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Vor 150 Jahren geboren: Richard Strauss war ein Gewinn für das musikalische Dresden

Vor 150 Jahren geboren: Richard Strauss war ein Gewinn für das musikalische Dresden

Richard Strauss vermag noch immer sein Umfeld zu spalten. Für die einen ist er der größte deutschsprachige Opernkomponist seit Wagner. Andere werfen ihm vor, er sei nach den Einaktern "Salome" und "Elektra" stilistisch zurückgefallen.

Er habe die Moderne verraten, um sich der Allgemeinheit anzubiedern. Und wiederum andere - etwa der Geiger Adolf Busch und Thomas Mann - sprachen noch als Emigranten voll Verachtung über ihn, dessen "Musik seinem Charakter entsprechend, oberflächlicher Mist" sei. Zudem sei er "dumm und elend genug [, dem 'Dritten Reich'] seinen Ruhm zur Verfügung zu stellen".

Schon sein Vater, der berühmte Hornist im Münchner Opernorchester, hatte 1904, kurz vor der Elektra-Uraufführung dem 40-jährigen Sohn "eingeschärft", nie seinen Standort in der Weltklasseliga außer acht zu lassen: "Dein Ruhm und Dein Ansehen in der ganzen gebildeten Welt bedingt, daß Dein Domizil in einer Weltstadt ist, wie es bei allen großen Meistern der Fall war. Beethoven, Mozart, Gluck, Haydn, Schubert in Wien, Bach in Leipzig (welches zu Bachs Zeiten eine Weltstadt war), Händel in London. Berlin ist für Dich der einzige Platz, der für Dein Ansehen paßt."

Die ehrenvolle Position des Ersten Kaiserlichen Hofkapellmeisters war dem erst 34-Jährigen 1898 und die des Generalmusikdirektors 1908 in Berlin übertragen worden. Zwei Jahre später kündigte Strauss den Vertrag. Vor der Berliner Tätigkeit wirkte er als Dirigent an drei anderen namhaften Hofopern: in Meiningen, München und Weimar. Eine erstaunlich steile, auch interna- tionale Dirigentenkarriere begann. Ähnlich imponierend die Erfolgsquote sei-ner Sinfonischen Dichtungen, zwischen "Macbeth" und "Alpensinfonie". "Mac-beth" hob er 1890 mit der Weimarer Hofkapelle, die "Alpensinfonie" 1915 mit der Sächsischen Hofkapelle aus der Taufe.

Das davor liegende, ganz frühe Instrumentalwerk hatte ihm den Kontakt zum Musikleben der Residenzstadt Dresden eröffnet, mit der "Serenade für 13 Blasinstrumente Es-Dur op. 7" des gerade mal 18-jährigen Komponisten. Die Uraufführung fand im November 1882 mit Hofkapellmeister Franz Wüllner und Bläsern der Dresdner Hofkapelle statt - im sog. "TV", dem Tonkünstlerverein. Heute würde man von der "Kammermusik der Staatskapelle" sprechen mit Aufführungen in kleiner und kleinster Besetzung, außerhalb des Dienstes ohne Honorar. Damit war der Anfang für die folgenreiche, 67 Jahre währende Zusammenarbeit zwischen diesem Orchester und Strauss gemacht. Dann erklangen 1884/86 die Concertouvertüre c-Moll für großes Orchester und das 1. Hornkonzert. 1890 bis 1899 folgten die Tondichtungen "Don Juan" unter Adolf Hagen sowie "Till Eulenspiegels lustige Streiche", "Also sprach Zarathustra", "Tod und Verklärung" und "Heldenleben" unter Ernst von Schuch, sowie dazwischen, die Sinfonische Fantasie "Aus Italien".

Auch das städtische Gegenstück zum Hoforchester - die damalige Gewerbehauskapelle und heutige Dresdner Philharmonie - interessierte sich früh für Strauss, spielte 1886 die f-Moll-Sinfonie und zwei Jahre später den 1. Satz "Aus Italien" unter Jean-Louis Nicodè. Im Dresdner Anzeiger schrieb Ferdinand Gleich: "Als Dirigent zeigte Richard Strauß eine große, fast zu große Lebhaftigkeit, die jedoch in dem feurigen Temperamente des jungen Künstlers begründet ist, also nichts mit der in neuerer Zeit oft vorkommenden komödiantenhaft zu nennenden Ziererei zu thun hat." Sein Dirigenten-erfahrener Vater sah das eher kritisch: "Gewöhne Dir diese Schlangenbewegungen beim Dirigieren ab. Sie sehen nicht gut aus, besonders bei einem so langen Menschen, wie Du einer bist".

"Salome" verhalf Strauss zum Durchbruch im Opernbereich, und sein Wiener Kollege und Rivale Gustav Mahler brachte es auf den Punkt: "Ich behaupte, daß sich nichts damit vergleichen läßt, was sogar Sie bis jetzt gemacht haben. Sie wissen - ich mache keine Redensarten. Ihnen gegenüber noch weniger als gegen andere! - Aber diesmal habe ich das Bedürfnis, Ihnen das zu sagen. Da sitzt jede Note! Was ich schon lange gewußt habe: Sie sind der berufene Dramatiker! [...] Ich hoffe, bei der Premiere in Dresden dabei sein zu können." Diese Uraufführung am 9. Dezember 1905 wurde zum Ereignis. Dank Ernst von Schuch und der Hofkapelle, dank der Hauptexponenten Carl Burrian als Herodes und Marie Wittich als Salome! Alle Mitwirkenden hatten Grenzen überschritten, nachdem im Vorfeld Krisen aufgetreten waren, etwa die Verweigerungshaltung der Wittich, sie sei ja schließlich eine "anständige Frau"!

Der entscheidende Garant für diese zweite Dresdner Strauss-Opernuraufführung nach "Feuersnot" 1901 war Hofkapellmeister Schuch. Seiner Suggestiv- und Überzeugungskraft allen Ausführenden und Entscheidungsträgern gegenüber ist es zu verdanken, dass zwei weitere Uraufführungen, nunmehr auf Texte Hugo von Hofmannsthals, folgen konnten: 1909 "Elektra" und 1911 "Rosenkavalier", das wohl nachhaltigste europäische Opernereignis vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

Der aus Graz stammende Schuch war seit 1872 Musikdirektor, ab 1873 Kapellmeister, ab 1882 Direktor der Hofoper und schließlich ab 1889 GMD in Dresden. Er wirkte hier über 40 Jahre, bis zum Tode im Mai 1914 in herausragender Weise, ließ sich weder von Wien noch von München abwerben. Trotz internationaler Reputation bis nach New York war auch sein Opern-Alltag nicht sicher vor unliebsamen Überraschungen, gerade bei Novitäten im Spielplan: "Ich armer Kapellmeister [-] stehe immer zwischen Componist, Verleger, Generaldirektion." So auch nach der als sensationell empfundenen Uraufführung des "Rosenkavalier" am 26. Januar 1911. Da teilte er reichlich drei Wochen später dem "hochverehrten Meister" Strauss mit: "Heute dirigiere ich die 8te Aufführung [-]. Hunderte wurden, wie bisher bei jeder Wiederholung, zurückgewiesen, und für nächsten Dienstag den 21ten ist bereits jedes Billet vergriffen. [-] Am 4ten [Februar] kommen Extrazüge von Berlin [-] Das ist wohl das Schönste, was je geschrieben wurde."

Seine Nachfolger vermochten es, erfolgreich an die Schuch-Ära anzuknüpfen und im Verein mit der nunmehrigen Staatskapelle die Qualität zu halten und auszubauen. Allerdings: Eine vier Jahrzehnte umspannende Kontinuität durch einen Chef war nicht mehr zu halten, schon aufgrund wachsender Reisetätigkeit, vor allem aber wechselnder politischer Systeme, Kriege und Zerstörung.

Letztmalig dirigierte Strauss die Staatskapelle 1939, zum 46. Mal. Er hat in Dresden nie ein Amt ausgeübt, kam nur zu Besprechungen, Proben und Aufführungen, wohnte im Hotel Bellevue. Er hatte, so weit wir wissen, hier nie eine Geliebte, aber eines pflegte er aus Leidenschaft: das Skatspiel und die Geselligkeit. 1949 starb er, und die Kapelle widmete ihm Gedenkkonzerte in Dresden und Bayreuth.

Ein Phänomen war dieser 1864 geborene Urbayer und ein Gewinn für Dresden, für die Oper und die Kapelle, aber eben doch in seiner Ambivalenz ein aufregender Gegenstand zum Reflektieren, und: einer der ganz Großen der immer wieder totgesagten Gattung "Oper".

*Unser Autor ist Professor an der Dresdner Musikhochschule.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.06.2014

Matthias Herrmann

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