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Vor 100 Jahren wurde in Dresden der Dirigent Rudolf Kleinert geboren

Vor 100 Jahren wurde in Dresden der Dirigent Rudolf Kleinert geboren

Vielleicht war es nicht die einzige, aber jedenfalls eine auffällige Merkwürdigkeit im 1981 erschienenen Ost-Musik-Personenlexikon, dass man darin vergeblich nach dem Namen des sechs Jahre zuvor gestorbenen Dirigenten Rolf Kleinert suchte; und das, obwohl auf diesen 860 Seiten sonst kaum eine - oft schon damals herzlich periphere - "Größe" des DDR-Musiklebens fehlte.

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Rolf Kleinert (1911-1975)

Sollte da einer weggeschwiegen werden? Schließlich mussten insbesondere auch alle Standardwerke, die im östlichen Deutschland gedruckt erschienen, mit Sicherheit redigierend-zensierende Stationen durchlaufen.

Zwar hätte solch eine "Tilgung" bei Kleinert einige Beschwernisse gebracht. Hatte der Dirigent doch aus den 20 Jahren seiner Zusammenarbeit mit dem Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester - 16 davon agierte er de facto, zwischen 1959 und dem Ende seiner Laufbahn 1972, dann auch nominell als Chef des Ensembles - um die 800 Studioproduktionen und Konzertmitschnitte hinterlassen, darunter viele Repertoire-Standardwerke. Dennoch gab es ja genügend Beispiele, wie selbst international renommierte Namen, wenn sie sich missliebig gemacht hatten, fast von heute auf morgen quasi ausgekehrt und als Persona non grata aus allen öffentlichen Zusammenhängen verbannt wurden.

So war es hier indessen nicht, und das schaltet die ganz einfachen Denkmuster aus. Auch eine Generation und politische Wende später steht man vor einem Rätsel, dessen wahrscheinlichste - wenn auch nicht einzig mögliche - Lösung eine ziemlich traurige wäre: Da ist einer, so scheint es, nicht als missliebiger Dissident oder Mann mit den falschen Kontakten abserviert worden - seine Stasi-Akte etwa ist ebenso dünn wie wenig sagend -, sondern schlicht im Sumpf der DDR-Mittelmäßigkeit versunken beziehungsweise versenkt worden, aus dem sich zu befreien es nicht nur künstlerisches Potenzial brauchte, sondern auch ein funktionierendes Beziehungsgeflecht oder wenigstens den berühmten glücklichen Zufall.

Er hatte beides nicht. Ausgestattet mit einem gefürchtet unbestechlichen Gehör, ein Mensch, der in sachlich-kritischer Haltung seine Musiker, aber zuerst sich selbst streng forderte (in einem akribisch geführten Tagebuch schätzte er jahrelang die eigenen Produktionen ein, wobei die guten Noten eher rar ausfallen), war er auch "außer Dienst" kein schmiegsam mitlaufender Opportunist: weder NSDAP-Mitglied, was für seine Mitte der 30er Jahre frisch gestartete Laufbahn eine erste harte Zäsur mit mehreren Jahren Militärdienst und Kriegsgefangenschaft brachte, noch später in der SED und auch sonst wenig begabt, zur rechten Zeit bei den richtigen Leuten zu antichambrieren.

Dabei war Rolf Kleinert - sonst wäre er ein Fall unter vielen, aber keiner von exemplarischer Aussagekraft - ein guter Dirigent. Heute vor 100 Jahren in Dresden geboren, ausgebildet an der Orchesterschule der Staatskapelle mit ihrem Spiritus rector Fritz Busch, hat er es in einem Interview selbst als großes Glück bezeichnet, "als Musiker in einer so musisch durchtränkten Stadt aufwachsen zu können". Die Hörerlebnisse seiner Studienzeit - darunter Begegnungen mit dem jungen Menuhin oder Toscanini - klangen, wie er 1963 formulierte, noch "nach so vielen Jahren in meinem Ohr". Und er war imstande, sie später in seinen eigenen Dirigaten produktiv zu verwerten: als Mann klar strukturierender und disponierender Genauigkeit - gerade in Studioproduktionen unabdingbar - und gleichzeitig von nobler Eleganz. Lange, bevor die Originalklang-Bewegung auch das späte 19. Jahrhundert erreichte, haben seine Tschaikowski- oder Strauss-Interpretationen schon fast deren fettarme Klangtransparenz, streng an der Partitur orientiert und ohne waberndes Pathos; eine geistige und handwerkliche Strenge, die ihm auch einen besonderen Zugang zu Schostakowitsch schaffte, von dem er einige Werke zur deutschen Erstaufführung brachte.

So etwas konnten Höhepunkte sein, doch der Rahmen blieb notgedrungen eingeschränkt, härter gesagt: provinziell. Das tägliche Brot für Dirigent und Orchester bestand in der Studioarbeit ohne Publikum: kaum Opern, wenig Gelegenheit zur internationalen Repräsentanz, sei es durch Tourneen oder auch nur Schallplatteneinspielungen - dafür waren die Traditionsklangkörper aus Dresden oder Leipzig nachgefragter. Und natürlich lag auch die Repertoirebildung nicht in der autarken Entscheidung des nominellen Chefs: Hier hatten regelmäßig Gremien und Personen mitzureden, bei denen im Zweifelsfalle politische Loyalität über künstlerische Kompetenz ging.

Es waren die gleichen Instanzen, die Kleinert das Leben schwer machten, als das RSO wie andere Ost-Berliner Klangkörper nach dem Mauerbau 61 rund ein Drittel seiner Musiker verlor, er bei den hektisch eingeleiteten Neustrukturierungen (die unter anderem radikale Aderlässe für einige Orchester im "Hinterland" und die Schnell-Anwerbung von Musikern aus dem "befreundeten sozialistischen Ausland" einschlossen) seine eigenen Wege ging und dafür illegaler Methoden bezichtigt wurde; oder ihn maßregelten, als bei einer der ohnehin raren West-Tourneen drei Musiker wegblieben. Das Ensemble andererseits dankte seinem rigorosen, den individuellen Eitelkeiten mancher Musiker wenig aufgeschlossenen Chef solchen Mut nicht unbedingt, schließlich war der Dirigent 1959 "von oben" eingesetzt worden und kein von Ferne eingeflogener Star - eine Ausgangskonstellation zwischen vielen Stühlen und Interessen, die den Dirigenten von Beginn an dicht mit Fallen und Fettnäpfchen umstellte. Ganz abgesehen von solchen DDR-Alltäglichkeiten wie der fast schon demütigenden Suche nach einer Wohnung, die nicht nur den Dirigenten, seine Frau und die vier Kinder beherbergen konnte, sondern auch eine Möglichkeit gab, sich am Flügel angemessen auf die Proben vorzubereiten. Fähige Nachwuchsmusiker, die im Zweifelsfalle dann doch nicht zum RSO, sondern zu anderen Spitzenklangkörpern vermittelt wurden, nicht genehmigte Reisen und Projekte, immer wieder das frustrierende Gefühl des Übergangen- und Ausgeschaltetseins. Musiker, die ihn noch gekannt haben (und ein eigenes "schwarzes Heft", das der Künstler privat führte) berichten von einem am Ende zerriebenen und ausgebrannten Mann, dessen Weltsicht in der Sentenz zusammenlief: "Meine Herren, ich muss es doch auch aushalten!"

Die Geschichte kennt jene gern aufgegriffenen Fälle, wo Künstler mit den Verhältnissen ihrer Zeit zusammenstoßen und sozusagen unter Krach und Flammen, aber immerhin hell leuchtend untergehen. Der "Fall Kleinert", dieses allmähliche - und hier noch über den Tod hinauswirkende - Versinken in Muff und Mief, ist weniger spektakulär, doch kaum weniger tragisch. Seine Produktionen liegen derzeit wohl verwahrt im Babelsberger Rundfunkarchiv.

am 24. November 1911 als Sohn eines Porzellanmachers in Dresden geboren

1930-34 Ausbildung an der Orchesterschule der Sächsischen Staatskapelle, u.a. Dirigieren bei Fritz Busch

1934-41 erste Dirigentenstellen in Dresden, Freiberg und Brandenburg

1941-47 Einberufung zur Wehrmacht, französische Kriegsgefangenschaft

1947 nach kurzer Tätigkeit in Schwerin Anstellung als 1. Kapellmeister beim Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig

1949-52 Musikdirektor am Theater Görlitz, dort u.a. DDR-Erstaufführung von Moniuszkos "Halka"

1952 Beginn der Zusammenarbeit mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin; zunächst 1. Dirigent, nach dem Tod Hermann Abendroths 1956 de facto Leiter, ab 1959 GMD und Chefdirigent

1961 Ernennung zum Professor

1972 vorzeitige Berentung aus gesundheitlichen Gründen

am 20. Januar 1975 in Berlin gestorben, begraben auf dem Striesener Friedhof in Dresden

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.11.2011

Gerald Felber

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