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Von Farbe besessen - Werke von Helmut Schmidt-Kirstein in der Villa Eschebach und bei Döbele in Dresden

Von Farbe besessen - Werke von Helmut Schmidt-Kirstein in der Villa Eschebach und bei Döbele in Dresden

Dresden war, mehr als München, mehr als Potsdam und mehr als Dessau-Wörlitz, die italienischste Stadt in Deutschland - mit Chiaveris Katholischer Hofkirche am Schloss, der Nachbildung des römischen Tempietto in Pillnitz, dem Venezianischen Haus am Terrassenufer.

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Helmut Schmidt-Kirstein: Rote und blaue Levkojen vor hellblauem Grund, 1974, Aquarell und schwarze Kreide, 49 x 63,3 cm.

Quelle: Flyer

Helmut Schmidt-Kirstein, zumeist nur Kirstein genannt, ganz Künstler des 20. Jahrhunderts, gehörte zu den Dresdner Italienmalern, Nachfahren der Deutsch-Römer des 19. Jahrhunderts mit anderen, mit expressiven Mitteln, einer Romantik aber zugewandt.

Der Künstler kam aus dem westlichen Sachsen, Aue im Erzgebirge, und wurde Ende der 30er Jahre im östlichen Sachsen, in Bischofswerda heimisch - beides zwei Landschaften charaktervollen Brauchtums - Weihnacht der einen, Ostern der anderen. (Aus dem westlichen Sachsen stammten auch Karl Schmidt-Rottluff, Wilhelm Rudolph, Hans Jüchser, Karl Kröner; im östlichen Sachsen waren gleich Kirstein die zugewanderten Carl Lohse und Fritz Tröger ansässig.) Mit dem Expressionismus der Dresdner "Brücke"-Künstler hatte Kirstein als Gymnasiast seine erste Begegnung in Zwickau, der Stadt Max Pechsteins, wo Cornelius Gurlitt das Kunst-Museum modern bestückt hatte. Und in Bischofswerda begegnete er nach dem Krieg der Witwe des "Zigeuner-Mueller", Maschka, die ihm lebhaft viel zu berichten wusste.

Der 1909 geborene, 1985 verstorbene Künstler hat den deutschen Expressionismus klug haushaltend beerbt, dem Temperament aber auch französische Eleganz - von Constantin Guys und Matisse - souverän eingemischt. Die Filiation von Matisse hat sogar bei Max Beckmann Gestalt angenommen, auch wenn der das hartnäckig bis bösartig geleugnet hat. Es ist die schöne Linienkunst, bei Kirstein in der Ausstellung besonders deutlich an der Zeichnung eines Mädchens, das eine Chiantiflasche liebkost.

Kirstein war Figurenmaler, Stilllebenmaler, Landschafter vor allem der Gärten in ihren Jahreszeiten. Der Mensch bestand für ihn nur in der Frau, Männer malte oder zeichnete er kaum. Als Selbstbildnis existiert einzig nur eine Kugelschreiberzeichnung, winzig gleich einer Zigarettenschachtel. Stillleben - Früchte oder Gemüse, Fische oder Pilze - ließ er gern auf runden Schüsseln oder Körbchen kreisen, oder er reihte geliebte Gegenstände - eine weiblich geformte Chiantiflasche, einen x-förmigen nordafrikanischen Kupferkrug, eine Petroleumlampe - vor dem Fenster auf, schirmte sich ab vor der ihn umgebenden Wirklichkeit. Im Atelier hatte er gern einen großen Steingut-Hafen stehen, aus dem gebündelte Sonnenblumen, bis auf die Kapseln abgeblühte Mohnblumen oder Schilfbinsen ragten.

Dem Aquarell wusste der Maler unerschöpflich viele Töne zu entlocken. Aber die Lithografie dieses von Farbe Besessenen war ihm nicht nur ein Mittel der ohnehin geringen Verbreitung, sondern vielmehr der Gewinnung feiner Schwarz-Nuancen. Der Reiz für Graphik-Kenner sollte kostbar bleiben. Mit der Monotypie - meist zurückhaltend in Erdfarbigkeit, machte er bildhaft großformatige Einblattdrucke, nicht vervielfältigend und nicht gemalt, sondern originale Zwischendinge.

Später hat Schmidt-Kirstein sich noch einmal - mit feinnervigen kleinen Kugelschreiberzeichnungen - seiner an Fritz Beckert geschulten Anfänge erinnert, mit Motiven seiner Dresdner Jugend: Der Brühlschen Terrasse und gar einer Adaption Canalettos - Nota bene: In Wien hat der Künstler 1930 an der Universität Kunstgeschichte studiert - er kannte seine Meister!

Die Gemäldegalerie Neue Meister besitzt ein vorzügliches frühes Gemälde Schmidt-Kirsteins, ein Mädchen mit zwei großen Gefäßen, eines zur Linken und eines zur Rechten. Dieses Bild ist sträflicherweise - zugunsten unsäglichen Ballastes - im finsteren Depot versteckt. Umso glücklicher können sich die Besucher der Ausstellung in der Villa Eschebach schätzen. Deren Hauptleihgeber ist jetzt die Galerie Döbele, die zugleich in ihren eigenen Räumen eine Kabinett-Ausstellung Kirstein arrangiert hat.

Ausstellung in der Villa Eschebach bis 13. September, Georgenstr. 6; Mo., Mi. 8.30 bis 16 Uhr, Di., Do. 8.30 bis 18 Uhr, Fr. 8.30 bis 13 Uhr

Galerie Döbele, Pohlandstr. 19. bis 28. September. Mi.-Sa. 12-18 Uhr. Tel. 0351/ 31 82 90

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.08.2013

Dieter Hoffmann

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