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„Von der Flüchtigkeit des Glücks“ im Dresdner Hygiene-Museum

Foto-Ausstellung „Von der Flüchtigkeit des Glücks“ im Dresdner Hygiene-Museum

Phillip Toledano sucht die Flüchtigkeit des Glücks. In seinen Fotos ist er diesem eigenartigen Zustand ständig auf der Spur. Intimes und Inszeniertes ergänzen einander. Großes Foto-Kino im Hygiene-Museum.

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Aus der Serie „A new kind of beauty“ des Fotografen Phillip Toledano.

Quelle: Foto: Oliver Killig

Dresden. Ganz hinten grinst ein Kerl in rosa Hemd als überdimensioniertes Porträt in den Raum. Ist das nicht...? Doch, genau. Es ist der Fotograf selbst, Phillip Toledano, der dafür den Platz gewechselt hat, auf die andere Seite der Kamera. Aber damit nicht genug. Er sieht auch völlig anders aus, wesentlich älter – und fast feist. Es ist ein Foto aus der Reihe „Maybe“, in der sich Toledano nach dem Tod des Vaters mit seinen eigenen Zukunftsszenarien beschäftigte. Als Ergebnis ließ er sich von Maskenbildnern in verschiedene Zukunfts-Toledanos verwandeln und ablichten: als vom Schlaganfall Gezeichneter; als Selbstmörder in einer Badewanne, umflossen von blutrot gefärbtem Wasser; als abgehalfterter Typ, der eben zusammengeschlagen wurde; als Krimineller in Handschellen zwischen zwei FBI-Agenten. Die meisten Szenarios neigen an der Bruchkante eher zum Kippen in Richtung Unglück. Dagegen sticht der lächelnde Mann im rosa Hemd noch als positiv angehauchter Gegenentwurf heraus.

Ums Glück geht es hier auch, besser um seine Flüchtigkeit. Die Verkettung beider Begriffe gibt der jüngsten Foto-Ausstellung im Hygiene-Museum ihren Namen. Toledano nähert sich all dem seit rund 15 Jahren, vorher hat der gebürtige Londoner fast zehn Jahre in New York in der Werbebranche gearbeitet. Vom Glück und seiner Brüchigkeit weiß er deshalb wohl noch aus einer ganz anderen Perspektive: der eines immerwährenden, oft falschen Versprechens.

Toledano darf dabei durchaus als Getriebener bezeichnet werden. Er widmet die Serie „Days with my father“ seinem demenzkranken Vater, der 2009 starb. Die Reihe trägt alle Züge eines fotografischen Tagebuchs. Das ist intim, natürlich. Verlässt aber nie die Ebene einer Ästhetik familiärer Zärtlichkeit. Toledano zeigt seinen im Strudel des Vergessens langsam vergehenden Vater, porträtiert schließlich dessen Sterben durch Abwesenheiten: das Glas mit der Zahnbürste, der leere grüne Sessel, der geschlossene Vorhang. Stillleben, die vom Tod erzählen.

Aus der Serie „Maybe“

Aus der Serie „Maybe“.

Quelle: © Phillip Toledano

Toledano verlor seine Schwester Claudia bei einem Feuer. Sie war neun, er sechs. In der Familie wurde so gut wie nie über sie gesprochen. Viel später findet Toledano einen Karton mit Polaroids, einem Kleidchen, Geburtstagskarten. Er formt all das zu einem fotografisch illustrierten Schrein und nennt die Arbeit „When I was six“. In den kurzen Begleittexten findet sich ein Satz, der sein Auf-sich-Bezogensein als kleiner Junge wiedergibt: „Wenn ich allein bin, gibt es niemanden, der noch verschwinden kann.“ Heute hat Toledano Frau und Tochter. Dennoch schimmert durch viele der rund 160 ausgestellten Fotos eine Traurigkeit, die sich aus seinen Verlusten (2006 war auch die Mutter gestorben) speisen mag.

Abwesenheit, Verlust, das Hinterlassen von Spuren – das sind schon bei Toledanos erster Fotoserie „Bankrupt“ die hauptsächlichen Zuschreibungen. Es ist 2001, die Dotcom-Blase ist geplatzt (weitere werden folgen) – und er sieht sich in verlassenen Büroetagen Manhattans um. Eine amerikanische Flagge an einem Schrank wirkt wie ein desolates Überbleibsel, tote Grünpflanzen betonen die Leere. Stillgelegte Telefone salutieren stumm, ein Schreibtisch voller Papiere wirkt, als sei er wegen einer plötzlich hereinbrechenden Naturkatastrophe im Stich gelassen worden.

Das Fragile eines westlich geprägten Glücksbegriffs stellt Toledano vor allem in der Reihe „A new kind of beauty“ aus. Aufnahmen von Menschen, die sichtbar Schönheitsoperationen oder kleinere Eingriffe hinter sich haben, kaum zu ihrem Vorteil, um es hart zu sagen. Der Fotograf stellt sie ähnlich wie altmeisterlich gemalte Porträts dar. Es sublimiert die Abgebildeten, wirkt wie der belebende Klaps der Ästhetik, wo der Betrachter fast verzweifeln möchte. Dagegen strahlen die Bilder der Serie „Phonesex“ sehr viel mehr Lebendiges aus. Toledano lichtet die Protagonisten des Telefonsex offenbar so ab, wie sie ihrer Arbeit nachgehen, mitunter sehr entspannt. Frauen wie Männer. Und er lässt sie zu Wort kommen. Damit löst sich seine Fotografie vom unbedingten Diktat des Visuellen.

„Glück welches Glück“ hieß 2008 eine Ausstellung im Hygiene-Museum. Toledano fügt dem das fast zwingend notwendige Fragezeichen hinzu.

bis 25. September, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr

www.dhmd.de

Von Torsten Klaus

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