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Vom Aufleuchten der Dinge - Der Amerikaner Peter Gizzi liest im Dresdner Stadtmuseum

Vom Aufleuchten der Dinge - Der Amerikaner Peter Gizzi liest im Dresdner Stadtmuseum

Das Nichtwissen, sagt Peter Gizzi in einem Interview, spiele für ihn eine ganz entscheidende Rolle beim Schreiben. Erst aus dem Nichtwissen entsteht, was er "die Wirklichkeit des Gedichts" nennt.

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Seine Poesie ist wirklichkeitsgesättigt und empfindsam, lyrisch und erzählerisch: Peter Gizzi.

Quelle: PR

So knüpft jedes seiner Bücher gewissermaßen an das vorhergehende an, denn Gizzi betrachtet seine Gedichte immer auch als Denkbewegungen im Sinne von: Sieh einmal an, so hast du das damals gesehen! Ein wiederkehrendes Thema ist beispielsweise die eigene Kindheit, die er im folgenden Gedicht lakonisch resümiert: "Ein Kind wurde ich, eine Frage / sitzend im Gras. / Gesagt bekommen: ich habe Glück. / Ein offenes Feld." Für das Kind ist das Leben wie ein offenes Feld, alles ist noch möglich.

Er habe, sagt Gizzi, als jüngstes Kind der Familie immer "etwas nachzuholen gehabt", was auch bedeute: "man schnappt viel auf, lauscht." Ein vergrübelter Junge aber ist Gizzi nie gewesen. Seine Poesie ist wirklichkeitsgesättigt und empfindsam, lyrisch und erzählerisch zugleich. Sie kommt aus einer intensiven Auseinandersetzung mit der Welt, in der der Dichter lebt: "Ich bin immer fasziniert von dem, was außerhalb von uns existiert. Und was manchmal größer ist als wir. Sehen Sie, wir sitzen hier. Und dann ist da dieser weite Himmel über uns. Mich interessiert, wie das Gedicht davon erzählt - und in welchem Zusammenhang es diese Dinge dann aufleuchten lässt."

Peter Gizzi wurde 1959 in Pittsfield geboren. Seine Vorfahren sind italienischer Abstammung. Der Titel eines seiner Gedichtbände, "The Outernationale", spielt auf die Erfahrungen dieser Migrantenkultur an. Es sind Erfahrungen des Außerhalbstehens: außerhalb jedes Diskurses von Macht oder Prestige, so Gizzi.

Vielleicht war das auch ein Grund dafür, dass Gizzi später alte Sprachen, vor allem Griechisch und Latein, studierte. Schon als Teenager las er exzessiv: Rimbaud, Homer, Shakespeare, Hawthorne, Whitman, die Beatpoeten. Er verschlang alles, was er kriegen konnte: "Ich habe aber nicht soviel gelesen, um irgendwo dazuzugehören, zu einer dieser literarischen Gemeinden oder so", sagt er. Manche von Gizzis Gedichten lesen sich wie ein stimmungsvoll dahinfließender Film. Ein Satz gibt den nächsten, die erzählerische Struktur umfängt den Leser ganz, nimmt ihn an die Hand: von Bild zu Bild, Zeile zu Zeile, "die Szene schwang durch mich, eine Schaukel", schreibt er in einem Gedicht.

Tatsächlich ist der Film Peter Gizzi als Medium sehr nah. Bevor Gizzi sich für die alten Sprachen entschied, wollte er Film studieren. Denn wie die Poesie komprimiere der Film die Zeit, und wie sie habe er eine aus dem Unbewussten schöpfende, bildhafte Struktur: "Früher dachte ich mal, wenn es im Mittelalter schon das Kino gegeben hätte, würden sie niemals eine dieser Kathedralen gebaut haben. Der Weihrauch, die Fresken, die farbigen Fenster... Auch im Film wird die Leidenschaft ja nur aus Licht erschaffen."

In dem Gedicht "Homers Zorn" begegnet der Leser dem blinden Dichter der "Odyssee". Es ist ein Text, der sich um Sinn und Vergänglichkeit dreht, fast ein Pendant zu dem im Gras sitzenden Kind: "Blindes Licht formt einen Baldachin / auf der Seite. Eine kostbare Leere. // Dieses Verlangen nach Notizen, Impulsen / daß ich die Anstrengung zu lieben begann // Maschinchen im Innern, das Jahre ausspeit / zersplittert, was sind Jahre?"

Das mag sich der Dichter, dessen erster deutschsprachiger Auswahlband jetzt im Verlag luxbooks unter dem Titel "Totsein ist gut in Amerika" erscheint, auch manchmal fragen. Auch seine Biographie wirkt zersplittert und lässt den Poeten als jemanden erscheinen, der keine Alltagserfahrung scheut. Anfang der 80er Jahre lebte Peter Gizzi in New York inmitten der Punkszene, später arbeitete er am Fließband oder nachts in einem Heim für psychisch kranke Jugendliche. Die Poesie wird im dichterischen Werk zu dem Stoff, der alles durchwebt.

Morgen kommt Peter Gizzi, der in diesem Jahr auch Gast der Leipziger Buchmesse ist, zu den "Literarischen Alphabeten" ins Stadtmuseum. Dort wird er sein Buch vorstellen und mit dem Autor Patrick Beck über amerikanische Literatur und das offene Feld der Kindheit sprechen.

morgen 20 Uhr, Stadtmuseum/Städtische Galerie: Peter Gizzi (Holyoke, Massachusetts, USA) liest aus seinem Buch "Totsein ist gut in Amerika", Lesung Englisch/Deutsch - Literaturforum Dresden in Kooperation mit den Städtischen Museen Dresden und gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank und der Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.09.2019

Volker Sielaff

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