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Völkerkundemuseum Herrnhut präsentiert einen prächtigen Silberschatz aus der turkmenischen Steppe

Opulent Völkerkundemuseum Herrnhut präsentiert einen prächtigen Silberschatz aus der turkmenischen Steppe

Die außergewöhnliche Ausstellung mit 146 Objekten im Völkerkundemuseum Herrnhut ist auch eine Abschiedsausstellung für den langjährigen Leiter des Hauses Stephan Augustin. Damit würdigen die beiden Kuratoren ausdrücklich seine 40-jährige Arbeit als Kulturvermittler in der Oberlausitz.

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Überwurf „yaschyl tschyrpy“ einer verheirateten Frau, Tekke-Turkmenen, Turkmenistan; Anfang 20. Jahrhundert (Leihgabe des Museums für Völkerkunde Dresden).

Quelle: Johanna Funke

Herrnhut. Diese achtreihigen Armreife – das Silber schwer, die Applikationen aufwändig, die Karneole leuchtend. Dieser schwarzgrüne Überwurf – die Seide kostbar, die Musterung reich, symbolträchtig, der Strahlenkranz der Blätter brillant gestickt mit roten Seidenfäden. Dieser prächtige Teppich – das archaische Muster aufs Feinste komponiert, die Wollfäden sorgfältig geknüpft, der krapprote Fond gleich einem Feuer der Wüste. Allein für diese drei Objekte lohnt sich der Weg nach Herrnhut in das 1878 gegründete Völkerkundemuseum. Die Sonderausstellung „Silberschatz der Steppe – Turkmenenschmuck aus einer Privatsammlung“ ist trotz der dafür zur Verfügung stehenden bescheidenen Mittel von einer Qualität und von einer Güte, die einen überwältigt.

Man tritt ein in den Raum und ist zu Hause. Im „Schwarzen Sand“, in der Wüste Karakum, in der Heimat der Turkmenen. Man hört sie auf den Basaren um das schwere Silber feilschen, die Karawanenführer. Man sieht sie kämpfen um Gefangene für die Sklavenmärkte in Buchara, Chiva und Samarkand, die gefürchteten Räuber der mittelasiatischen Steppen. Man sieht sie sitzen in ihren Jurten, wie sie ihre knöchellangen Hemdenkleider und Pluderhosen fleißig besticken, die Wüstenschönen, die jungen Mädchen mit ihren mit Silberornamenten besetzten Kappen. Man hört ihr Singen, wenn sie mit geschickten Händen die Teppiche knüpfen und knoten, die verheirateten Frauen – zu erkennen an ihren mit Seidentüchern umwundenen Hauben.

All das sieht man, hört man, spürt man, hier mitten in der Oberlausitz. Es liegt am hellen Silber, an diesem Leuchten der Karneole, an diesem unglaublich intensiven Rot, dass es glänzt, dass es flirrt vor den Augen, dass man eintaucht in diese andere Welt, in die Welt des legendären Oghuz Khan aus dem 10. Jahrhundert und die seiner Nachfahren – der Stämme Göklen, Tschaudyr, Salor, Yomut, Ersari, Tekke und Saryk. Man taucht ein und ahnt die Rastlosigkeit, die Unruhe, den Kummer, die Verzweiflung, die Fürsorge, die Frage nach dem Morgen. „Der Eindruck täuscht nicht,“ erklärt Roland Steffan, der Kurator der Ausstellung. „Der Silberschatz der Steppe wäre nicht hier in Herrnhut, wenn er nicht hätte verkauft werden müssen. Aus bitterer Not,“ sagt er weiter. Das Leben im „Schwarzen Sand“ sei geprägt von oft eisigen Wintern und mörderischen Dürreperioden. Regelmäßig fielen so Herden und Ernten der turkmenischen Nomaden und Bauern dem unberechenbaren Klima zum Opfer. Ein Gedicht aus dem 18. Jahrhundert – der Nationaldichter Machtum Guli Firaki hat es geschrieben – erzählt von dieser Not: „Ich bitte Dich, Allmächtiger: Hab Mitleid mit uns, lass Regen fallen, o Herr! Ich bin arm, bedrückt, ich schreie zu Dir: Hab Mitleid mit uns, lass Regen fallen, o Herr!“ Die Not ziehe sich weiter bis in unsere Tage, so Roland Steffan. Er erinnert an die Sowjetisierung Mittelasiens, die Islamische Revolution im Iran, an die verheerenden Bürgerkriege in Afghanistan. Um mit ihren Familien zu überleben, mussten die Frauen ihren kostbaren Schmuck veräußern. „All dieser Schmuck, den sie hier sehen, müssen Sie als eine Familienversicherung, als eine Art Witwen- und Waisenversicherung verstehen. Die Frauen hüteten den Schatz wie ihren eigenen Augapfel. Sie veräußerten ihn auf den Basaren, nur wenn ihr Leben in Gefahr war,“ erklärt der Ethnologe. „Wertvolle Erbstücke gingen von der Mutter auf die Töchter über, vieles wurde als Vorsorge für mögliche Notzeiten gehortet. Sie verkauften ihn in der Gewissheit, dass sie in folgenden guten Jahren diesen Schmuck von ihren Männern wieder ersetzt bekamen.“

„Er hat eindeutig eine Funktion“, ergänzt Hans-Jörg Schwabl, Co-Kurator der Ausstellung. Der Schmuck vermittle Fremden auch eine Botschaft, führt er weiter aus. Er erzähle, welchem Stamm, welcher Schicht die Trägerin angehöre und ob sie ledig, verheiratet oder gar verwitwet sei. „Es ist kein Zufall, dass Amulettschmuck für Kinder und ganz besonders für heiratsfähige Mädchen und junge Frauen bestimmt ist. Diese werden seit je her in der turkmenischen Gesellschaft als Leben und Wohlergehen spendende und erhaltende Mütter betrachtet. All diese Brustplatten, Amulette, Glocken und Schellen schützen vor dem bösen Blick, vor schwarzer Magie, vor dem Einfluss heimtückischer Geister.“ Silber werde bis heute mit dem Mond und damit mit „weißer“, heilsamer Kraft in Verbindung gesetzt. Ihm werde eine reinigende und abwehrende Kraft zugeschrieben, berichtet Roland Steffan. Der Karneol aber, der Blutstein, verkörpere Lebenskraft und beruhige das Herz.

Man ahnt sehr schnell, wenn man in der Ausstellung die Brustplatten und langen Ketten sieht, dass all dieser Schmuck nicht nur inhaltlich schwer wiegt. Dieses Silber, diese Karneole, all das schmückt Kopf, Stirn, Schläfen, Ohren, Schultern, Hals, Brust und Rücken, Zöpfe, Handgelenke und Finger. Der Festtagsschmuck einer Braut der Ersari-Turkmenen kann bis zu 15 Kilogramm wiegen.

Diese außergewöhnliche Ausstellung mit 146 Objekten im Völkerkundemuseum Herrnhut ist auch eine Abschiedsausstellung für den langjährigen Leiter des Hauses Stephan Augustin. Damit würdigen die beiden Kuratoren ausdrücklich seine 40-jährige Arbeit als Kulturvermittler in der Oberlausitz. Dieses Ehrung hätte man eigentlich aus Dresden erwartet, mindestens mit einem Grußwort. Es ist zu hoffen, dass sich die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Gedanken darüber machen, wie es mit diesem historischen Kleinod weitergehen so. „Wir wollen mit dieser Ausstellung zeigen, dass es Häuser sind wie dieses, die abseits der großen Zentren eine wichtige Aufgabe der Völkerverständigung wahrnehmen. Was wir hier zeigen, ist nicht nur der Silberschatz der Steppe, sondern auch ein Schatz der Weltkultur,“ so Roland Steffan.

Der Blick löst sich nur schwer von den Armreifen, Amuletten, Brustplatten, Fingerringen, Ketten, Anhängern, von dem Rückenschmuck. Dazu glänzt das Silber zu prächtig, funkeln die Glassteine farbenfroh, leuchten die Karneole blutrot. Die Wüstentöchter hatten einen wahrhaft erlesenen Geschmack, die anonym bleiben wollenden Privatsammler ihres Schmuckes aber auch. Fast scheint es, als gilt auch für sie dieses alte turkmenische Sprichwort: „Solange auch nur eine einzige Frau auf Erden lebt, solange bleibt kein einziger Silberschmied ohne Arbeit.“

bis 16. Oktober, Di bis So 10 bis 17 Uhr

www.voelkerkunde-herrnhut.de

Von Adina Rieckmann

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