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Von Dresden als Tristan um die Welt: der Tenor Spas Wenkoff wäre 85 geworden

Von Dresden als Tristan um die Welt: der Tenor Spas Wenkoff wäre 85 geworden

Dresden, am 12. Oktober 1975. Premiere im Großen Haus, heute Schauspielhaus, damals auch Spielstätte der Staatsoper. Eine mit Spannung erwartete Premiere steht an, Richard Wagner, "Tristan und Isolde", am Pult der Staatskapelle Marek Janowski, Regie Harry Kupfer.

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Spas Wenkoff als Tristan, Ingeborg Zobel als Isolde: denkwürdig im Oktober 1975.

Quelle: E. Döring

Als Tristan gibt ein Sänger sein Debüt, mit dieser Wahnsinnspartie in Dresden, von dem man schon gehört hatte, und man hatte auch gehört, dass es nicht so einfach gewesen sei, überhaupt einen Sänger zu finden, der einmal den musikalischen, zum anderen den darstellerischen Ansprüchen des Dirigenten und des Regisseurs entsprechen würde.

Am Ende dieser Premiere war klar, diesen Sänger gibt es, es ist der bulgarische Tenor Spas Wenkoff, von dem später zu erfahren ist, dass er diese Partie längst studiert hatte, ohne wissen zu können, dass es einmal dazu kommen würde. Es heißt, er habe in einem Antiquariat einen Klavierauszug gefunden, in russischer Sprache dazu.

Und welch Glücksfall war diese Besetzung. Von tragischer Intensität Theo Adam als zutiefst verletzter König Marke, die so starke Sängerdarstellerin Ingeborg Zobel als Isolde und eben Spas Wenkoff als Tristan, kein Trompeter, ein Sänger. Keine so gerne als Charaktergesang bezeichneten, gepressten Deklamationen der fiebernden Visionen des Sterbenden im dritten Aufzug, nein, selbst hier beseelter Gesang. Und wer dabei war, wird es nicht vergessen haben, jenes todestrunkene Liebesduett, von Kupfer so eindringlich ins Bild gesetzt, als seien Tristan und Isolde längst dem Leben und der Welt abhanden gekommen und man vernimmt das Echo einer übergroßen Sehnsucht von diesen zu Statuen ihrer eigenen Grabsteine gewordenen Figuren auf Erden nicht einzulösender Vision.

Was war das Besondere an diesem Sänger? Spas Wenkoff sang den Tristan mit feinem Gespür für die Melodik, von italienischem Stilempfinden grundiert, er hatte die Töne eines tragischen Helden, Intensität und Feingefühl statt lautstarker Missverständnisse. Es war klar, der Weg führt weiter, und als wäre es selbstverständlich, von Dresden nach Bayreuth. Ein Jahr später, zum 100-jährigen Jubiläum der Festspiele, ist der Jubel groß für diesen Sänger als Tristan, mit Catarina Ligendza als Isolde, Carlos Kleiber am Pult und August Everding als Regisseur. Für insgesamt vier Festspielsommer ist Wenkoff der Tristan auf dem Grünen Hügel, 1978 auch der Tannhäuser. Mit dieser Partie in Magdeburg begann die außergewöhnliche Karriere eines zeitgemäßen Wagnersängers, bei dem das Singen wieder Vorrang hatte. Bis auf den Erik in "Der Fliegende Holländer" und die Titelpartie in "Lohengrin" hat er alle großen Partien dieses Faches gesungen, in Berlin, in München, in London, in Mailand und in Wien, New York und San Francisco. Als Tristan aber ist er eingegangen in die Geschichte, zuletzt im Alter von 63 Jahren sang er diese Ausnahmepartie noch an der Wiener Staatsoper.

So außergewöhnlich die Karriere dieses Sängers, so außergewöhnlich ist sein Weg, von dem er später, in einem Erinnerungsbuch, sagen wird, alles sei Zufall gewesen. Eigentlich war Spas Wenkoff aus Weliko Tirnowo, auch Tarnowo, in Bulgarien, wo er am 23. September 1928 geboren wurde, Jurist und arbeitete als Rechtsanwalt. Er brachte sich das Geigenspiel selbst bei, spielte Operetten im Orchester eines Liebhabertheaters und sprang ein als Operettentenor.

Dann ließ er seine Stimme ausbilden und kam zum ersten Mal nach Dresden, um vom dienstältesten Tenor der Staatsoper, Johannes Kemter, zu lernen. In seiner Heimat macht er Karriere als Operettentenor, dann als Opernsänger in Russe, am zweitgrößten Opernhaus Bulgariens. 1965 kommt er in die DDR, wo man angewiesen war auf Sängernachwuchs, vornehmlich aus Bulgarien oder Rumänien. Erste Station ist Döbeln, dann Magdeburg und Halle, und 1975 der Durchbruch in Dresden.

Sicher war nicht alles Zufall im Leben von Spas Wenkoff, aber der weltberühmte "Einspringer" sollte er bleiben. Wien, Staatsoper, 16. Oktober 1982, Reiner Goldberg aus Dresden steht als Tannhäuser auf der Bühne. Schon im ersten Akt sind an diesem Abend Probleme nicht zu überhören. Spas Wenkoff ist da, er springt ein, im wahrsten Sinne des Wortes, mitten im ersten Akt, die Wiener jubeln. Im November, drei Jahre später, Wenkoff probiert an der Staatsoper in Berlin "Tristan und Isolde", ein Hilferuf aus Wien, Gerd Brenneis ist erkrankt, wer singt am Abend in "Die Walküre" den Siegmund? Am Abend weichen in Wien die Winterstürme dem Wonnemond, der geht hell auf, und die Wiener sind aus dem Häuschen, denn wieder hat Spas Wenkoff als Einspringer einen Abend gerettet.

Nach einer außergewöhnlichen Sängerkarriere, nicht nur im Wagnerfach, auch als Verdis Otello, Beethovens Florestan in "Fidelio" oder Max in Webers "Freischütz", etlichen Ehrungen und Auszeichnungen, Kammersänger der DDR und Österreichs, zog sich Spas Wenkoff zurück nach Bad Ischl. Heute hätte er seinen 85. Geburtstag gefeiert, leider ist er nach schwerer Krankheit am 12. August dieses Jahres verstorben. "Dir töne Lob! Die Wunder sei'n gepriesen." aus "Tannhäuser" setzte die Familie als Motto über die Traueranzeige für Spas Wenkoff.

Spas Wenkoff: Alles war Zufall, von Peter M. Schneider, BS-Verlag Rostock 2008

CDs: Ars Vivendi: Arien und Szenen von Wagner, Staatskapelle Berlin, Dirigent Hein Fricke (VEB Eterna); Mytho: Tristan und Isolde, 1976, Bayreuth, live, Dirigent Carlos Kleiber

DVD: Deutsche Grammophon: Tannhäuser, Bayreuth, Mitschnitt 1978

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.09.2013

Boris Gruhl

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