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Vor 100 Jahren wurde in Dresden die Tänzerin und Choreografin Dore Hoyer geboren

Vor 100 Jahren wurde in Dresden die Tänzerin und Choreografin Dore Hoyer geboren

Jeder hat irgendwann den Wunsch, einer von ihm bevorzugten Persönlichkeit wirklich und leibhaftig zu begegnen - aus welchen Gründen und unter welchen Umständen auch immer.

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Dore Hoyer in Andante Estatico. Reproduktion aus dem Buch "Dore Hoyer Tänzerin", herausgegeben vom Deutschen Tanzarchiv Köln

Diese Neugier bezieht sich sowohl auf jene, die schon vor längerer Zeit gelebt und gewirkt haben, wie auch auf solche, die man hätte treffen können - aber es hat sich halt nicht so ergeben. Für mich gehört zu diesen hoffnungsvoll Erwählten unbedingt die Tänzerin und Choreografin Dore Hoyer (1911-1967). Und die Chance, sie in ihrer so besonderen Kunst und Eigenart noch zu erfahren, lag immerhin im Bereich des Möglichen, aber leider nicht des Erfahrenen. Was nützen da wenige überlieferte Filmaufnahmen, zahlreiche Fotos und Dokumente - zumal bei einer Tänzerin? Sie vermitteln nicht viel mehr als nur eine Ahnung dessen, was sich wirklich zwischen Bühne und Zuschauern abgespielt hat und worin letztlich die Faszination dieser Frau bestand.

Denn irgendeine Magie muss ihr zu eigen gewesen sein - das spürt man deutlich in den Zeugnissen ihres Auftretens. Und auch in den Tanzfotografien liegt ein Zauber, der ahnen lässt, dass sie eine Besessene war, die nichts nur so und zu aller Freude machte - sie musste es einfach tun! Da erscheint Dore Hoyer wie ein personifiziertes Geheimnis, wirkt archaisch und modern zugleich, ist in ihrer Persönlichkeit verletzlich, auch verletzend - eine der Großen unter den Tänzern und Choreografen des 20. Jahrhunderts.

Vor genau 100 Jahren, am 12. Dezember 1911, wurde Dore Hoyer in Dresden geboren. Als Tochter der aus Böhmen stammenden Mutter Amalia sowie von Gustav Hoyer, einem gelernten Mauer, der das ererbte Baugeschäft an Spekulanten verloren hatte. In Dresden erhielt sie vom zwölften bis sechzehnten Lebensjahr Unterricht in Gymnastik, 1928 begann sie eine zweijährige Ausbildung im System Hellerau-Laxenburg an der Schule von Ilse Homilius und schloss sie im Juli 1930 mit dem Pädagogik-Diplom ab. Da Dore Hoyer sich verstärkt dem Tanz zuwenden wollte, ging sie 1930/31 bewusst an die Palucca Schule, doch Palucca selbst war zu dieser Zeit nachweislich viel auf Reisen, und mit Dore Hoyer befasste sich vor allem Irma Steinberg. Für die Spielzeit 1931/32 nahm sie ein Engagement als Solotänzerin am Stadttheater Plauen im Vogtland an, kam nach Dresden zurück, um sich eigenen künstlerischen Aufgaben zu widmen. Dabei lernte sie den gleichaltrigen Musikstudenten Peter Cieslak kennen, der auch ihr erster Komponist und Pianist war. In der Spielzeit 1933/34 war sie Ballettmeisterin am Staatstheater Oldenburg.

Zurückgekehrt nach Dresden entstand ein neues Soloprogramm, das sie 1934 in der Komödie zeigte, und ein weiteres kam im Jahr darauf im Hygienemuseum zur Aufführung, darunter auch Fünf namenlose Tänze von Cieslak. Als sich dieser am 5. April 1935 das Leben nahm, erlebte Dore Hoyer einen Verlust, den sie nie verkraftet hat, zumal sie sich an seinem Tode mitschuldig fühlte. "Die Wunde in mir frißt unaufhaltsam, frißt mich auf", schreibt sie später. Noch 1935 suchte sie auch selbst den Freitod, überlebte diesen, notierte im Kalender: "Die Antwort weiß ich jetzt! - Ich muß leben!! Muß arbeiten!!"

Der Tod ihres Partners hatte Dore Hoyer in finanzielle Schwierigkeiten gebracht - sie fragte Mary Wigman, ob sie in deren Gruppe mittanzen kann. Selbst heute noch heißt es zuweilen, Dore Hoyer wäre eine Meisterschülerin von Mary Wigman gewesen. Das war sie mitnichten, würde Alfred Kerr sagen. Aber sie reiste mit der Wigman-Gruppe 1935/36, was die Meisterin selbst eher kritisch sah. Empfand sie doch den Versuch, erstmals eine nicht an ihrer Schule ausgebildete Tänzerin, noch dazu von der Eigenart Dore Hoyers, aufzunehmen, selbst als ein "zweifelhaftes Experiment".

Alle Stationen ihres Wirkens lassen sich an dieser Stelle nicht aufzählen, und trotz Hilfe und Ermutigung von Freunden gelangte Dore Hoyer immer wieder an ein Existenzminimum, bekam auch die Einschränkungen der Nationalsozialisten für frei arbeitende Tänzer empfindlich zu spüren. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges lebte sie vorerst in Dresden, gründete in der ehemaligen Wigman-Schule eine eigene Ausbildungsstätte. Im September 1948 kam Dore Hoyer nach Hamburg, arbeitete auch an der Hamburgischen Staatsoper. Es folgten Gastinszenierungen an vielen Bühnen, und in den 50er Jahren versucht sie in Buenos Aires Fuß zu fassen, wo man ihrer Tanzkunst mit viel Sympathie begegnete. An Arbeit auch in Deutschland mangelte es ihr zunächst nicht, doch die Zeiten und das Interesse änderten sich. Ihre letzte Vorstellung gab sie am 18. Dezember 1967 in Berlin. Sie war 56 Jahre alt, trat mit großen Schmerzen auf - das Publikum hatte sich nur spärlich eingefunden. Ihr blieb ein Schuldenberg zurück und die Gewissheit, das Tanzen endgültig aufgeben zu müssen. Am 31. Dezember 1967 nahm sie sich mit einem Gift, das sie aus Südamerika mitgebracht hatte, das Leben.

Die neuere Tanzforschung zu Dore Hoyer bemüht sich, ihr Wirken in der deutschen Tanzgeschichte speziell der 30er Jahre neu zu bewerten. Dazu gehört insbesondere auch das 1992 erschienene Buch "Dore Hoyer Tänzerin" von Hedwig Müller, Frank-Manuel Peter und Garnet Schuldt, herausgegeben vom Deutschen Tanzarchiv Köln. Aufschlussreich ist ebenso die Dissertation (2004) von Frank-Manuel Peter zu Dore Hoyer, erfreulicherweise im "online-Bestand" der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin jedermann zugänglich. Anhand des weitgehend unbekannten Frühwerkes belegt der Autor, dass Dore Hoyer aus heutiger Sicht "bereits in den 1930er Jahren die innovativste und modernste deutsche Tänzerin ihrer Zeit gewesen ist und den modernen Tanz wesentlich bereichert und weiterentwickelt hat." Eine streitbare Wertung!

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.12.2011

Gabriele Gorgas

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