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Vor 70 Jahren kapitulierte der Südkessel in Stalingrad - Ausstellungskatalog korrigiert Mythen

Vor 70 Jahren kapitulierte der Südkessel in Stalingrad - Ausstellungskatalog korrigiert Mythen

"Neue deutsche Waffen bewähren sich", titelten die Dresdner Nachrichten in ihrer Ausgabe vom 25 November 1942. Der Bevölkerung wurde zudem mitgeteilt: "In Stalingrad, von dessen 24 Stadtbezirken bekanntlich 22 in deutscher Hand sind, vernichteten unsere Grenadiere am Dienstag im zusammengefaßten Feuer ihrer schweren Infanteriewaffen zahlreiche feindliche Mörser und schwere Granatwerfer.

Im Kampf gegen eine stark befestigte Häusergruppe erzielte unser neuer Flammenwerferpanzer vernichtende Wirkung."

Da klingt sie schon an, die Hoffnung auf Wunderwaffen, die das Schicksal wenden sollten. Denn seit dem 19. November 1942 waren die 6. Armee der Deutschen sowie diverse Verbände verbündeter Ungarn, Rumänien und Italiener eingekesselt. Eigene Truppen eingeschlossen, das war eine weitgehend völlig neue Situation für die Wehrmacht. Aber auch schon vorher waren die Kämpfe um Stalingrad für die deutschen Soldaten ungewohnt gewesen, wie Jens Wehner einleitend im Katalogband "Stalingrad" zur entsprechenden Ausstellung im Militärhistorischen Museum Dresden vermittelt. Die Truppen der Wehrmacht waren darauf gedrillt worden, "in großen ,Panzerraids' in Verbund mit anderen Waffengattungen großzügig durch die Flächen des überfallenen Landes zu fahren und durch geschicktes und überraschendes Agieren gegnerische Verbände einzukreisen und zu vernichten. Nun wurde plötzlich um jedes Haus, manchmal nur um Etagen und Räume gekämpft." Die damals eigentlich noch schlagkräftige Luftwaffe hatte gegen die Betonbauten Stalingrads keine Wirkung. So blieb der berühmte Getreidesilo der Brotfabrik in Stalingrad sogar nach Treffern durch schwerste Bomben und Artilleriegeschosse "strukturell intakt", wie Wehner anmerkt.

15 Aufsätze und Essays, meist von (Militär-)Historikern verfasst, widmen sich jener Schlacht, die ins kollektive Gedächtnis nicht nur der am Kampf beteiligten Nationen einging. Torsten Friedrich reflektiert das "Stalingrad-Trauma" des Generalobersts Friedrich Paulus, dem Oberbefehlshaber der 6. Armee, der dann in der DDR öffentlich inszenierte Auftritte absolvierte und als schwerkranker, depressiver Mann in Dresden starb. Dem Nationalkomitee Freies Deutschland als einer "Konsequenz aus Stalingrad" ist ein nicht minder aufschlussreicher Aufsatz gewidmet. Gorch Piekers fragt, wie sächsisch die 6. Armee war - vor dem Hintergrund, dass drei Divisionen der 6. Armee in Sachsen beheimatet waren, was im gleichnamigen NSDAP-Gau zu dem Eindruck führte, diese Armee sei besonders sächsisch geprägt gewesen. Nun bezieht sich die Herkunft "sächsisch" vor allem auf den Standort, nicht unbedingt auch gleich die Herkunft der Soldaten.

Der Sicherheitsdienst der SS schätzte, dass rund 3000 Dresdner an den Kämpfen um Stalingrad beteiligt waren. In vielen Todesanzeigen wurde Stalingrad als Sterbeort genannt, abgedruckt ist etwa die einer Familie aus Niederpoyritz, in der es u. a. heißt "Wir erhielten die schmerzliche Nachricht, daß unser geliebter, einziger Junge, unser ganzes Glück, Panzer-Schütze Günther Falk, Abiturient der Fletscherschule und Fähnleinführer im Alter von 19 ½ Jahren bei den schweren Kämpfen um Stalingrad am 1. November in begeisterter Pflichterfüllung sein junges Leben ließ". Man sollte aber bedenken, dass die Angehörigen von gefallenen Soldaten in der Wahl der Worte einer Todesanzeige nicht wirklich frei waren.

Stalingrad war schon früh ein Medienereignis. Während die 6. Armee in Stalingrad nicht vorankam, erfuhren die Leser der "Dresdner Neuesten Nachrichten" am 29. Oktober 1942 von einem Gefecht, das als "gegenwartsnahes Schauspiel" gepriesen wurde. Gedacht war es wohl für die Rekrutierung der nächsten Soldatengeneration. Im Beisein zahlreicher "begeisterter Jungen" wurde ein auf dem Truppenübungsplatz Heller inszeniertes "Vorhutgefecht" mit Flammenwerfern, Bunkern, Gräben und deutschen Soldaten siegreich entschieden. Mit hochgehobenen Armen kommt in dieser naturgetreuen Propaganda-Veranstaltung "der Iwan" schreiend aus dem Versteck hervor. Ein Gegenangriff der "Sowjets" mit Panzern "wird im Nahkampf, mit Handgranaten und Brandflaschen abgewiesen. Brennend bleiben die Panzer auf der Strecke".

"So kaputt und matt war ich noch nicht. Die Augen fallen bald vor Müdigkeit zu. Wie sehenwir dreckig und zerlumpt aus. Was anderes darf ich ja nicht schreiben"

Die Schlacht war und ist außerdem überfrachtet von Mythen, die den Blick auf die historische Wahrheit verzerren. Die Bilder der ausgemergelten deutschen Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, sind bis heute Teil der visuellen Erinnerung. In diesem Kontext ist der Aufsatz "Eine Schlacht - zwei Erinnerungskulturen" von Jochen Hellbeck besonders interessant, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass der Heldenkult unter Stalin sehr ausgeprägt war, entsprechend bombastisch das Kriegsgedenken ausfiel. Stalingrad sei die Wende gewesen, diese Auffassung setzte sich alsbald fest - und nur mühsam setzen sich jüngere Forschungsergebnisse durch, die vermitteln, dass "trotz aller Folgen, trotz aller Dramatik" (so der Historiker Christian Hartmann) Stalingrad rein militärisch betrachtet nicht der Wendepunkt war, auch wenn die symbolische Wirkung gleichwohl gewaltig war. Und so steht Stalingrad für die militärische Niederlage eines totalitären Unrechtssystems und den militärischen Triumph einer anderen Diktatur.

Eine wichtige Quelle sind die Feldpostbriefe, um die es in zwei Aufsätzen geht. Zwei Beispiele seien an dieser Stelle zitiert: "So kaputt und matt war ich noch nicht. Die Augen fallen bald vor Müdigkeit zu. Wie sehen wir dreckig und zerlumpt aus. Was anderes darf ich ja nicht schreiben", heißt es in einem Feldpostbrief von Wernfried Senkel an seine Eltern vom 4. Dezember 1942. Auf russischer Seite sind die Briefe, die überliefert sind, in der Regel pathetischer, aber immerhin hält der von Sanitätsinstrukteurin Marionella Wladimirowna Koroljowa an Verwandte fest: "Tag für Tag finden grausame Kämpfe statt... Wir kämpfen verzweifelt... Wir arbeiten viel. Die ganze Zeit an vorderster Front."

Übergeordnete Erzähllinien zu strategischen und wirtschaftlichen Planungen werden durch viele militärische Artefakte ergänzt. Es ist nicht zuletzt der Blick auf den Soldatenalltag, der nachdenklich stimmt. Unmittelbar nach der Kapitulation der 6. Armee wurde auf Befehl Hitlers eine zweite 6. Armee aufgestellt. Fast alle Divisionen, Regimenter und Bataillone erhielten die selben Nummern wie die Verbände, die in Stalingrad kapituliert hatten. Im August 1944 wurde auch diese neue 6. Armee in einer Kesselschlacht von sowjetischen Verbänden vernichtend geschlagen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 31.01.2013

Christian Ruf

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