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Von Richter bis Lachnit: Tomas Petzold schaut auf die vergangene Saison zurück

Von Richter bis Lachnit: Tomas Petzold schaut auf die vergangene Saison zurück

Das herausragende Ereignis der zurückliegenden Saison war für mich die Gerhard-Richter-Retrospektive in Berlin. Dieses Panorama in der Neuen Nationalgalerie machte eindrucksvoll die geistige wie politische Haltung und die Arbeitsweise des Künstlers transparent und zwar vor allem durch die Inszenierung, in der die Werke gewissermaßen in den Dialog traten und so weit mehr und besser erklärten als manche kunstwissenschaftliche Abhandlung.

Das herausragende Ereignis

Bei Richter geht es um Prozesse der Wahrnehmung, des individuellen und kollektiven Gedächtnisses im Umgang mit Geschichte. Dass es Richter vor allem um Wege der Bildfindung und weniger um die Erfindung im freien Spiel der Fantasie geht, erwies sich hier in aller Deutlichkeit nicht nur als Bruch, sondern auch als Aufhebung von Traditionen und so bot sich im Vergleich zu manch isolierter oder gar elitärer Präsentation die Chance, auch mit hartnäckigen Missverständnissen aufzuräumen. Die Präsentation des "Atlas" im Dresdner Lipsius-Bau war nicht mehr und nicht weniger als eine sinnvolle Ergänzung, erreichte wie erwartet nicht annähernd eine vergleichbare Attraktivität für ein breiteres Publikum, wie es Berlin zu erleben war, ging wohl auch in dem Sinne über die Köpfe hinweg, als dass in Dresden bei der Beschäftigung mit der jüngeren Kunstgeschichte noch ganz andere Prioritäten anstehen. Die Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit war ein Renner und wohl auch gut fürs Selbstbewusstsein, aber auch mit der Langzeit-Sonderausstellung "geteilt | ungeteilt" im Albertinum können die Staatlichen Kunstsammlungen einiges davon abtragen, und das vielleicht gerade durch die zum Teil eher zufällige - durch die Brüche in der Kontinuität des Sammelns bestimmte - Auswahl und die weitgehend unkommentierte Form der Präsentation in zwei mehr oder weniger unabhängigen Strängen. Dazu wünschte man sich zwar ein Mehr an Hintergrundinformationen, aber letztlich ist dieses Herangehen überzeugender als die Präsentation der Neuen Nationalgalerie in Berlin, wo man auf zum Teil schon ärgerliche Weise versucht, Kunst aus Ost und West jeweils gemeinsam in kunsttheoretische Schubladen zu zwängen (die der hergebrachten westlichen Sicht entsprechen).

Erwähnt sein will aber auch, mit welch bedeutsamen Beiträgen städtische Einrichtungen mitzogen. Die Städtische Galerie widmete sich mit Stefan Plenkers einem der wichtigsten Vertreter der ersten Nachkriegsgeneration und erinnerte eindrucksvoll an Robert Sterl und Wilhelm Lachnit. Ganz einzigartig war auch die Ausstellung des Leonhardimuseums für den Grafiker Carlfriedrich Claus.

Während das Staatsschauspiel Dresden einiges an Schwung aus den Anfangsjahren unter Intendant Wilfried Schulz mitnehmen konnte, zeigten die Bühnen im weiteren Umfeld, dass auch sie professionell auf der Höhe sind und mit überregional bedeutsamen, stilistisch und in der Aussage hochinteressanten Aufführungen aufwarten. Leider wie im Fall von Zittau ohne reale Chance, eine Seltenheit wie das atmosphärisch dichte und emotional stark berührende "Wintermärchen" von Gerhart Hauptmann länger im Spielplan zu halten. Auch in Chemnitz war man auf Wiederentdeckungen aus und hob etwa Gombrowiczs "Yvonne, Prinzessin von Burgund" und die "Salome" von Oscar Wilde in den Spielplan, freilich ohne durchgehend einen für die heutige Zeit überzeugenden Zugriff zu finden. Darum bemühte man sich in Cottbus anhand von Büchners "Woyzeck", der als Clown in einem Zirkus zumindest ein surreales Happy End erlebt. Die Uraufführung des ersten Teils einer Bühnenfassung von Strittmatters "Laden" machte auf die Fortsetzung im Herbst gespannt.

Der Dresdner "Woyzeck" mit der Musik von Tom Waits (Regie Sandra Strunz) rührte stärker an fortwirkende (Ur-)ängste, die Verquickung mit Elementen zeitgenössischer Popkultur nahm dem Stoff nichts von seiner Expressivität. Vergleichsweise flach und zumal für ein Publikum wie das Dresdner allzu unverbindlich erscheinen aus dieser Perspektive die bei-den (partiell auch bös gemeinten) Unterhaltungsabende "Familienbande" und "Damen der Gesellschaft". Und bei Sartres "Schmutzigen Händen" wurde schon gar nicht klar, wohin diese medial leicht überfrachtete Inszenierung zielte. Überzeugt hat mich, wie entschieden Sebastian Baumgarten in seiner "Räuber"-Inszenierung einen deutschen Mythos angeht, der unterschwellig weiter wirkt und sich auch in dem populä-ren Stück von Schiller eingenistet hat. Ob das auf Kosten der Dramaturgie geht, ist eine andere Frage jedenfalls ist das unmittelbar spannendes Theater. Weniger spektakulär, dafür um so unterhaltsamer gelang dies auch Barbara Bürk mit ihrer Inszenierung von Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti": mit hinreißenden, zum Teil gegen den Strich gedeuteten Figuren, als Lehrstück ohne Lehre. Ähnliches gilt für Roger Vontobel und Kleists "Zerbrochnen Krug", bei dessen Verhandlung zumal Sonja Beißwenger als Gerichtsrat und Karina Plachetka als Eve neben einem überragenden Burghardt Klaußner Furore machten.

Überraschendster Künstler

Torsten Ranft als Puntila - eigent-lich keine Überraschung. Dann vielleicht Sebastian Wendelin als Woyzeck.

Enttäuschte Erwartungen

Die Ausstellung zum Jubiläum der Sixtinischen Madonna. Das geniale Kunstwerk steht ein einem Rahmen, dessen es nicht bedarf, und muss eine Menge populistischen Unfugs aufwiegen, für den keine inhaltlich und/oder ästhetisch überzeugende Präsentation gefunden wurde.

Was fehlte in der Saison?

Ein Rockkonzert, zu dem es mich unbedingt hingezogen hätte.

Worauf ist die Vorfreude groß?

Auf 100 Jahre Staatsschauspiel.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.08.2012

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