Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 17 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Vor 150 Jahren gab es in Dresden das erste Sängerbundesfest - Ein Konzert soll daran erinnern

Vor 150 Jahren gab es in Dresden das erste Sängerbundesfest - Ein Konzert soll daran erinnern

Jahrhundert ist ein Jahrhundert der Superlative, das uns manchmal gern glauben macht, wir hätten Großveranstaltungen gerade erst neu erfunden. Jene Happenings und maximalen Events, die einmalig und unvergesslich sein sollen, im Geiste allerdings meist genauso bald verblassen, wie die knallbunten Flyer, mit denen sie beworben werden.

Voriger Artikel
Fotografie zu Krieg und Frieden aus London und Venedig in Dresden
Nächster Artikel
Das zweite Lebender Dinge: Stefan Nestlers "Kolla" in der Villa Salzburg

So sah die Festwiese am Waldschlösschen beim Sängerbundesfest 1865 aus. Die hölzerne Festhalle ist gut zu erkennen.

Quelle: Dresdner Sängerarchiv

Das 21. Doch selbst heutige Superlative werden ziemlich relativ, wenn man sich ein Fest betrachtet, das vor 150 Jahren erstmals auf den Elbwiesen in Dresden stattfand - und an das ein Konzert in der Dreikönigskirche am Sonnabend feierlich erinnern wird: Das erste Deutsche Sängerbundesfest war im Juli 1865 gleichsam ein viertägiger Ritterschlag für den drei Jahre zuvor in Coburg gegründeten Deutschen Sängerbund, der sämtliche Männergesangsvereine des Landes unter seinem Dach vereinigte.

Die Entscheidung, das allererste Verbandstreffen ausgerechnet in Dresden auszutragen, "zündete wie ein Blitz", ist in den Chroniken zu lesen - und soviel ist klar: Es muss ein ganz besonderes Flair gewesen sein, das in diesen vier Tagen vom 22. bis 25. Juli 1865 durch die Stadt wehte. Die Häuser sollen mit Fahnen geschmückt gewesen sein, am Waldschlösschen hatte man extra eine hölzerne Festhalle aus dem Boden gestampft, ja sogar eine Zeltstadt wurde ringsherum aufgebaut. Hier trafen sich immerhin rund 12 000 Sänger aus dem ganzen Land, auch Deutsche Gesangsvereine aus St. Petersburg, Liverpool, Budapest, Paris, New York und Philadelphia waren dabei. Der logistische Aufwand für die Stadt war enorm und viele bis heute bekannte Namen finden sich unter den Beteiligten. Die Festhalle hatte der Architekt Ernst Giese entworfen, der auch für den Dresdner Hauptbahnhof verantwortlich zeichnete. Der Komponist Julius Otto schrieb Lieder für das Fest, Ludwig Richter gestaltete die Gästekarte. Für das leibliche Wohl sorgte eine Reihe namhafter Dresdner Wirtschaften, unter anderem die Waldschlösschenbrauerei und das Kaufhaus Renner. Sogar einen Souvenirshop und einen Frisiersalon gab es auf dem Festgelände. - Heutige Veranstalter sollten darüber vielleicht kurz nachdenken, bevor sie das Wort "Happening" wieder leichtfertig hinausposaunen.

Wie das Fest genau ablief, ist in diversen Chroniken, Sangesbüchern und Festschriften nachzulesen. Susanne Knaack hat sie über viele Jahre hinweg in Antiquariaten quer durch Deutschland gesammelt. In einem mittelgroßen Rollkoffer bringt sie einen Teil dieser Sammlung mit zum Interview - ein Teil ihres "Dresdner Sängerarchivs". Es finden sich Stadtkarten und Silbermünzen, Fotos, Berichte und Medaillen darin. Zeugnisse, die weit über das erste Sängerbundesfest in Dresden hinausgehen, denn sie zeigen die gesamte Geschichte der Deutschen Sängerbundesfeste, bis in die Gegenwart, auf. Auch heute gibt es solche Feste noch. Die Beteiligung ist allerdings nicht mehr ganz so groß wie vor 150 Jahren, es werden keine Hallen dafür errichtet - und Dresden als Austragungsort geriet spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg völlig in Vergessenheit. "Das ist schade", findet Susanne Knaack und möchte den 150. Jahrestag des allerersten Deutschen Sängerbundesfestes in Dresden zum Anlass nehmen, das Ereignis wieder in das Gedächtnis der Stadt zu rufen. Chöre hat sie dazu eingeladen, die Hamburger Liedertafel und der Männerchor Adolphina Hamburg, der Stuttgarter Liederkranz, der Wiener Männergesang-Verein, der Männerchor Leipzig-Nord und der Männerchor Dresden-Striesen werden zum Festkonzert in der Dreikönigskirche am Sonnabend die Dresdner Sängerbundestradition auch musikalisch wieder aufleben lassen.

"Die Chöre waren sofort dabei, als ich sie einlud", erzählt Susanne Knaack, Dresden zündete also auch 150 Jahre später noch "wie ein Blitz", freut sie sich. Doch sie hat noch ein zweites Geschenk: Das von ihr mühevoll zusammengetragene Dresdner Sängerarchiv mit über 500 Exponaten möchte sie zu diesem Anlass feierlich an die Stadt übergeben und in eine Stiftung überführen. "Ich schenke es Dresden, denn es gehört allen", meint sie. Ein bisschen Symbolik schwingt schon mit, wenn sie das sagt. Denn dass Susanne Knaack überhaupt auf die Geschichte des Sängerbundeswesens in Dresden und Deutschland aufmerksam wurde, ist ihrem erbitterten Kampf für einen Tunnel am Waldschlösschen zu verdanken. Erst in diesem Zusammenhang begann sie vor etwa acht Jahren, die Kulturgeschichte der Elbwiesen am Waldschlösschen zu studieren und über das Sängerbundesfest zu recherchieren. "In den Liedern der Sängerbünde geht es viel um die Deutsche Einheitsidee, um Brüderlichkeit, diese Texte sind für mich ewig jung. Ich fände es schön, wenn diese Botschaft Dresden stärkt", sagt sie. Die Brücke sei nun da, damit habe sie sich versöhnt.

Am Fuße der Brücke erinnert bis heute die kleine Sängereiche an das erste Deutsche Sängerbundesfest 1865 in Dresden. "Die Eiche war ein Geschenk des Zöllnerbundes aus Leipzig", erzählt Susanne Knaack. Wie die Eiche ist die Tradition des Chorgesangs bis heute am Leben - und darf getrost als ein Vermächtnis des damals hier beginnenden Sängerbundeswesens betrachtet werden. Eine stille Bestätigung dafür ist auch die Aufnahme der Chormusik deutscher Amateurchöre in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes im Dezember 2014. Höchste Zeit also, an die Dresdner Tradition als blitzende Sängerbundesfeststadt zu erinnern.

Info: Ankunft der Chöre am Donnerstag, Stadtrundgang; 24.7., 9 Uhr: öffentlicher Empfang der Chöre im Dresdner Rathaus 25.7., 15.30 Uhr Konzert in der Dreikönigskirche, Karten sind ab 14.30 Uhr an der Tageskasse zu 10 Euro erhältlich. www.dresdner-sängerarchiv.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.07.2015

Nicole Czerwinka

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr