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Von neuen Seiten und einem alten Dilemma: Die Dresdner Musikfestspiele im Jahresrückblick

Von neuen Seiten und einem alten Dilemma: Die Dresdner Musikfestspiele im Jahresrückblick

Den einen Moment absolut überwältigender Gänsehaut gab es nicht in dieser Saison. Wohl aber bleibende, lange nachwirkende Eindrücke. Eine überaus eindringliche Interpretation von Dmitri Schostakowitschs "Leningrader Sinfonie" durch die Dresdner Philharmonie unter ihrem neuen Chefdirigenten Michael Sanderling am 13. Februar, die in Erinnerung rief, was Gedenkkultur sein kann.

Das herausragende Ereignis

Ein großer Liederabend einer kleinen Reihe - Ingeborg Danz' Saisoneröffnung bei "Das Lied in Dresden", die Sopranistin wie ihr Pianist ohne irgendwelche Eitelkeiten völlig im Dienste der Musik, unheimlich tief lotend, von großer Natürlichkeit und mit selten so gehörten Interpretationen. Ein ebenfalls fesselnder Abend im gleichen Genre bei den Dresdner Musikfestspielen - Angelika Kirchschlager und Helmut Deutsch mit irrer Energie und einem dichten Antennengeflecht zwischen Mezzosopranistin und Pianist.

Überhaupt hatten die Musikfestspiele einiges an wirklich Hochkarätigem und außerhalb dieses Rahmens sicher nicht so schnell zu Habendem zu bieten: Das Philadelphia Orchestra unter Charles Dutoit und das Chicago Symphony Orchestra unter Riccardo Muti in Vorkonzerten, die Wiener Philharmoniker unter Daniel Barenboim, Daniel Hope und Sebastian Knauer - viele gute Erinnerungen.

Überraschendster Künstler

Da hat einer immer noch eine neue spannende Seite: Als Christian Friedel Gast von "Kapelle für Kids - extra" in der Gläsernen Manufaktur war, präsentierte sich nicht nur ein großartiger, auf der Theaterbühne wie im Film überzeugender Schauspieler wunderbar locker, sympathisch und ehrlich den gespannten Kindern, er gab auch gemeinsam mit Staatskapellmusikern Kostproben einer ebenso ehrlichen, ganz eigenen Popmusik, die er mit seiner vor einem Jahr gegründeten Band Woods of Birnam kreiert. Man arbeitet am Debütalbum. Falls jemand ein Geschenk für mich sucht ...

Enttäuschte Erwartungen

Die gab es beim Abschlusskonzert der diesjährigen Auflage des Internationalen Kinderchorfestivals: Kinderchöre aus sieben Nationen dieser Welt gestalteten ein gemeinsames Konzert, das Klänge ihrer Heimat versprach - und am Ende hörten sich etliche Ensembles gleich an, weil Landestypisches auf den Typus hitparadenkompatible Popballade getrimmt wurde. Ohne die enthusiastische ehrenamtliche Arbeit der Organisatoren, die Dresden aller zwei Jahre besondere Farbe spendieren, und ohne die Inbrunst und Freude der jungen Sänger nur im Geringsten schmälern zu wollen: Mehr Mut zur kulturellen Identität bitte. Der Reiz der Musik liegt in ihrer Vielfalt, nicht in der Angleichung.

Was fehlte in der Saison?

Eine Kultur der Kulturpolitik und des Debattierens darüber. In Dres- den herrscht zu oft Kampf. Kultur wird gegen Kultur ausgespielt (Kreuzchorgelder für Kulturpalastumbau; ein noch recht unausgegorenes musikfestspieleigenes Orchester auf den Spuren des "Orchestra di Dresda" gegen längst begonnene Initiativen in Sachen Dresdner Musikgeschichte und historischer Aufführungspraxis). Kultur wird gegen Schulsanierung gestellt (Dabei ist Bildung Kultur, braucht Bildung Kultur, ist das unansehnliche Theater Junge Generation genauso ein Symbol für Missstand wie eine marode Schule.) Kulturvolle Kulturpolitik bräuchte Selbstverständnis, Selbstbewusstsein und Willen. Ganz nebenbei würde es dann auch keine Planungen geben mit Förder- geldern, die am Ende gar nicht fließen.

Worauf ist die Vorfreude groß?

Allein die Fülle Spannendes versprechender Namen entfacht Vor- freude. Zubin Metha etwa kommt im September zur Staatskapelle, Matthias Goerne wird das Konzert der Dresdner Philharmonie zum 13. Februar mitgestalten. Dafür, wie sich das städtische Orchester auf der Wanderschaft durch die verschiedensten Spielstätten schlägt und wie das Pu- blikum zu folgen gewillt ist, ist vielleicht Gespanntheit der treffendere Begriff. Gespannt sein kann man aber auch auf die erste Opernpremiere des dann amtierenden Chefdirigenten der Staatskapelle, Christian Thielemann. Und darauf, was für eine Musik Christian Friedel und Woods of Birnam (siehe überraschendster Künstler) für Roger Vontobels "Hamlet"- Inszenierung am Staatsschauspiel komponieren und live beigeben. Ach ja, und dass aus Anlass der 100. Spielzeit an selbigem Orte höchst renommierte Ensembles der Theaterszene - etwa aus Berlin, Wien und Zürich - an der Elbe gastieren, das passt wieder ganz hervorragend in die Rubrik Vorfreude.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.07.2012

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