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Von Kopf bis Fuß aufs Flirten eingestellt: Max Raabe becircte in der Jungen Garde die Dresdner mit allerlei Liebesschwüren

Von Kopf bis Fuß aufs Flirten eingestellt: Max Raabe becircte in der Jungen Garde die Dresdner mit allerlei Liebesschwüren

Um seine Dienstkleidung ist Max Raabe an diesem heißesten Wochenende des Jahres nicht zu beneiden: Doch das Publikum fragt nicht nach Temperaturrekorden, the show must go on, und so steht der Conférencier am Samstag mit Frack, Fliege und Pomade im Haar wacker seinen Mann.

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Max Raabe steht auch bei heißen Temperaturen mit Frack, Fliege und Pomade im Haar wacker seinen Mann.

Quelle: Anja Schneider

In der Jungen Garde, umweht vom Duft angrenzender Grillfeste und gelegentlichem Sirenengeheul aus Richtung Karcherallee, braucht es jeder Requisite, um die Illusion von Schummer-Cabaret à la Berlin um 1927 aufrechtzuerhalten, zudem ist ein Konzert ohne vorbildlich eingehaltene Kleiderordnung bei Max Raabe so undenkbar wie eine Repertoireausdehnung in Richtung Heavy Metal.

Nicht, dass der Dandy unter den Baritons nicht jedes Kapitel der Populärmusikgeschichte erfolgreich zu plündern versteht, haben er und sein Palastorchester doch auch schon Britney Spears, ABBA und Queen adaptiert, was freilich weniger über Raabes Fähigkeiten als Arrangeur sagt und mehr den, nun ja, übersichtlichen harmonischen Strukturen im Pop-Fach geschuldet sein dürfte. Entsprechend fügen sich auch einige neue, gemeinsam mit Annette Humpe komponierte Titel bruchlos ins Repertoire, denn eigentlich spielt es ja keine Rolle, ob nun Max Raabe, Annett Louisan oder Roger Cicero etwas über die "Kleinen Lügen" zwischen Mann und Weib, über die Tugenden des schönen Geschlechts ("Für Frauen ist das kein Problem") oder übers Küssen, das man nicht alleine kann, ins Mikrofon knödeln.

Von ein paar neueren Titeln und englischen Standards (etwa Gershwins "I've got rhythm" oder dem wunderbar arrangierten "Some of these days" von Shelton Brooks) abgesehen, gehörte der Samstagabend ganz dem gewitzten, leicht frivolen Chanson-Repertoire um 1930, das Raabe mit seinen zwölf hervorragenden Musikern perfekt verinnerlicht hat. Aus Ufa-Klassikern wie "Amphitryon" stammt es und berichtet von ersten Küssen und unerhörten Liebesschwüren, enthält zwischen allerlei Küss-die-Hand auch die ein oder andere Beischlafaufforderung, verlässt aber nie den Rahmen des Familienkonzerts, zumal Raabes geschliffen formulierte Moderationen ums Eigentliche lavieren, als gelte es noch immer, die Zensurbehörde der Weimarer Republik übers Ohr zu hauen - so umspielt Raabes Paraphrase des berühmten Goethe-Worts aus dem "Götz" nur denjenigen Ort, "wo der Rücken seinen Namen ändert". Es darf gekichert werden.

Nach der Pause legt das Palastorchester noch einen Zahn zu und offenbart Slapstick-Qualitäten, singt der Star des Abends sogar ein Lied zwischen den Zuschauerreihen und lässt seinem Ensemble immer wieder Raum für Soli (vor allem Violinistin Cecilia Crisafulli und Trompeter Thomas Huder verdienen sich einige Ovationen) und hübsch choreographierte Clownereien. Wenn Raabe mit vier mittelalten Herren aus seinem Palastorchester a cappella die fesche Lola auferstehen lässt und unter frenetischem Jubel "In der Bar zum Krokodil" zum Tanz aufspielt, swingt sogar der Pharao.

Das amüsierte Publikum verübelt es da nicht einmal, dass seine wenigen Mitklatsch-Versuche vom Gastgeber kokett ausgebremst werden, zumal sich die Dresdner nie ganz einig sind, ob das Ganze noch (deutsches Liedgut!) auf 1 und 3 oder - Swing sei Dank! - synkopiert auf 2 und 4 zu empfinden ist. Die gescheiterte Gleichschritt-Offensive verleitet dann im Abenddämmer sogar kurzzeitig zu der Überlegung, ob in den letzten Tagen der Weimarer Republik der Kongress ebenso fröhlich getanzt haben mag, als sich zu den geschliffenen Texten und schwungvollen Melodien von später emigrierten jüdischen Künstlern wie Walter Reisch oder Robert Gilbert allmählich der Faschismus der Volksseele bemächtigte.

Die Dresdner sind in ihrer Fröhlichkeit jedenfalls nicht zu erschüttern - und überhören auch hartnäckig jeden Unterton der Conférence-Plaudereien, so etwa wenn Raabe menschliche Schwächen aufs Korn nimmt und vor Leuten warnt, "bei denen man sich fragt, wo sie bisher waren - und warum sie nicht dort geblieben sind". Bevor sich aber unschöne Assoziationen einstellen, verschreibt Dr. Raabe als Zugabe noch schnell Akupunktur, und mit den Stacheln aus dem "Kleinen grünen Kaktus" im Ohr treten seine Zuhörer den Heimweg an.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.07.2015

Achim Schoenberger

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