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Vielschichtiger Spuk: Adolf Muschg las aus seinem neuen Roman "Sax"

Vielschichtiger Spuk: Adolf Muschg las aus seinem neuen Roman "Sax"

In Adolf Muschgs neuer Roman "Sax", den der 1934 geborene Schweizer Autor jetzt in der Villa Augustin vorgestellt hat, gehen Gespenster um. Sie treiben die Mutter eines Briefmarkenhändlers in den Wahnsinn, zerrütten seine Ehe, zwingen ihn zum Auszug aus dem Haus, auf dem ein Fluch zu liegen scheint.

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1970 schlägt ihm ein befreundeter Bankier die Lösung vor: Drei angehende Rechtsanwälte, einer davon sein Sohn, sollen die Räume als Anwaltspraxis mieten. Hoffnung setzt er dabei auf die Tatsache, dass sie Achtundsechziger sind: "Deine Geister und das Gespenst des Kommunismus - die treiben sich gegenseitig aus, wetten?"

Doch so einfach macht es ihnen der Autor nicht. Der Spuk setzt sich fort. Eine Hauptrolle dabei spielt der Schweizer Adlige Johann Philipp Freiherr von Hohensax (1550-1596), der diesen bemerkenswert knappen Titel des Buches lieferte. Den hat es wirklich gegeben. Er soll unter mysteriösen Umständen, vermutlich Mord, ums Leben gekommen sein, galt als Humanist und war eine Zeit lang Besitzer des Codex Manesse, einer der berühmtesten Handschriften des Minnesangs. Und die vermag hier Menschen in sich hinein zu ziehen.

Es ist ein weit verzweigtes Geflecht von Geschichten, das der Autor vor uns entfaltet. Im Mittelpunkt die Karrieren jener drei Anwälte. Die Zeit, von der das Buch erzählt, reicht von 1946 bis in die Zukunft: 2013. Voller Bewunderung bemerkte Moderator Michael G. Fritz im Gespräch mit dem Autor, hier werde eine ganze Epoche besichtigt.

Für Adolf Muschg ist es eine Spukgeschichte, die von Grenzphänomenen handelt: "Der Spuk illustriert die absolute Grenze, an die wir alle stoßen." Zum Beispiel, wenn Konflikte in einer Ehe aufbrechen. Die Trennung zwischen Diesseits und Jenseits ist aufgehoben. Die Partnerin eines der drei Anwälte etwa ist eine Tote. "Ich kann mit diesen Grenzen ein bisschen halsbrecherisch spielen." Mit dem Tod endet es in diesem Roman eben nicht. "Es geht um die Möglichkeit, das, woran wir leiden, was wir böse nennen, hinter uns zu lassen." Das Spukhafte ist für Adolf Muschg zudem Teil unseres Alltags: Menschen, Walkman-Stöpsel in den Ohren, die ihm mit abwesendem Blick entgegenkommen, andere, die, auf der Straße vor sich hin ins Mobiltelefon brabbelnd, ganz woanders sind. "Wie Zombies."

Hinter allem literarischen Spiel mit Gespenstern indes steckt für Muschg etwas Ernstes: "Diese Finanzkrise ist ein undurchsichtiger, spukhafter Vorgang. Wohin gehen diese Millionen, die aus dem Kreislauf verschwinden?" Was sich im politischen Stillstand der sogenannten "Nullerjahre" an Spannung sammelte, sieht er jetzt explodieren. Und es ist so komplex, dass man dem nicht mehr zu folgen vermag. "Das Grässliche daran ist, dass die Ökonomie den Rang der Leitwissenschaft unserer Gesellschaft behalten hat. Alle Leute sind auf die Frage programmiert: Was bringt's?"

Muschg zeigt sich beunruhigt über den damit einhergehenden allumfassenden Drang zur Vereinfachung, diesem digitalen Null-Eins-Muster der Computer folgend. Die Literatur kann Gegenmittel sein: an Stelle schlichter Ja-Nein- oder Schwarz-Weiß-Alternativen die Mehrdimensionalität der menschlichen Phantasie.

Die verschwenderische Fülle von Erzähltem in seinem Roman ist für ihn zutiefst und ganz bewusst unökonomisch. So wie es seine Vorbilder Rabelais oder Jean Paul gewesen sind. "Und ich baue auf jenen Typus von Leser, der mit Vieldeutigkeiten umgehen kann."

Adolf Muschg: Sax. C. H. Beck, München. 459 S., 22,95 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.11.2011

Tomas Gärtner

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