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Vor seinem Konzert in der Dresdner Kreuzkirche: Wolf Biermann im Interview

Vor seinem Konzert in der Dresdner Kreuzkirche: Wolf Biermann im Interview

Der Barde Wolf Biermann war schon immer für Überraschungen gut. Einst hat er das Zentralkomitee schockiert, nun konzertiert er mit dem Zentralquartett.Frage: "Ermutigung" heißt eines Ihrer bekanntesten Lieder.

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Zentralquartett mit Ulrich Gumpert, Baby Sommer, Ernst-Ludwig Petrowski und Konrad Bauer (v.l.) sowie Liedermacher Wolf Biermann (2.v.r.).

Quelle: Stephanie Pilick

Der Barde Wolf Biermann war schon immer für Überraschungen gut. Einst hat er das Zentralkomitee schockiert, nun konzertiert er mit dem Zentralquartett.

Frage: "Ermutigung" heißt eines Ihrer bekanntesten Lieder. Auch das Konzert am Sonntag in der Dresdner Kreuzkirche trägt diesen Titel - eine Reminiszenz?

Wolf Biermann: Dieses Lied schrieb ich als junger Mann für einen alten Mann, für den Dichter Peter Huchel, der in der DDR in großen Schwierigkeiten und sehr niedergedrückt war. Damals konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, was aus diesem Lied einmal wird. Es war v.a. in den Gefängnissen der DDR populär, das weiß ich von vielen Häftlingen. Die Jazzleute, mit denen ich jetzt spiele, waren schon damals meine Freunde, als ich verboten war. Sie konnten nicht mit mir auftreten, sonst wäre ihre Karriere am Ende gewesen. Jetzt können wir die "Ermutigung" gemeinsam spielen, es ist ein zeitloses Lied geworden, weil es das ausdrückt, was Menschen brauchen können.

Der Abend in der Kreuzkirche ist der friedlichen Revolution gewidmet. Wie notwendig ist Ermutigung heute?

Alle Menschen, die irgendwie lebendig in einer Gesellschaft stecken, kämpfen mit Verzweiflung, mit Angst und Resignation. Also brauchen sie in diesem ewigen Streit der Welt, der so alt ist wie die Menschheit und in neuem Gewande immer wieder entfacht wird, Ermutigung. Gerade im Osten ist es für viele eine unglaubliche seelische Strapaze, wenn die Unterdrücker von gestern jetzt als Demokraten maskiert die Regierung übernehmen wie in Thüringen.

Trauen Sie diesen Leuten denn keine Veränderung zu?

Natürlich, alle Menschen verändern sich. Ich selbst bin ja ein Kommunistenkind gewesen, allerdings in die Nazizeit hineingeboren, und bin mit 16 Jahren in die DDR gegangen, weil ich dort lernen wollte, wie man die Menschheit rettet und den Kommunismus aufbaut. Wie Sie sehen, habe ich mich sehr verändert. Es wäre idiotisch zu glauben, dass sich die Menschen in der Partei "die Linke" nicht verändern und sich neue Haltungen aneignen könnten. Sie sind in einem Lebensprozess wie wir alle, das schließt also nicht aus, dass ich einzelne Leute von denen treffe und spreche. Aber die geistigen und materiellen Erben der DDR-Diktatur, ganz egal wie wirklich verändert sie sich haben oder ob sie nur umgeschminkt sind, halte ich für einen reaktionären und undemokratischen Verein. Das sind keine Linken im positiven Sinne.

Ihre Ermutigung trifft aber die ganze Gesellschaft?

Das ist ja eine allgemein menschliche Haltung, die uns alle überall auf der Welt betrifft. Ermutigung braucht der im Gefängnis genauso wie der im Aufsichtsrat oder der im Arbeitsamt. Erst neulich bei einem Konzert in Schweden, wo es den Leuten ja chronisch so hervorra- gend geht, dass sie sich fast dafür schämen, habe ich erlebt, wie populär dieses Lied ist. Nach einem Konzert mit dem Göteborger Kammerchor schenkte mir der Bischof das neueste Kirchengesangbuch - und was fand ich darin? "Uppmuntran"! Das ist komisch und sympathisch zugleich, dass der Oberhirte zum Wolf kommt und ihm ein evangelisches Gesangbuch für seine Schafe gibt. Obwohl die ja wissen, dass ich nicht an Gott glaube.

Aber Ihr Dresden-Konzert findet in einer Kirche statt -

Der Ort ist mir fast egal. Ich singe dort, wo ich lebendige Menschen treffe, warum also nicht in einer Kirche? Ich würde sogar lieber vor Menschen in einem Schweinestall singen als vor Schweinen in einem Palast.

Sie und das Zentralquartett sind eigentlich grundverschieden. Was führt Sie für dieses Konzert zusammen?

Jeder sieht sofort, das sind zwei Elemente, die nicht identisch sind. Vielleicht passen wir aber doch zusammen? Wir haben in gewisser Weise dieselben Wurzeln im Blues. Der Free Jazz wollte sich von den Gesetzen des Jazz befreien, auch meine Lieder sind eine Art Blues, deutscher Blues eben. Diese Grundhaltung gibt es in jeder Musikkultur, beim spanischen Flamenco, beim Fado aus Portugal - das ist Gesang von tief innen, Cante jondo, wie Garcia Lorca mal sagte. Und das haben wir gemeinsam.

Was hat Sie und das Zentralquartett zusammengeführt?

Günter Baby Sommer und ich kennen uns schon lange. Ich schrieb damals meine "Bilanzballade im 30. Jahr" und wir wollten eine Tonaufnahme in meiner Wohnung in der Berliner Chausseestraße 131 machen. Da aber Tag und Nacht sechs Spitzel der Staatssicherheit vor meiner Tür standen, wäre es sehr ungesund für Baby Sommer gewesen, wenn er sein Schlagzeug durchs Haus geschleppt hätte. Also kam er mit bloßen Händen und nahm eine mit den Matchbox-Autos meiner Kinder gefüllte Keksdose als Schlagzeug. Ein geiles Geräusch! Auf der CBS-Platte durfte Sommers Name dann natürlich auch nicht stehen, und die Fachleute im Westen haben überlegt, wie die Ost-Leute diesen tollen Ton hingekriegt haben -

Ihr Dresden-Konzert hatte in Peitz schon eine Art Generalprobe...

In diesem Mekka der DDR-Jazzer traten wir zufällig auch in einer Kirche auf. Die vier des Zentralquartetts sind ja immer schon kesse Witzbolde gewesen, wie man an der ironischen Anspielung ihres Namens auf das damals herrschende Zentralkomitee sieht. Jetzt in Dresden werden wir drei etwa halbstündige Konzertteile vorstellen. Erst singt Biermann zur Gitarre einige seiner Lieder, die dazu beigetragen haben, dass Menschen den Mut hatten, sich zu wehren. Dann spielen die Musiker des legendären Zentralquartetts ihre Titel. Anschließend gibt's Biermann-Lieder im Arrangement des Zentralquartetts. Für diesen Teil haben mir die vier Schufte die Gitarre komplett verboten. Aber ich habe mir bei einigen Titeln meine Frau Pamela als Sängerin dazu geholt.

Sie werden bald 78, man kennt Sie vor allem durch Ihre alten Lieder. Entstehen heute auch noch neue?

Das ist so, als ob Sie mich fragen, ob ich noch esse, trinke oder atme. Natürlich! Erst vor kurzem habe ich ein Lied über den russischen Krieg von Putin gegen die Ukraine geschrieben, das werden Sie bald hören können.

Wolf Biermann mischt sich also wieder ein. Kommt von Ihnen, der Sie so sehr mit dem Thema der Bespitzelung durch die Stasi konfrontiert gewesen sind, auch etwas zur NSA?

Das berührt mich überhaupt gar nicht. Ich halte das für eine hysterische Propaganda-Idiotie. Es wundert mich, dass sich Leute darüber wundern, dass die Amerikaner so viel Informationen wie möglich sammeln wollen. Der Unterschied ist doch, ob ein totalitärer Staat die Menschen bespitzelt oder ob eine Demokratie sich über den Streit in der Welt informieren möchte. Die Demokratie ist eine sehr unvollkommene Gesellschaft, das weiß jeder. Aber mir ist eine unvollkommene Demokratie viel lieber als eine vollkommene Diktatur.

"Ermutigung": Wolf Biermann und das Zentralquartett, 2. Nov., 19 Uhr, Kreuzkirche. Sonderkonzert anl. 25 Jahre friedliche Revo- lution. Karten an allen Vorverkaufsstellen (VVK 12 Euro zzgl. Gebühren, Abendkasse 15 Euro). Veranstaltung von Freistaat Sachsen, Jazzclub Tonne und Kreuzkirche Dresden

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.10.2014

Michael Ernst

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