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Vladimir Vertlib las im Dresdner Literaturhaus Villa Augustin aus "Schimons Schweigen"

Vladimir Vertlib las im Dresdner Literaturhaus Villa Augustin aus "Schimons Schweigen"

In "Schimons Schweigen", dem jüngsten Roman von Vladimir Vertlib, entdeckt der Leser zahlreiche Parallelen zur Biografie seines Verfassers. Wie dieser ist der Erzähler 1966 als Jude in Leningrad, heute St.

Petersburg, geboren. Nach zehnjähriger Emigration über Israel, die USA und andere Länder 1981 mit seinen Eltern in Österreich angekommen, wo er bis heute lebt. Auch die Lesereise durch Israel, die die Rahmenhandlung bildet, hat es gegeben.

Den Roman jedoch als Autobiografie zu lesen, würde ihn auf eine Nebensache reduzieren. "Autobiografisch gefärbt" sei das Buch gewiss, erläuterte der Autor jetzt bei seiner Lesung in der Villa Augustin im Gespräch mit Moderatorin Eva Sturm. Das Entscheidende ist aber, was er aus seinem biografischen Material macht. Und das gestaltet er zu Szenen, die dadurch beeindrucken, dass hinter den äußerlichen Vorgängen etwas sichtbar wird, das einem die Augen öffnet, manchmal den Atem stocken lässt.

Da fragt ein Moderator den Erzähler während einer Lesung, ob dessen Abgeklärtheit, Seriosität und Freundlichkeit vielleicht nur gespielt seien, er im Dunkel der Nacht womöglich zum Serienmörder mutiere. Selbstverständlich hält man das für provozierend, ja unverschämt. Das Frappierende jedoch: Weiter hinten im Buch geht einem auf: So ganz verkehrt liegt der Mann nicht. Wenn auch nicht so extrem. Aber die Erzählerperson hat sich als Student in Wien tatsächlich zumindest in der Phantasie einmal ausgemalt, einem Menschen schwerste Gewalt anzutun. Weil er und seine Familie zuvor als rechtlose Zuwanderer gedemütigt wurden.

Von Machtspielen erzählt dieser Autor. Auch in der zweiten Szene, die er vorlas: Der Erzähler als Student berät Studienanfänger. Das ist witzig, humorvoll geschildert, aber es spielt sich etwas Unheimliches ab: Er nutzt seine Machtposition, um andere zu manipulieren - und die passen sich willig an. Er tut das aber vor allem, weil er selbst einst von Bürokraten zum hilflosen Objekt degradiert wurde. Dieses ewige Geschlagenwerden und Zurückschlagen zieht sich als ein wichtiges Motiv durch das Buch. Wer diesem Blick des Autors unter die Oberfläche des Geschehens folgt, findet sich in einem spannungsreichen Roman. Er nimmt dann auch in Kauf, dass die Debatten über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern stellenweise ausufern und ermüden.

Dieser Autor versteht es, unsere Neugier wach zu halten. Am Anfang lässt er den Erzähler die Frage stellen, warum sein Vater und jener Schimon, sein bester Freund und Mitstreiter in einer zionistischen Untergrundorganisation in der Sowjetunion, 30 Jahre lang nicht miteinander redeten. Erst am Ende beantwortet er sie. Und erzählt eine erschütternde Geschichte. Dies ist eine der stärksten Passagen des Romans. Überrascht und bewegt erfahren wir, wie widersprüchlich ein Mensch wie dieser Vater des Erzählers sein kann. Wie er in Verhören standhaft bleibt, menschliche Größe und Hilfsbereitschaft zeigt, dann, schon im Exil, versagt, der Sowjetmacht erbärmlich zu Kreuze kriecht und seine Freunde demütigt, später unglücklich, hilflos wütend oder lethargisch wirkt.

Es ist ein Buch über Heimat und Identität, das uns bei einem aktuellen Thema von vereinfachendem Klischeedenken befreit: Migration. Wobei für Vladimir Vertlib der Wechsel in ein anderes Land, nicht nur Flüchtlinge betrifft, sondern die moderne Existenz grundsätzlich kennzeichnet. In seinem Essay "Schattenbild" in dem äußerst anregenden und erhellenden Sammelband "Ich und die Eingeborenen" schreibt er: "Das Exil im engeren Sinn - ein wichtiger, wenn auch bei Weitem nicht ausschließlicher Inhalt meiner schriftstellerischen Arbeit - ist international und gleichzeitig die zugespitzte Form jener Erfahrung von Fremdsein und Identitätsverlust, die zu den wesentlichen Merkmalen unserer Zeit gehört."

Vladimir Vertlib: Schimons Schweigen. Deuticke Wien. 269 S., 19,90 Euro.

Ich und die Eingeborenen. Hrsg. von Annette Teufel. Thelem. 344 S., 22 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.02.2014

Tomas Gärtner

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