeichnung ist ein Wieder-hören und -sehen möglich) eine verborgene Schönheit auffindbar war, die - gerade die irrealen akzentuierten Metall-Hiebe vor dem leise versiegenden Finale machten das deutlich - lange nachwirken konnte und das Gefühl gab, einen Besuch im Kern eines ausbrechenden Vulkans überlebt zu haben.

Die Konzertaufzeichnung ist über http://www.medici.tv noch 90 Tage im Internet abrufbar.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.05.2013

Alexander Keuk

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