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Vom Architekturstudenten zum Künstler: Ernst Ludwig Kirchners Dresdner Studienzeit wird auf der Mathildenhöhe in Darmstadt thematisiert

Vom Architekturstudenten zum Künstler: Ernst Ludwig Kirchners Dresdner Studienzeit wird auf der Mathildenhöhe in Darmstadt thematisiert

Montag, 7 Uhr: Darstellende Geometrie. Dienstag, 7 Uhr: Analytische Geometrie. Mittwoch, 7 Uhr: Darstellende Geometrie. So ging das im Wechsel sechs Tage in der Woche.

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Ernst Ludwig Kirchner: Entwurf für ein Herrenzimmer. Perspektive, 1904, Tuschfeder, Bleistift, Gouache und Aquarell, weiß gehöht, auf braunem Zeichenpapier.

Quelle: © Nachlass Ernst Ludwig Kirchner,Günther Ketterer und Ingeborg Henze-Ketterer, Wichtrach/Bern

Damit lernten die Studenten im Jahr 1901 an der Königlich Sächsischen Technischen Hochschule zu Dresden den Raum zu erfahren und zu gestalten. Teilweise dauerten die Übungen und Vorlesungen bis in den Abend. Kein Wunder, wenn die jungen Menschen nach Bauformen-, Ornament- und Freihandzeichnen die meisten Kurse "als rein wissenschaftlich und lebensfremd" empfanden, wie Fritz Bleyl schilderte. Neben Bleyl war auch der später als Expressionist weltbekannt gewordene Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) von seinen Eltern zum sicheren Architekturstudium in Dresden gedrängt worden.

Bleyl und Kirchner erhielten am 1. Juli 1905 ihre Zeugnisse als Diplom-Ingenieure. Aber da hatten sie bereits knapp einen Monat zuvor "Die Brücke" gegründet, jene Künstlergemeinschaft, die den deutschen Expressionismus in die Welt trug. Mit von der Partie waren Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff, die gerade erst ihr Architekturstudium begonnen hatten und bald wieder abbrachen. Ein weißer Fleck in den Biografien des Quartetts, der bisher übersehen wurde. Freilich ist von Heckel und Schmidt-Rottluff nichts mehr aus der Studienzeit erhalten, von Bleyl nur wenige Blätter, von Kirchner aber 95 Zeichnungen, Skizzenbücher und Fotos. Zu sehen waren diese jedoch noch nie, bis auf eine kleine Schau in einem Münchner Auktionshaus 1999. Und realisiert worden ist von Kirchners Entwürfen vermutlich auch nichts.

Nun also im Darmstädter Museum Künstlerkolonie Kirchner vor Kirchner, der unbekannte Architekturstudent aus Chemnitz vor dem berühmten Expressionisten. Mit ausführlichen Studien zu geometrischen Körpern setzt die Schau ein und zeigt Ornamententwürfe für Kopfleisten oder Vorsatzpapiere. Aber auch relativ trockene Aufgaben wie eine Heizkörperverkleidung oder einen Unterstand für Ackerpferde mussten die Studenten bewältigen. Kirchner entledigte sich der Aufgaben mehr oder weniger brav. Er war kein eigenwilliger Student, schreibt Architekturkritiker Dieter Bartetzko im Katalog, sondern "ein durchaus routinierter und gelegentlich origineller Musterschüler". Kirchner war auf der Höhe seiner Zeit, kannte alle architektonischen Trends, kam aber nicht zu eigenen Lösungen, sondern lehnte sich an andere Ideen an. Sein Museums-Entwurf ist eine Paraphrase von August Stülers Neuem Museum in Berlin (1855), sein Schloss ein Zitat von Max Littmanns Prinzregententheater in München (1901).

Kirchners Diplomarbeit, eine komplette Friedhofsanlage mit Trauer- und Leichenhallen sowie Grabterrassen, ist klassische Architektur mit leichten Jugendstil-Anklängen. "Risikoscheues goldenes Mittelmaß der seinerzeitigen Moderne", folgert Bartetzko nüchtern. Das sieht Mathildenhöhe-Chef Ralf Beil anders und weist auf die Einflüsse des Jugendstils und einiger Baumeister hin. Schon in den Skizzenbüchern von 1900/01 finden sich Bauten mit den typischen Rundbogen-Fenstern von Joseph Maria Olbrich. Ins Auge fällt auch Kirchners Vorliebe für einfache Bauten, die er wohl bei Peter Behrens entdeckt hat. Zuweilen scheint er experimentierfreudiger als seine Lehrer, erhält aber wohl keine ermutigende Resonanz: Bei Paul Wallot, dem Architekten des Berliner Reichstages, reichte er Skizzen ein, die an die Wiener Adolf Loos und Otto Wagner erinnern.

Und Fritz Schumacher, der spätere Hamburger Stadtbaudirektor und Reformarchitekt, gewährte zwar große Freiheiten beim Handzeichnen, kam aber selbst nie über einen gediegenen Landhausstil hinaus. So schwamm sich Kirchner erst frei, als er sich nach einem Semester in München 1903/04 bei Hermann Obrist mehr der Innenraumgestaltung widmete. Das "Rauchzimmer" ist noch stark einem floralen, bewegten Jugendstil verhaftet. Doch das nur wenig später projektierte "Herrenzimmer" mit Schreibtisch, Stuhl, Schränken, Regalen, Standuhr und Lampe erweist sich als kubisches Meisterwerk der Moderne. Erst später kreierten Henry van de Velde oder Erich Mendelsohn solche geradezu tektonisch gebauten Möbel.

Die Darmstädter Schau entdeckt folglich keinen genialen Architekten. Aber sie erklärt Kirchners spätere Vorliebe für kühne Bildausschnitte, radikale Verzerrungen und technische Bauten wie Brücken, Fabriken oder Kanäle. Ohnehin hätte es "Die Brücke" nicht gegeben, wenn sich nicht vier mehr oder weniger frustrierte Architekturstudenten zusammengefunden hätten. Freilich dürfte die solide Dresdner Ausbildung mit dem engen Stundenplan nichts geschadet haben. Kirchner und Bleyl übten so ihre Augen im Sehen und ihre Hände im Zeichnen. Christian Huther

Museum Künstlerkolonie, Darmstadt, Olbrichweg 13 a, bis 8. Januar, geöffnet Di-So 11-18 Uhr. Katalog 25 Euro

www.mathildenhoehe.info

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.12.2011

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