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Virtuose Rombilder und famose Karikaturen: Johann Christian Reinhart in einer Ausstellung in München

Virtuose Rombilder und famose Karikaturen: Johann Christian Reinhart in einer Ausstellung in München

Johann Christian Reinhart gefiel nicht, was Dr. Ludwig Schorn am 30. November 1829 im "Kunstblatt" über sein Gemälde "Ideale Landschaft mit Psyche, die vom Adler Jupiter das mit Wasser gefüllte Gefäß erhält" geschrieben hatte, das auf der Kunstausstellung der Königlich-bayerischen Akademie der Künste in München präsentiert worden war.

Schorn lobte zwar "die schönen Linien der Composition, die meisterhafte Abstufung der Töne (und) die Klarheit und Kraft der Farben", monierte aber die für ihn nicht entschuldbare "Glätte der Ausführung" und bemängelte die insgesamt zu künstlich und schön angelegte Bildgestaltung. Reinhart griff zur Feder - und zeichnete die Karikatur eines Kunstkritikers. Durch den Spalt des langen Mantels lugt ein Eselsschwanz hervor, zu den Füßen des "elenden langen Herrn Philisters" (Reinhart über Schorn in einem Brief) ein Schaf, auf dessen Rücken ein das Kunstblatt lesender Affe sitzt. Eben jener Schorn war Herausgeber und omnipräsenter Autor der populären Zeitschrift, die maßgeblich das Kunstverständnis der breiten Leserschaft prägte.

Diese Karikatur ist nicht die einzige ihrer Art, die in einer Ausstellung in der Neuen Pinakothek in München über Johann Christian Reinhart zu sehen ist. So legte der Künstler 1811 einem Brief an Kronprinz Ludwig von Bayern eine radierte Karikatur mit dem Titel "Der große Bär" bei, auf der der russische Maler Fjodor Matwejeff, der sich verächtlich über die deutsche Sprache geäußert hatte, Ziel beißenden Spottes wird. Aus dem Mund Matwejeffs ließ Reinhart die Worte "Die deutsche Sprache ist eine barbarische. Es mangelt ihr an Poesie" (im Original französisch) aufsteigen, der Russe schaut aber dabei so roh und barbarisch aus, dass er seinem Urteil über die deutsche Sprache physiognomisch selbst sehr nahe kommt.

Der bildenden Kunst zugewandt

Der seit 1798 in Rom lebende Reinhart, als Sohn eines Predigers 1761 im oberfränkischen Hof an der Saale geboren, zählte um 1800 zu den am höchsten geschätzten Vertretern seiner (Maler-)Zunft. Zunächst hatte er sich an der Universität in Leipzig als Student für Theologie eingeschrieben, sich dann aber der bildenden Kunst zugewandt. 1783 siedelte Reinhart nach Dresden über, nahm Privatunterricht bei Johann Christian Klengel, betrieb Studien in der Gemäldegalerie und in der Landschaft. Bei einem der Ausflüge entstand eine überlieferte Zeichnung einer "Straße unterhalb des Meißner Doms".

Zu Reinharts Freunden zählten unter anderem der Görlitzer Maler Christoph Nathe und ab 1785 auch Friedrich Schiller sowie die Personen im näheren Umfeld des Dichters, also etwa der Konsistorialrat Christian Gottfried Körner. Da von Schiller recht wenig authentische Bildnisse überliefert sind, ist man froh über die Konterfeis, die Reinhart von dem Dichter fertigte, so skizzierend-notathaft diese auch sein mögen. Wiederholt reproduziert wurde das launige Blatt von 1785/87, das Schiller mit breitkrempigen Hut und lässiger, wertherhafter Kleidung im Damensitz auf einem Esel abbildet, ein Pfeifchen schmauchend. Eine tiefe, impulsive Freundschaft verband Reinhart auch mit dem gleich alten Herzog Georg I. von Sachsen-Meiningen, den er im Sommer 1857 auf einer Reise nach Bad Ems und den Rhein entlang begleiten durfte. Zu den Sammlern von Werken Reinharts zählt u.a. der mit Caspar David Friedrich befreundete Landschaftsmaler Johann Christian Clausen Dahl, aus dessen Nachlass 1859 drei Gemälde Reinharts versteigert wurden, die allerdings verschollen sind.

Im Brennpunkt der famosen Münchner Schau stehen die virtuosen Rombilder und Landschaftsansichten, die Reinhart in Italien schuf. Für König Ludwig I. von Bayern, der im Alter sogar eine Pension nach Italien überwies, schuf Reinhart zwischen 1829 und 1835 vom Turm der Villa Malta aus vier großformatige Stadtansichten Roms. Reinhart ließ das Pathos und Volkstümliche, wie es den Bildern vieler anderer Italien-Enthusiasten zu eigen war, (weitgehend) außen vor. Er zeichnete und malte, was er sah, mit einer Landschaft als großer Ich-Darstellerin, in der die Menschen klein wirken, übers unbedarfte Statistendasein nicht hinauskommen. Keine Spur von lieblichen Landschaften, rassigen, Rasseln oder Tamburine schwingenden Frauen mit glutvollen Augen oder auch fröhlichen Lautenspielern, mit denen andere Künstler den Massengeschmack des (weitgehend adeligen) Publikums bedienten, das nach Bella Italia auf der Suche nach Dolce Vita und Amore kam. Folglich musste Reinhart oft um Ankäufe betteln, seine Werke zu Dumping-Preisen feilbieten. Letztlich sollte aber Johann Georg Dillis Recht behalten, der erklärte: "Seine Gemälde sind von allen in Rom lebenden Landschaftsmalern die besten und werden ihn überleben."

Die erste, auf umfangreichem Material bestehende Biografie Reinharts erschien übrigens 1882 im Verlag E.A. Seemann in Leipzig, verfasst von dem Dresdner Genremaler, Dichter und Kunstschriftsteller Otto Baisch.

Bis 26. Mai, Neue Pinakothek München

Der von Herbert W. Rott und Andreas Stolzenburg in Zusammenarbeit mit F. Carlo Schmid herausgegebene Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen, umfasst 400 Seiten mit 360 Abb. und kostet 39,90 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.05.2013

Christian Ruf

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