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Vorzüglicher Auftritt des britischen Hidden Orchestra in der Dresdner Tonne

Verstecken spielen Vorzüglicher Auftritt des britischen Hidden Orchestra in der Dresdner Tonne

The Flow - das Fließen. The River - der Fluss. Immer wieder spuken einem diese englisch-deutschen Worte im Kopf herum. Es ist Freitagabend im Keller, Tonne-Zeit. Das Hidden Orchestra aus England - vier Musiker, ein Lichtkonzeptkünstler - beherrscht akustisch-optisches "Wässern" auf betörend dichte Weise.

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Das Hidden Orchestra im Jazzklub Tonne.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Studioplatten und Auftritte der Band kennzeichnen eine angenehme Unaufdringlichkeit, ja, Gelassenheit. So stark, dass man glaubt, es gebe in diesen eineinhalb Stunden genau nur diese eine Musik auf der Welt. So scheibenklar abgemischt muss sie klingen! Und noch dazu muss sie genauso aussehen wie sie aussieht!

Hidden Orchestra sind Joe Acheson (Electronics), Poppy Ackroyd (Violine, Keyboards), Tim Lane (Drums, Posaune), Jamie Graham (Drums) plus Tom Lumen (Visuals). Die beiden Schlagwerke sind vorn auf der Bühne platziert, die Ritterburg der Tasten und Regler eine Stufe höher und dahinter, wobei auch der Leinwand-Artist auf dieser Rampe steht, nicht mittig im Saal. Hidden-Kopf Joe Acheson trägt an diesem Abend einen dicken Verband am rechten Unterarm, nur die Finger sehen heraus und sie müssen flink sein.

Acheson, der Jäger und Sammler unter den britischen Experimentalmusikern, besitzt die Gabe, seinen Nebenleuten das wohlige Völlegefühl eines Miteinanders zu geben. Keine Spur von Dienstleistung der anderen, keine Reglementierung in der Ausführung seitens des "Chefs", sondern im besten Sinne Hören, Hinhören, Reagieren. Freestyle. Freistil - schon wieder dieses Englischdeutsch!

Das Material des Hidden Orchestra braucht keine große Geste, keine Attitüde der Uneinholbarkeit. Diese Kunst speist sich aus so vielen Teilchen, klingt so, wie die Skulptur im kleinsten Raum der neuen alten Tonne aussieht - Foto an Foto, fest aneinander gepresst. Der Name des Projekts ist gleichsam Programm: Verstecken spielen, das große Orchester im Kleinen finden. Dafür arbeiten Acheson & Co. mit einer homogenen Mischung aus live gespielten (Geige, Drums, Posaune, Waschbrett) sowie im Naturklang belassenen Instrumenten aus Samples (Harfe, Streicher, Klarinette). Unterfüttert, erhöht, seitlich gehalten, getrieben und gedämpft wird dieser brillante Mix von den Electronics. Ambient, Dub, Postrock - viele Namen trägt das Kind.

Selig, weil vorbei sind die Zeiten, in denen ein Naturinstrumentarium fast suggestiv mit "warm" gleichgesetzt wurde, das elektronische mit "kühl". Trotzdem kamen Gedanken daran am Hidden-Abend wieder hoch. Gottlob, es ist 2015, die Schubladenzieher sind größtenteils verstummt oder an den Katzentisch der Kulturdebatten delegiert. Wie das Hidden Orchestra arbeitet, ist am besten beim auch im Konzert gebrachten "5 Steps" ihrer aktuellen "Reorchestrations"-CD nachzuhören. Acheson & Co. behalten die Grundstruktur des Originals vom tschechischen Bläser-Quartett Clarinet Factory bei, schneiden nur zackiger aus. Gleiches trifft auf "Cross Hands" von Piano Interrupted oder "Thograinn Thograinn" des schottischen Folk-Duos Mary Macmaster/Donald Hay zu. In Letzterem thronen noch immer die gälisch gesungenen Zeilen auf einem grandiosen Hör- und Mittanzteppich. Diese drei Songs gehörten einfach auf die Bühne, ergänzt durch Poppy Ackroyds "Lyre Grounds". Ackroyd? Stallgeruch kann so angenehm sein! Das Label Denovali, auf dem sie wie auch das Hidden Orchestra veröffentlichen, hat in dieser Stadt 2014/15 bei nicht wenigen Musikfreunden wohl die nachhaltigsten Spuren hinterlassen - mit Veröffentlichungen und Konzerten nicht zuletzt einer Poppy Ackroyd.

Ein Wort noch zu Tom Lumen, der dem Hidden Orchestra selbst bekennend "handgemachte Abstraktionen mit einem organischen Gefühl" widmet. Lumen ist Teil des Limbic Cinema, einer Vereinigung von Projektions- und Videokünstlern aus Bristol. Oft genug sind optische Elemente in Konzerten nur Accessoires, oft genug verzichtbar, nicht weniger oft gar störend. Lumen aber schafft mit erkennbaren wie verfremdeten Symbolen, Linienspielen, behutsamen Live-Bearbeitungen aus Kamerabildern von der Bühne sowie seinem sehr musikalischen Gefühl das Gegenstück zur Aufdrängelei. So wird er in diesem Ensemble gleichberechtigtes Mitglied, nicht nur "der Mann der Visuals".

Hidden Orchestra darf entdecken, so noch nicht geschehen, wer längst mit Tortoise (und Chicagos Verwandten), Godspeed You! Black Emperor (und Montreals Verwandten), mit den norwegischen Supersilent oder den isländischen AdHd flirtet. Jetzt haben sie bei ihrem zweiten Tonne-Auftritt in deren idealen Räumen gespielt, die ihrerseits wieder Räume öffnen sollten. Denn die über 300 Konzertbesucher repräsentierten einen Alters- und Neugier-Schnitt, der den Jazzclub wirklich ins nächste Leben führen könnte: Besucher, die die im Herbst neu eröffneten Gewölbe mit alten Erinnerungen betraten, trafen auf Gäste, die allein aufgrund ihres Alters nicht zwingend wissen müssen, dass an dieser Stelle bereits in den Achtzigern Musik edelster nationaler und internationaler Machart erklungen ist.

Nichts also mit "Hidden Orchestra for a hidden crowd"! Stattdessen viele glückliche Gesichter offenherziger Menschen.

Andreas Körner

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