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Volkes Stimme im Theater: Dresdner Bürgerchor wird zehn Jahre alt

Volkes Stimme im Theater: Dresdner Bürgerchor wird zehn Jahre alt

„Chor macht süchtig“, sagt die frühere Lehrerin Gisela Liscovius. Als sie 1999 in den Ruhestand ging, dachte die gebürtige Leipzigerin noch nicht an eine zweite Karriere, schon gar nicht an eine Bühnenkarriere.

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Das Schauspielhaus in Dresden.

Quelle: Dominik Brüggemann

Doch 2002 meldete sie sich bei einem Casting des Dresdner Schauspielhauses an.

Gesucht wurden Bürger im Alter zwischen 30 und 70 Jahren. Regisseur Volker Lösch brauchte für seine Inszenierung der „Orestie“ (Aischylos) einen Sprechchor, wie er früher im antiken Theater üblich war. Nach einem Aufruf in der Presse meldeten sich etwa 300 Frauen und Männer zum Vorsprechen an. „Mich hat die Neugier gepackt“, schildert Frau Liscovius ihr Motiv. Inzwischen ist die 78-Jährige eine gestandene Bühnenakteurin. 2003 erlebte der Bürgerchor mit 33 Choristen in der „Orestie“ seine Premiere. Auch in den Jahren danach kam das Ensemble in Stücken wie Gerhart Hauptmanns „Die Weber“ oder in Georg Büchners „Woyzeck“ zum Einsatz.

Die Frauen und Männer des Ensembles haben im bürgerlichen Leben unterschiedlichste Berufe. Auf der Bühne vereint sie das Faible fürs Theater. Gisela Liscovius plagten anfangs Zweifel, ob sie auch wirklich auf den Theaterbrettern bestehen kann. Bis dahin hatte sie als Lehrerin für Hörgeschädigte gearbeitet. Heute ist sie sogar die Sprecherin des Chores, macht für ihn die Öffentlichkeitsarbeit. Freilich ist auch zehn Jahre nach dem ersten Auftritt das Lampenfieber nicht weg. Liscovius räumt ein, dass ihr noch heute manchmal die Knie zittern.

Ein bisschen schützt vielleicht auch die Anonymität des Chores. „Das Gefühl, gemeinsam auf der Bühne zu sein, hilft. Man stützt sich gegenseitig“, beschreibt sie die Situation. Für manche wurde der Bürgerchor auch in anderer Beziehung zu einer Familie. Aus seinen Reihen entstand sogar ein Paar, das inzwischen in Hildesheim lebt und zwei Kinder bekam. 18 Frauen und Männer der ersten Stunde sind heute noch im Ensemble, das aktuell 24 Choristen umfasst.

Dresdens Schauspiel-Intendant Wilfried Schulz ist des Lobes voll. „Am Dresdner Bürgerchor schätze ich vor allem, dass er Kunst nicht als Hobby, sondern als Lebensmittel betrachtet. Das Spielen ist für die Choristen nicht Selbstzweck - sondern Einmischung, Aufrührung und Teilnahme.“ Das Spiel werde zum politischen Akt, zu einer zutiefst demokratischen Form der Teilhabe an der Gesellschaft. So gelinge die Arbeit des Chors am Ende zum Wohle aller: Die Choristen könnten ihre Stimme erheben, und das Publikum wiederum könne sich von der Energie auf der Bühne anstecken und befeuern lassen, sagt der Intendant.

Für Gisela Liscovius besteht das größte Abenteuer darin, dass im Chor drei Generationen vertreten sind und trotzdem mit einer Stimme sprechen. „Das gibt es ja sonst nicht in der Gesellschaft. Da wird doch eher separiert, in Jung und Alt eingeteilt“. Seit ein paar Jahren agiert der Bürgerchor als Verein. Neben Lösch haben auch andere Regisseure auf die eingespielten Qualitäten der Frauen und Männer zurückgegriffen. Manchmal hat auch nur ein Teil des Ensembles in Inszenierungen des Schauspielhauses seinen Auftritt, zum Beispiel als Götter in Peter Hacks‘ „Schöner Helena“.

Wenn es nach Frau Liscovius geht könnten es noch ein paar Auftritte mehr sein. „Wir wünschen uns einen neuen Auftrag. Der Chor hat inzwischen so viele Erfahrungen gesammelt und viel Spaß an der Arbeit“, sagt die 78-Jährige. Neue Mitglieder sind willkommen, wohlhabend wird man als Bürgerchorist aber nicht. Die Gage ist eher symbolisch. Lösch hat unterdessen auch mit Bürgerchören in Stuttgart und Hamburg gearbeitet.

Unlängst war ein Ensemble aus Montevideo (Uruguay) in Dresden zu Gast, bei der ein Sprechchor von Frauen in einem Stück über die Militärdiktatur in dem südamerikanischen Land auftrat. An diesem Donnerstag will der Dresdner Bürgerchor öffentlich Geburtstag feiern - mit Szenen bisheriger Produktionen.

Jörg Schurig, dpa

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