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Volker Braun, frisch gekürter Kunstpreisträger, las aus seiner Erzählung "Die hellen Haufen"

Volker Braun, frisch gekürter Kunstpreisträger, las aus seiner Erzählung "Die hellen Haufen"

Manchmal fügt es der Zufall so stimmig, wie es keinem Organisator gelänge. Die Städtischen Bibliotheken hatten Volker Braun eingeladen, aus seiner neuen Erzählung "Die hellen Haufen" zu lesen - und dann stand er am Mittwochabend überraschend als frisch gekürter Dresdner Kunstpreisträger vor seinen Zuhörern, die den Lesesaal fast gänzlich füllten.

Und der 1939 in Dresden geborene Autor bewies auch mit seinem jüngsten Text, dass er diesen Preis verdient hat. Wenigen gelingt es auf so hohem literarischen Niveau, etwas spezifisch Dresdnerisches aus der lokalen Begrenztheit zu lösen und zum ästhetischen Prinzip zu erheben: Diese einzigartige Verbindung von Geschichte, ihren Schrecken und schlecht verheilenden Wunden, Kunst in ihrer Suche nach dem Schönen und Landschaft, verstanden als Natur, geformt durch menschliche Arbeit. Diese drei Elemente finden wir auch in "Die hellen Haufen". Hinzu kommen die in die politischen Ereignisse hineingewobenen Beziehungsgeschichten. Die Braun freilich mit wenigen starken Strichen mehr skizziert denn erzählt. Er meidet alles Psychologische.

Diesmal hat er zurückgeschaut, ins Jahr 1993. Damals versuchten sich die Kumpel von Bischofferode gegen Fusion und Schließung ihres Kaliwerkes "Thomas Müntzer" zu wehren. Mit Werksbesetzung, Hungerstreik, Marsch zur Treuhand nach Berlin. Aufhalten konnten sie es nicht. Wie Menschen nach der Niederlage weiterleben, danach zu fragen, wäre eine Möglichkeit gewesen.

Volker Braun entscheidet sich für eine andere: Nachdem er sich strikt an die Fakten gehalten hat, verlässt er diese Ebene, schlägt den Weg in die Fiktion ein. Seine Erzählung kulminiert in einer Möglichkeit: in einer Art kleinem "Arbeiterkrieg", wie er das im Gespräch mit den Zuhörern nannte, eine Neuauflage des Bauernkrieges von 1525. Eine Schlacht auf der Volkstedter Abraumhalde bei Eisleben.

Ein Wagnis. In politischer Hinsicht, weil der Aufstand nicht gewaltfrei bleibt, die Aufständischen schießen und das Militär Feldhaubitzen auffährt. Ein Ausgang dieser Geschichte, den sich der Autor keineswegs wünscht: "Es war hart zu denken, daß sie erfunden ist; nur etwas wäre ebenso schlimm gewesen: wenn sie stattgefunden hätte", lautet der letzte Satz. An anderer Stelle: "ich kann es nicht gutheißen". Der Verlauf der Ereignisse indes eröffnet für ihn diese Möglichkeit: "Aber etwas Notwendiges, Unausweichliches spielt mit, und treibt ein Spiel mit der Wirklichkeit, das sie nicht wagt." Es ist ein denkbarer Ausgang, der schlimmstmögliche. Sein Erfinder ist der Autor.

Volker Braun geht es um das, was in der Geschichte nicht zum Zuge kam: "All das Ersehnte, nicht Gewagte, und die alte Lust zu handeln." Mitten in der hypothetischen Schlacht wird eine Utopie formuliert. Wie sie ihre Zukunft dächten, die Aufständischen? "Mit Notwendigkeit. Ohne Zwang." Ein radikales Programm, sicher. Aber auch eine sehr abstrakt philosophische Formel.

Ein Wagnis ist es auch in ästhetischer Hinsicht. Die Erfindung wird zum sehr dünnen Eis. Einmal schwenkt eine Frau die rote Fahne, auf der wird sie später die Halde hinabgetragen. Das ist revolutionsromantische Heroik. Doch bleiben solche Ausrutscher die Ausnahme. Dennoch liegt in dieser frei schwebenden, hypothetischen Erzählung die größte Schwäche dieses Textes. Dabei ist Volker Brauns Anliegen redlich: Es zielt auf eine Emanzipation der Arbeitenden. Ein Appell, sich nicht alles bieten zu lassen, Selbstbewusstsein zu zeigen, zusammenzurücken und sich zu wehren.

Dabei müsse Literatur auch das Komische von uns Menschen beschreiben, sagte er in einer seiner Antworten auf Zuhörerfragen. "Zwiespältige Wesen, die vieles genießen und vieles mit sich machen lassen." Das Erhellende an so einer Lesung: Die spontanen Lacher der Hörer markieren die Komik, die sich einem beim stillen Lesen nicht gleich mitteilt. Nicht selten freilich ist es eine sehr bittere Komik, wenn beispielsweise vom Verlust der Arbeit die Rede ist.

Ausführlich diskutieren die Figuren die Frage des Eigentums. Eine politische, eine ökonomische Frage. Doch gerät Volker Brauns Text über solchen Disputen nie zum Pamphlet. Das verhindert die ungewöhnliche poetische Art seiner Prosa: Assoziationen schaffen eine geschichtliche Tiefendimension, Wortspiele sorgen für Leichtigkeit trotz schier erdrückender Problemlast, Begriffe aus dem Bergbau für Wortreichtum. Gekonnt verschränkt er Zeitschichten. In knappen, konzentrierten, gewichtigen Sätzen.

Abermals erweist sich Braun auch in seiner Prosa nicht als Belletrist, sondern Dichter. Nicht zuletzt, weil es ihm auch um jene Momente geht, die wir in diesem Text nicht überlesen sollten: Wo Menschen sich plötzlich der Schönheit der Landschaft gegenübersehen, den nach einem Regen im Sonnenlicht glänzenden Wiesen und Feldern. Seine Prosa schenkt uns großartige Sätze, die im Grunde Gedichtzeilen sind. Etwa: "Wie labt sich die Erde an dem Sinn."

Tomas Gärtner

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.01.2012

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