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Vorteilhaft reduziert - Die Ostrale Dresden übt den Verzicht auf Reizüberflutung und einen Hauch von Sinnlichkeit

Vorteilhaft reduziert - Die Ostrale Dresden übt den Verzicht auf Reizüberflutung und einen Hauch von Sinnlichkeit

Den größten nachvollziehbaren Schritt gegenüber ihren Vorgängern hat die Ostrale 013 mit ihrem Katalog getan, der pünktlich zur Eröffnung erschienen ist. Zwar gibt es außer dem Herkunftsland keine Hinweise zur Vita der Künstler, was die lokalpatriotische Brille einigermaßen trübt, aber kein Manko verschleiert.

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Uriger Geselle für den Weltraumaufenthalt oder letzte Zuflucht der Menschheit? Jedenfalls nennt Florian Froese-Peeck seine Roboterfigur schlicht "Heimat", und drinnen ist es tatsächlich spartanisch, aber wohnlich eingerichtet.

Quelle: Tomas Petzold

Sehr hilfreich sind knappe, aber fundierte Statements zu den einzelnen Positionen, was in nicht wenigen Fällen überhaupt erst den Einstieg in das Konstrukt, den geistigen Hintergrund der ausgestellten Werke ermöglicht (allerdings ist das Verzeichnis nicht vollständig). Philosophischer Diskurs statt effektheischender Inszenierung, ohne dass die Sinnlichkeit auf der Strecke bleibt - möglicherweise eine Gratwanderung, auf die man sich nicht ganz "unbewaffnet" begeben sollte.

Tobias Pfeifer-Helke vom Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen be- oder umschreibt in seinem Essay - wir sind noch einmal beim Katalog - einen Paradigmenwechsel bei der Bildung der Begriffe von Raum und Topographie und der daran gebundenen Standortbestimmung des Individuums. Das Bild der Welt, ja des Universums ist heute in komplexer und zugleich abstrakter Weise über unterschiedliche Medien abrufbar und im Prinzip jedermann zugänglich. Damit entstehen zugleich neue Kommunikationsebenen, die den Einzelnen scheinbar aus seiner isolierten und weitgehend an bestimmte Orte gebundenen Position befreien. Das traditionelle Abbildungsverständnis kann damit nicht Schritt halten, aber die mehrdimensionale Wahrnehmung bleibt problematisch. Statt beliebiger medialer Spielereien ernsthaft nach den künstlerischen wie philosophischen und politischen Konsequenzen zu suchen, ist eine Herausforderung, die weit über die Auseinandersetzung mit einem geschichtsträchtigen, symbolgeschwängerten Ort hinausgeht.

Das kann überhaupt nur funktionieren, weil die siebente Ostrale dem Besucher im Vergleich zu den Vorgängerinnen deutlich besseren Chancen bietet, mehr als nur den äußeren Schein wahrzunehmen. Dafür sorgen auch die Reduktion auf etwa 90 (statt zuletzt jeweils etwa 150) künstlerische Positionen und der Verzicht auf die besonders zur Reizüberflutung tendierenden Beiträge gleich mehrerer Partnerhochschulen (IAM). Diesmal ist nur die Dresdner HfBK mit der Klasse Degeller im Haus 11 vertreten. Da wird handgreiflich der Aufwand für die Heizung mit Holz illustriert, sonstiges Konsum-Gebaren eher kritisch betrachtet, aber auch mit einer mehrkanaligen, den Horror des Krieges beschwörenden Videoarbeit Kurt Vonnegut zitiert.

Auch sonst blieb die unverwechselbare Atmosphäre beim Rundgang durch Futterställe und Heuböden weitgehend erhalten. Vielleicht wird es manchem an spektakulären Installationen und Bilder-Inszenierungen fehlen, die verführerisch-poppig Blicke auf sich ziehen. Diesmal geht es vergleichsweise minimalistisch zu, ohne dass das formale Kalkül dominiert. Die meisten Arbeiten gehorchen einem mehr oder weniger nachvollziehbaren Konzept. Temperament, subjektive Befindlichkeit und persönliches Engagement erscheinen weniger pur, Bezüge auf objektive Kriterien oder faktisch Nachprüfbares führen häufig auf abstrakte Bedeutungsebenen.

Genau in diesem Sinne wirbt die mit 80 auf Stative gestellten Lautsprechern funktionierende Klanginstallation "Applaus" von Via Lewandowsky, die im Messefoyer über Berechtigung und Platzierung von Beifallsbekundungen nachdenken lässt. Das Herangehen kann aber auch etwas Spielerisches haben wie bei Jan Brokof, dessen "Revolutionsarchitektur-Tor" so aus historischen Versatzstücken montiert ist, dass sich der Durchlass bis zur Farce verengt.

Auf die Faszination von Laboren und Archiven setzen Ivan Boskovic (Serbien) und Olaf Mooij (Niederlande), der ganze Regale mit seinen Fossilien und in Flaschen eingelegten Präparaten füllt, die sich bei näherem Hinsehen als Pseudo-Embryonen von Automobilen erweisen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Evolution und technischer Entwicklung tangieren auch die Arbeit des Serben, der mit dem Versprechen "Erde für die Zukunft" den Besucher an einen großen runden Tisch lädt, der entsprechend statt auf einem Teppich auf herbeigeschaffter Erde steht. Besetzt und umgeben ist das antike Möbel von Produkten und Relikten, die ebenfalls "von Erde genommen" sind, sowie von Hilfsmitteln und Geräten, die dazu taugen, die Funde auszuwerten und einzuordnen - womöglich in die Topographie der Weltkarten fremder Planeten, die an den Wänden des geheimnisvollen Raumes hängen.

Das gewiss auch als poetisch zu empfindende Glasperlenspiel von Gunda Förster, die ihre mit glasklaren Murmel-Rastern gefüllten großen Leuchtkästen sparsam farbig dotiert hat, überschreitet dennoch die Grenze der Selbstgenügsamkeit konkreter Kunst, indem die Installation den Futterstall in einen fast unirdischen Raum verwandelt. Eher brachial geht es dagegen in der mit Lattengerüsten und Folie angedeuteten Markthalle zu, deren Warenangebote in eher verfremdender als werbender, aber ebenfalls durchleuchteter Acrylmalerei prangen. Sebastian Hempel hat eine lichtblaue Installation mit funkelnden (Irr-?)Lichtern geschaffen, die auch als Folge immer neuer Grenzlinien deutbar sind. Seine "Beziehungskiste", ein begehbares Labyrinth aus transparenten Polycarbonatplatten, zeigt indes, dass Kunst nur als Kommunikation funktioniert - das Werk ist erst komplett, wenn sich jemand in die engen Gänge wagt, in denen man sich mit sanfter Gewalt Durchgang verschaffen muss (Achtung, Platzangst!).

Durchweg harmlos dagegen erscheinen dagegen die vom Italiener Simone Cametti wie zufällig an eine Wand gelehnten Küchenschranktüren. Solange sie nicht um- und jemandem auf den Fuß fallen, denn in Wahrheit handelt es sich um Handarbeit aus grünem, jedoch weiß lackierten Marmor. Dass jede Interpretation durch den bekannten Kontext angereichert wird, ist eigentlich eine Binsenweisheit, die sich bei Cametti in der Weise zuspitzt oder gar umkehrt, dass seine Arbeiten ohne Kenntnis eine verborgenen Schlüssels nur ihre oberflächliche Erscheinung preisgeben. Mit 53 hinter Glas gerahmten Oberschenkelknochen sind wir oberflächlich wieder im Schlachthof; die Kenntnis, dass die Stäbe des davor abgelegten Mikadospiels jeweils daraus entnommen sind, führt zu vergleichbar aufgefächerten Überlegungen und in ganz andere Sphären.

Als überdimensionales abstraktes Gemälde in Schwarz über Orange wirkt die Arbeit von PSJM (Spanien) auf dem Heuboden nicht gerade überzeugend. Bei mir jedenfalls führt erst der Hinweis, dass es sich dabei um ein Streifendiagramm zu Bevölkerungsgruppen nach Hautfarbe in den USA handelt, zur Wahrnehmung des dünnen roten Streifens unter der vermeintlich neutralen Wandfarbe. Abgesehen davon, dass es mir schwer fällt, Kunst generell als nur noch als spezielle Form von Diagrammen wahrzunehmen, hat auch dieser Ansatz seinen Reiz und vermittelt einen Erkenntnis-Kick, der nicht so leicht in Vergessenheit gerät.

Wenn Videoloops und elektrifizierte Installationen bei dieser Hitze leider gelegentlich ihren Dienst versagen, so traf das bei meinem Besuch insbesondere die Lichtklang-Installation von Alexander Freud und auch die offenbar tiefgründige, als zweikanalige Videoinstallation allerdings hakelnde Reportage der Schweizerin Myriam Thyes zum Thema Balkan. Ulu Brauns in großem Format laufender und reich bevölkerter "Park" wirkt geradezu gespenstisch, subversiv dagegen die dialogisch mit Roland Rauschmeier collagierten "Cadavres Exquis Vivants", eine Reihe von Anti-Porträts, in der Angela Merkel als Sprayerin in einer New Yorker Hochhauskulisse erscheint, ein graphisches Blatt feilbietend, zu allem Überfluss vor einem Banner, das den historischen "Bruderkuss" zwischen Honecker und Breschnew zeigt.

Längst klassisch ist die bei der Ostrale stets gut und bevorzugt in Serien vertretene Fotografie. Besonders bemerkenswerte Beispiele sind die Studien arbeitender Hände bei vom Aussterben bedrohten Verrichtungen, bei denen sich der Belgier Günter Rangeard der Schwarz-Weiß-Technik bediente, die mal dokumentarisch, mal ornamental aufgefassten Blicke aus dem bzw. auf den Balkan-Express von Elfi Anderegg, die vielfältigen Eindrücke einer Zugfahrt auf Madagaskar von Nathalie Bertram, aber auch die frech bis schräg inszenierten Akte der Niederländerin Lilith Love. Stephan Ortmanns zeigt, allerdings farbig und detailreich inszeniert, die Serie "Grau", deprimierende Studien des Alltags.

ibis 25. September (im Messe-Areal bis 25. August), geöffnet Di-Do & So 11-20, Fr & Sa 11-22 Uhr

www.ostrale.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.08.2013

Tomas Petzold

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