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Vor 80 Jahren wurde der Dresdner Komponist Rainer Kunad geboren

Ein vielschichtiges Werk Vor 80 Jahren wurde der Dresdner Komponist Rainer Kunad geboren

Er hat das Dresdner Musikleben ein Vierteljahrhundert – seit den 1960er bis in die Mitte der 1980er Jahre – wesentlich mitgeprägt: Rainer Kunad, der Schöpfer vitaler Bühnenwerke, origineller, eigenwilliger Orchester-, Vokal- und Kammermusiken. Am 24. Oktober vor 80 Jahren wurde er geboren.

Rainer Kunad im Jahr 1979. Das Foto entstand im Vorfeld der Uraufführung seiner Oper „Vincent“ an der Dresdner Staatsoper.

Quelle: Erwin Döring/Sächsische Staatsoper

Dresden.  Er hat das Dresdner Musikleben ein Vierteljahrhundert – seit den 1960er bis in die Mitte der 1980er Jahre – wesentlich mitgeprägt: Rainer Kunad, der Schöpfer vitaler Bühnenwerke, origineller, eigenwilliger Orchester-, Vokal- und Kammermusiken. Immer auf unruhevoller Suche nach neuen Möglichkeiten musikalischen Ausdrucks und inhaltlicher Aussage bei häufig anspruchsvoller philosophisch-moralischer Zielsetzung, präsentierte er ein vielfältiges Œuvre, das ein erfreuliches Echo bei den Kunstinstituten, den Interpreten der Stadt und weit darüber hinaus sowie vor allem auch beim Publikum fand.

Der am 24. Oktober 1936 in Chemnitz Geborene hatte am Dresdner Konservatorium und an der Leipziger Musikhochschule bei Fidelio F. Finke und Ottmar Gerster 1955 bis 1959 studiert und war 1960 nach Dresden übersiedelt, wo er bis 1974 als Leiter der Schauspielmusik am Staatstheater sowie als dramaturgischer Mitarbeiter der Staatsoper 1972 bis 1984 und als Honorarprofessor für Komposition an der Musikhochschule von 1978 bis 1984 wirkte. Zugleich war er der Berliner Staatsoper 1974 bis 1984 vertraglich verbunden, an der seine Opern „Sabellicus“ (1974) und „Amphitryon“ (1984) uraufgeführt wurden. 1982/83 nahm er außerdem eine Gastprofessur am Mozarteum Salzburg wahr.

An den Landesbühnen Sachsen in Radebeul wurde 1965 mit der erfolgreichen Uraufführung der beiden Einakter „Bill Brook“ und „Old Fritz“ unter der musikalischen Leitung Karl Schuberts und in der Inszenierung Reinhard Schaus erstmalig auf den Musikdramatiker Rainer Kunad aufmerksam gemacht. Die Staatsoper Dresden folgte 1969 mit der Uraufführung der musikalischen Komödie „Maître Pathelin“ im Kleinen Haus. 1972 hob das Staatsopernballett das Tanzwerk „Wir aber nennen Liebe lebendigen Frieden“ aus der Taufe. Dann bot 1976 das von Klaus Dieter Kirst geführte Dresdner Schauspielensemble die Oper für Schauspieler „Litauische Claviere“ erstmalig dar. 1979 gelangte in der Inszenierung Harry Kupfers und unter der musikalischen Leitung von Peter Gülke die groß angelegte Oper um den Maler van Gogh „Vincent“ zur Uraufführung. Kunads letzte Oper „Der Meister und Margarita“, eigentlich für das Nationaltheater Weimar bestimmt, wurde 1986 in Karlsruhe uraufgeführt.

Ab 1972 – mit der Uraufführung des „Konzertes für Tasteninstrumente“, der sich 1974 bzw. 1982 Premieren der Auftragswerke „Quadrophonie“ und „Klopstockode“ (mit Theo Adam als Solist) anschlossen – schaltete sich auch die Dresdner Staatskapelle in die regelmäßige Pflege des Kunadschen Schaffens ein, die bei der dresdner Philharmonie schon 1966 eingesetzt hatte. Hier kamen bis 1984 insgesamt 14 Instrumental-, Vokal- und Kammermusikwerke des Komponisten zur Aufführung, davon sechs zur Uraufführung. Fünf waren Auftragswerke. Das erfolgreichste Opus Kunads im Konzertsaal – das „Concerto per arci“ – erlebte allein unter Kurt Masur 15 Aufführungen in Dresden und auf Tourneen in Polen, Italien und Frankreich. Mehrere Male erklang das Orgelkonzert, das mit Christian Collum als Solist unter Günter Herbig auf Schallplatte eingespielt wurde. Herbert Kegel, Peter Schreier und der Philharmonische Kinderchor führten im Verein mit der Philharmonikern die Kantate „Metai“ 1980 bei den Dresdner Musikfestspielen zu einem großen Publikumserfolg. Mit dem Beethoven-Chor, der heutigen Singakademie, wurde unter Christian Hauschild das Herder-Oratorium „Stimmen der Völker“ uraufgeführt. Im Oktober 1992 widmete sich der Laienchor zusammen mit dem Orchester der Landesbühnen erneut diesem Werk, dirigiert von Hans-Christoph Rademann. Die Probenarbeit hatte der Komponist selbst persönlich mitgestaltet. Gegenüber dem Publikum und den Choristen äußerte er nach der Aufführung bewegende Worte, aus denen die Sehnsucht nach Dresden klang.

Zu dieser Zeit lebte Kunad bereits seit acht Jahren nicht mehr in Dresden. Im Oktober 1984 hatte er kurz nach der Uraufführung seines im Auftrag der Interpreten komponierten Oratoriums „Salomonische Stimmen“ durch Kreuzchor und Philharmonie unter Martin Flämig, die schon 1981 die „Bobrowski-Motette“ uraufführten, mit seiner Familie die DDR verlassen und 1985 in Tübingen eine neue Heimat gefunden – trotz aller Erfolge in der DDR, die ihn mit all ihren kulturellen Auszeichnungen ausgestattet hatte, 1974 zum Ordentlichen Mitglied der Akademie der Künste ernannte und ihm auch sonst mancherlei Privilegien einräumte. Hatte er zunächst unter dem Einfluss des frühen Strawinsky und Carl Orffs gestanden, wandte er sich später der Dodekaphonie zu, setzte sich mit der polnischen Komponistengarde auseinander, wonach er die Aleatorik in seine Handschrift einbezog. Von den 1970er Jahren an gab er mehr und mehr das Zwölftonprinzip zugunsten anderer serieller Schreibweisen auf.

Rainer Kunad geriet durch die herrschenden ideologischen Zwänge in der DDR schließlich in eine für ihn ausweglose Konfliktsituation, als er seit Anfang der 80er Jahre sich ausschließlich religiösen Stoffen zuwendete. Fortan sah er keine Möglichkeit mehr für sich und die weitere Einfaltung seines Œuvres, als die Ausreise in die Bundesrepublik zu erwirken. Doch in der neuen bundesdeutschen Welt konnte er nur schwer wieder Fuß fassen, nicht mehr an die beträchtliche Resonanz seines frühen und mittleren Schaffens in der DDR anknüpfen. Sein nunmehr von christlichem Mystizismus und von stark missionarischer Haltung geprägtes Spätschaffen – in der Tübinger Zeit schuf er zwölf große, z.T. noch nicht aufgeführte Oratorien und 14 größtenteils ebenfalls nicht erklungene geistliche Sinfonien von bis zu 50 Minuten Dauer – hat ein vergleichsweise geringes Echo gefunden. Auch hierzulande, wo allerdings einstige DDR-Komponisten ohnehin einen schweren (bis gar keinen) Stand haben, denn nur einigen gelang der Einstieg ins heutige Konzert- und Theaterleben, ist bisher nur ganz weniges davon zu hören gewesen. So wurde am 13. Februar 1996 in der Kreuzkirche unter Leitung des kommissarischen Kreuzkantors Matthias Jung und unter Mitwirkung Theo Adams im Solistenensemble das 1987 entstandene Oratorium „Die Pforte der Freude“ dargeboten. Im gleichen Jahr brachte Ulrich Backofen, ein ehemaliger Geiger der Philharmonie, der Dresden gen Westen verlassen hatte und als Direktor des von ihm wesentlich mitinitiierten, jedoch bedauerlicherweise inzwischen eingestellten „Sächsisch-Böhmischen Musikfestivals“ später in die Heimat zurückkehrte, unter seiner Leitung im Eröffnungskonzert des Festivals in der Kreuzkirche mit dem Philharmonischen Chor Prag Kunads oratorisches Werk „Der Berg Zion“ zur Uraufführung. Bereits zuvor hatte er in Kiel das zur Hälfte noch in Dresden komponierte „Thomas-Evangelium“ uraufgeführt.

Dass die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbiblionthek Dresden unter Initiative des ehemaligen Leiters der Musikabteilung Karl Wilhelm Geck den Nachlass des am 17. Juli 1995 unerwartet in Reutlingen Verstorbenen und in Tübingen nach einer ökumenischen Totenfeier beigesetzten Komponisten von der jetzt in München lebenden Witwe vor einiger Zeit erworben hat, ist ein hoffnungsvoller Tatbestand. Denn die damit möglich gewordene wissenschaftliche Erschließung des Kunadschen Gesamtwerkes führt hoffentlich auch zu dessen klingender Wiederbelebung, einschließlich des jetzt noch immer nicht erschlossenen Spätschaffens. Der Nachlass dokumentiert Kunads Schaffen in ca. 10 000 autographen Partiturseiten, die durch Skizzenkonvolute, Programme, Presseerzeugnisse und berufliche Korrespondenzen ergänzt werden. Es handelt sich hierbei um eine Materialsammlung, die in vielerlei Richtung höchst aufschlussreich ist, vielleicht gar eine wissenschaftliche Dissertation anregen könnte...

Von Dieter Härtwig

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