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Von der Vermessenheit des Vermessens und der Manipulationskraft der Bilder

Ausstellung Von der Vermessenheit des Vermessens und der Manipulationskraft der Bilder

Die Ausstellung „Die Vermessung des Unmenschen. Zur Ästhetik des Rassismus.“ im Lipsiusbau enthüllt einen fragwürdigen Fund, verknüpft damit einen Einblick in die Kulturgeschichte des Rassismus und erzählt vom gefährlichen Glauben an die Wahrheit der Bilder.

Blick in die Sonderausstellung "Die Vermessung des Unmenschen"

Quelle: Adrian Sauer

Dresden. Die Neuinterpretation ethnografischer Bestände ist in. Das Reden vom Dialog der Kulturen erst recht. Wolfgang Scheppe, Philosoph und Kurator der aktuellen Ausstellung „Die Vermessung des Unmenschen“ im Lipsiusbau, entwickelt Projekte zu ethnologischen Themen für die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden. Er möchte dazu verleiten, dem Fremden auf Augenhöhe zu begegnen. Und weil immerhin ein Drittel der Bestände der Sammlungen nichteuropäischer Herkunft ist, tauchte Scheppe zunächst in die Tiefen ihrer Depots ein, um auf eben dieses Fremde zu stoßen. Seine Expeditionen in die hauseigenen Keller erbrachten das Ausgangsmaterial für vier aufeinander folgende Ausstellungen: Zunächst stellte er 99 Schalen aus verschiedenen Kontinenten und Epochen nebeneinandergereiht aus. Dann entdeckte er in den Lagerräumen des Kunstgewerbemuseums das weltgrößte, dort seit 125 Jahren vergessene Konvolut von Färbeschablonen für Kimonos. Diese als dekorative Variante abstrakter Grafik lesbaren Katagami zogen Zehntausende von Besuchern an. Schließlich folgte im vergangenen Jahr „Supermarket of the Dead“, wo aus Papier nachgebildete Konsumartikel – in China massenhaft als rituelle Brandopfer für Tote verwendet – wie in einem Warenhaus präsentiert wurden. Diese Dinge fühlten sich bei aller Fremdheit stets seltsam vertraut an und weckten die Lust, dem Gefühl der Nähe anhand kulturgeschichtlicher Überlegungen auf den Grund zu gehen. Vielen dürfte es aber genügt haben, einfach den hübschen Anblick der Gegenstände zu genießen, deren Ästhetik sich leicht erschließt.

Mit dem Schwelgen im Schönen und Skurrilen ist es in der vierten und letzten Ausstellung Scheppes vorbei. Auch der schmeichelhaften Vorstellung, selbst der verstaubteste Winkel der Dresdner Kunstkammern berge geheime Schätze, wird keine weitere Nahrung gegeben. Sein Ausflug in die Depots des Museums für Völkerkunde brachte dieses Mal einen eher peinlichen Fund, nämlich das obsessive Bildarchiv des Dresdner Ethnologen, Anthroplogen und zeitweiligen kommissarischen Museumsdirektors Bernhard Struck (1888-1771) hervor, das im Zentrum der Ausstellung steht: Tausende aus Zeitungen ausgeschnittene Abbildungen von Menschen aller Art zeugen neben Vermessungstabellen, Diagrammen, Listen und Instrumenten zur Erhebung von Daten von einem ins Manische gesteigerten Bedürfnis, die unberechenbare Vielfalt des Menschlich-Individuellen durch Einordnung in den Griff zu bekommen. Das pedantische Sammeln, Ordnen und Vermessen hat den Charakter eines zwanghaft-skurrilen Akts, der sich als Wissenschaft ausgibt. Struck bediente sich der Kraniometrie, einer Methode zum Messen von Schädeln, um anhand von Schädelproportionen Menschen in Rassen einzuteilen. In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war zwar die Unbrauchbarkeit dieser Methode zur Klassifizierung von Menschen bereits nachgewiesen, unter anderem durch Strucks eigenen Lehrer, doch Struck hielt unverdrossen daran fest. Dass ein einzelner sich einer Scheinwissenschaft hingibt, mag man als skurriles Phänomen abtun, doch bedienten sich die Nationalsozialisten Strucks „Forschungen“, um ihrem Rassenwahn ein populäres, in den Augen des Volkes wissenschaftliches Fundament zu verschaffen.

Doch nicht erst die Nazis hatten durch Schädelmessung konstruierte Körpermerkmale als Mittel des Ausschlusses und der Abgrenzung für sich entdeckt. Im 19. Jahrhundert wimmelte es von kraniometrischen Darstellungen, die beispielsweise durch Vermessen des Gesichtswinkels nichteuropäische Menschen in die Nähe von Affen rückten. Im Zeitalter des Kolonialismus boten daraus abgeleitete evolutionäre Vorstellungen, wonach sich niedrig stehende „Naturvölker“ zu höherwertigen „Kulturvölkern“ entwickelten, eine willkommene ideologische Rechtfertigung für die Herrschaft der „weißen Rasse“.

Exemplarisch für die Vorstellung einer Bedrohung der eigenen Kultur durch das nur halbmenschlich Primitive steht in dieser Ausstellung die Skulptur eines frauenraubenden Gorillas des seinerzeit für seine Tierskulpturen berühmten Bildhauers Emmanuel Frémiet von 1887. Für den naiven Betrachter, der von selbst nicht auf den Gedanken käme, Gorillas mit Menschen gleichzusetzen, ist diese Skulptur nichts als ein Kuriosum oder allenfalls ein Zeugnis für die uralte Lust, das Martialische mit dem Zarten zu verbinden. Er muss die Rezeptionsgeschichte der Skulptur lesen, um zu verstehen, wie sehr sie tatsächlich über Jahrzehnte hinweg als Symbol für das hässliche Fremde, das sich des schönen Eigenen bemächtigt, gebraucht wurde.

Anders als bisher hat Scheppe in diese Ausstellung zwei neuere Werke bildender Kunst einbezogen, die entschieden zur intellektuellen Belebung der Schau beitragen. Besonders eine Bildinstallation des italienischen Künstlers Fabio Mauri mit dem Titel „Manipulation der Kultur“ lässt mit beißender Ironie sichtbar werden, wie anhand mediatisierter Bilder fiktive nationale Identität geschaffen und etabliert wird.

Zu zeigen, welch wahnwitzige Verstiegenheiten die eigene Kultur hervorgebracht hat, ist hier gekoppelt an den frommen Wunsch, rassistisch denkende Zeitgenossen dadurch zur Zurückhaltung bei der Erhebung über Menschen anderer Nationen zu animieren. Doch wer geht schon ins Museum, um sich dort erziehen zu lassen? Wie dem auch sei – diese Ausstellung zeigt anschaulich, dass die Frage danach, wie man wird, was man ist, weniger harmlos ist, als sie scheint. Anstelle einer Antwort bringt sie oft genug fatale Konstruktionen eigener oder kollektiver Wunschbilder hervor. Wer die Ausstellung – gezeigt werden auch sog. Rassenbüsten, Seelenfiguren, pseudowissenschaftliche Glasnegative der Zwillingsforschung und Judenporzellan – wirklich verstehen möchte, sollte unbedingt einen Blick in die schön gestaltete begleitende Publikation werfen. Detaillierte Informationen zu den Exponaten bilden den Ausgangspunkt für einen ebenso informativen wie lebendig geschriebenen Einstieg in die Kulturgeschichte des Rassismus nach Zeiten der Aufklärung.

bis 7. August, Kunsthalle im Lipsiusbau und Sponsel-Raum im Residenzschloss, 10 bis 18 Uhr, montags geschlossen

Von Kirsten Jäschke

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