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Vier Dresdner Tänzer sprechen über Freuden und Härten ihres Berufes

Vier Dresdner Tänzer sprechen über Freuden und Härten ihres Berufes

Es regt sich wieder was im Freien Tanz in Dresden. Der Dornröschenschlaf scheint zu Ende. "TanzNetzDresden", der informelle und praxisorientierte Zusammenschluss der Szene, hat dabei so etwas wie die Funktion des Prinzen übernommen.

Es regt sich wieder was im Freien Tanz in Dresden. Der Dornröschenschlaf scheint zu Ende. "TanzNetzDresden", der informelle und praxisorientierte Zusammenschluss der Szene, hat dabei so etwas wie die Funktion des Prinzen übernommen. Die Verhältnisse sind nicht märchenhaft, aber doch so, dass sich junge Tänzerinnen und Tänzer entschließen, in Dresden zu bleiben, um zu arbeiten. Weil die Möglichkeiten dieser Stadt nicht ausgereizt sind, probieren sie neue Formen, suchen Orte für ihre Kunst. Vier von ihnen geben Auskunft: Johanna Roggan, Marita Matzk, Cindy Hammer und Robin Jung.

Johanna Roggan ...

...kommt als einzige aus Dresden und hat nicht an der Palucca Hochschule für Tanz studiert. Bewegung bestimmt ihr Leben von Kindheit an, aber daran, dass sie beruflich einmal tanzen würde, dachte sie zunächst noch nicht. Ein Versuch der Mutter, sie zum Tanzunterricht zu schicken, scheiterte am Selbstbewusstsein. Tanzen wolle sie schon, aber sie wolle nicht machen, was andere ihr sagen. Mit 13 entdeckt sie den Jazz-Dance, am Dresdner Jazz-Dance-Center unterrichtet der inzwischen weltweit erfolgreiche Choreograf Thomas Winkler. Bald war klar, es könnte doch der Tanz sein, der ihr Leben bestimmt. Nach zwölf Jahren Waldorfschule zunächst eine private Tanzschule in Nürnberg, dann in Berlin, Abschluss als Bühnentänzerin: Technik, Genauigkeit, klassische Moderne, mit diesen Grundlagen wagt sie den Schritt in eine Kompanie für Anfänger in Linz.

Doch der Horizont muss erweitert werden, wo besser als in Israel, dem Mekka für den Tanz. Sie kommt zurück, völlig klar: "Ich muss tanzen, morgen kann ich tot sein". In Dresden eröffnen sich Perspektiven und Chancen in der Zusammenarbeit mit der Trans-Media-Akademie Hellerau und mit der Gründung der Kompanie, "mind_the _gut" mit der Berliner Kollegin Rebekka Böhme. Für Johanna Roggan wird die Erkundung der Korrespondenzen zwischen medialen und körperlichen Formen der Bewegung fortan prägend sein.

Marita Matzk ...

... kommt aus einem kleinen Dorf bei Quedlinburg. Mit fünf Jahren sieht sie das Fernsehballett und will auch so tanzen. Die häusliche Küche reicht nicht mehr, in Quedlinburg gibt es eine Kinder- und Jugendtanzschule. Marita Matzk ist mit 15 Trainingsassistentin und will jetzt Tanz studieren. Das finden die Eltern nicht so toll, Traum auf Eis. Aber dann, nach einem Bühnenbildpraktikum am tjg in Dresden, wagt es die nunmehr 20-Jährige doch. Das Klassische ist nicht ihr Fall, daher eine Ausbildung in Rotterdam, um dann doch Studien an der Palucca Schule in Dresden zu beenden, mit einem Aufbaustudiengang Choreografie und dem Abschluss als Tanzpädagogin.

Tanzen ja, aber nicht unbedingt im Theater. Sie entdeckt für sich den öffentlichen Raum, den Tanz in der Gesellschaft, und träumt sogar von einer tanzenden Gesellschaft. Tanz und Glücksmomente gehören für sie zusammen, das kann schon mal bis in einen Trancezustand gehen. Angetrieben von dem Wunsch, Momente der Freiheit zu erleben, erfindet und erarbeitet sie ihre Tanzprojekte.

In Bad Muskau wurde

Cindy Hammer ...

...geboren, kam mit elf nach Dresden und beschloss schon im Jahr zuvor, nach dem Besuch der Palucca Schule am Tag der offenen Tür: Da will ich hin. Die Eltern finden das gut, das Aufnahmeverfahren klappt, und nach zehn Jahren Ausbildung und Hochschulstudium, Momente des Zweifels eingeschlossen, hat sie ihr Diplom als Bühnentänzerin in der Tasche. Schon während des Studiums arbeitet sie in freien Projekten, sie gehört dem Künstlerkollektiv "Wilde Pferde" an und gründet ihre eigene Kompanie "go plastic", in der sie mit wechselnden Besetzungen und mit verschiedenen Musikern und Soundkünstlern aus Dresden arbeitet.

In einem Bayerischen Tanzstudio hat Cindy Hammer Erfahrungen gesammelt, ein Amerika-Stipendium ermöglichte ihr schon während des Studiums, außergewöhnliche, choreografische Anregungen zu bekommen, arbeiten will sie in Dresden als Choreografin und Tänzerin. In der Tenza-Schmiede hat sie einen Arbeitsraum, und in kreativem Miteinander und gegenseitiger Herausforderung gilt es mit den Kollegen Chancen wie die der Reihe Linie 08 in Hellerau, der Tanzwoche, die Auftrittsmöglichkeiten im projekttheater, in der Scheune und im Societaetstheater zu nutzen.

Der "Neue" und zugleich der Jüngste in Dresdens Freier Tanzszene ist

Robin Jung ...

... In Berlin geboren, wollte er spätestens seit seinem zehnten Lebensjahr auf die Bühne. Singen war's nicht. Erfahrungen in einer Theatergruppe brachten schon mehr. Mit 17, nach dem Realschulabschluss, kam er 2007 nach Dresden an die Palucca Hochschule. Das ist es. Mit einem Diplom als Bühnentänzer verlässt er im letzten Sommer mit dem letzten Diplomstudiengang die Hochschule.

Was folgt ist die große Chance für den jungen Tänzer, er wird ausgewählt für das Elevenprogramm und tanzt ein Jahr lang im Semperoper Ballett. Das ganze klassische, neoklassische und moderne Repertoire der Kompanie lernt er kennen, dazu die Kollegialität der "großen" Kolleginnen und Kollegen.

Aber schon in dieser Zeit wirkt er mit in Projekten der Linie 08, und ihm wird klar: Klassischer Tanz allein wird es für ihn nicht sein. Er will sich ausprobieren, wagt den Schritt ins Risiko, in die Dresdner Freie Szene, als Tänzer und als Choreograf. Der Tanz, die Lust an der Bewegung, soll seine Arbeiten in ganz besonderer Weise prägen. Für Choreografen wie Wayne McGregor oder Stijn Celis kann er sich begeistern.

Die Begeisterung für den Tanz ist in allen vier Gesprächen ansteckend. Fast nebensächlich erscheint eine Frage von existenzieller Tragweite, ob man denn vom Tanz und all dem großen Optimismus leben kann? Natürlich nicht. Alle müssen was dazu verdienen. Johanna Roggan unterrichtet, gibt Workshops, da ist sie nahe an ihrer Kunst und macht wichtige Erfahrungen. Marita Matzk gibt in einem Studio Kurse für Yoga und unterrichtet nach der Feldenkrais-Methode, da bieten sich auch Korrespondenzen zum Tanz. Cindy Hammer verdient sich was dazu mit ihrer Arbeit in der Filmgalerie Phase IV und sieht den Umgang mit ganz unterschiedlichen Menschen auch positiv für ihre Beschäftigung mit dem Tanz. Robin Jung ist noch auf der Suche nach einer Möglichkeit, jetzt erst mal Harz IV.

Als müsste das eben auch sein, sind die Tänzerinnen und Tänzer alle ganz rasch wieder bei dem, was sie aktuell beschäftigt, ihre Projekte nämlich. Johanna Roggan arbeitet an einer Neufassung ihrer Arbeit "Wo es eben passt" für Linie 08 im Herbst in Hellerau. Marita Matzk wird im Oktober einen ganzen Tag lang in Dresden Aktionen im öffentlichen Raum inszenieren, tanzen und installieren. Cindy Hammer bringt im September zuerst in Leipzig, dann auch in Dresden, mit einem größeren Ensemble "Alice in den Städten" heraus, Robin Jung ist einer ihrer Tänzer.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.09.2012

Boris Michael Gruhl

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