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"Vortragsreisender in Sachen Musik": Erinnerung an den Dresdner Musikkritiker Gottfried Schmiedel, der vor 25 Jahren starb

"Vortragsreisender in Sachen Musik": Erinnerung an den Dresdner Musikkritiker Gottfried Schmiedel, der vor 25 Jahren starb

Der "Go" - so nannten ihn seine Freunde gern - war "weder ein Musikwissenschaftler noch ein Künstler im strengen Sinn des Begriffs, sondern ein von der Kunst Bewegter und von daher in hohem Grade ein Bewegender", wie ihn Wolfram Steude treffend charakterisierte.

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Gottfried Schmiedel

Und jeder, der mit "Go" in Berührung kam, hatte es nicht nur mit Musik, sondern immer auch mit Literatur zu tun. Die Verbindungen zwischen den Künsten aufzuzeigen, war dem Lehrenden, dem Vortragenden wie dem Schreibenden allezeit ein Bedürfnis, so wie die Förderung des Verständnisses für zeitgenössische Kunst überhaupt. Jene neue Musik und Literatur deutscher oder ausländischer Provenienz, der in der DDR geringe oder gar keine Beachtung zuteil werden durfte, stand dabei im Vordergrund. Dass er selbst einmal in die Literatur eingehen würde, hat er gewiss nicht geahnt: 1991 beschrieb Martin Walser bekanntlich bestimmte Züge seiner Person in dem Roman "Die Verteidigung der Kindheit" in der Gestalt des Musiklehrers Heribert Priebe.

Gottfried Schmiedel, dem nur ein Jahrzehnt, 1946 bis 1956, beschieden war, ein offizielles Lehramt an staatlichen Institutionen wie Kreuzschule, Musikakademie und Konservatorium auszuüben, musste sich ansonsten seine Existenzgrundlage als freischaffender Publizist selbst organisieren. Dabei war er ein berufener Lehrer, der nachhaltig junge Menschen musisch und literarisch zu prägen wusste. Gleichermaßen vermochte er aber auch eine erwachsene Zuhörerschaft zu fesseln. Seine Ausführungen "würzte" der "Vortragsreisende in Sachen Musik" in und weit über die Grenzen Dresdens hinaus stets mit klingenden Beispielen aus seiner von "Westimporten" reich gezierten Schallplattensammlung. Seine Aufmerksamkeit galt ebenso der klassischen Musik wie dem Jazz, dem Musical, auch dem Rock oder Beat, wie zunächst tituliert wurde. Jedenfalls war er auf allen Gebieten der Musik sattelfest, sprach und schrieb darüber nie engstirnig, sondern persönlich geprägt, sachbezogen, kurzweilig, manchmal auch burschikos im Tonfall.

Sein Studium hat der am 24. August 1920 im osterzgebirgischen Schmiedeberg Geborene 1937 bis 1940 am Dresdner Konservatorium erst in der Kapellmeisterklasse, dann - nach kriegsbedingter Unterbrechung und Verwundung - ab 1942 als Schulmusiker absolviert. Vielfältig war seine spätere "freie" Tätigkeit in der Stadt seiner Studien. Mal moderierte er Konzerte des einstigen Kreuzorganisten Herbert Collum, dann wieder schrieb er Programmeinführungen für die Reihe "Stunde der Musik" sowie für die Dresdner Philharmonie. Er gab privaten Klavier- und Theorieunterricht, gestaltete Rundfunksendungen, dozierte zeitweilig in der Volkshochschule, initiierte Kammerkonzerte mit Musikern von Staatskapelle und Philharmonie, mit denen er ebenso wie mit Günter Hörigs "Tanzsinfonikern" durch die Lande zog.

Vom Tagesjournalismus - er war jahrzehntelang ein kompetenter Musikkritiker der Vorgänger der heutigen "Dresdner Neuesten Nachrichten" - insbesondere des "Sächsischen Tageblatts" und der "UNION" - gewesen, zog er sich Mitte der 70er Jahre zurück. Er konnte nun inzwischen wieder als Buchautor hervortreten, was er erstmalig 1953 mit dem "Munteren Handbüchlein für den Chorleiter" und 1954 in Zusammenarbeit mit der Fotografin Hildegard Jäckel mit einem Porträt des Dirigenten Rudolf Kempe versucht hatte. In rascher Folge entstanden und z.T. mehrfach aufgelegt, feuilletonistische Arbeiten über Peter Schreier, den Dresdner Kreuzchor, Benjamin Britten und "Die Beatles".

Nachdem er in 20 Veranstaltungen der Reihe "Begegnungen im Gewandhaus" (big), gerufen von Kurt Masur, der ihn seit seinen Dresdner Zeiten (1955/58 und 1967/72) hoch schätzte, referiert hatte, hielt er einen Monat vor seinem 65. Geburtstag am Ende der Saison 1984/85 letztmalig einen Schallplattenvortrag (über das Thema "Der weiße Blues") in Leipzig. Am 11. November 1987 verstarb er in Dresden in großer Einsamkeit, depressiv zuletzt, weil an einer unheilbaren Krankheit leidend.

Erst an seinem 10. Todestag (1997) erhielt übrigens sein Grab auf dem Loschwitzer Friedhof einen Gedenkstein, der nach einem Spendenaufruf des Ortsvereins Loschwitz-Wachwitz e.V. finanziert werden konnte.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.11.2012

Dieter Härtwig

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