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Viele Museen sind auf ein Hochwasser nicht vorbereitet

Viele Museen sind auf ein Hochwasser nicht vorbereitet

In Halle an der Saale sind bei einer dramatischen Kulturgüter-Rettungsaktion unter anderem Schätze der Lutherarchäologie aus überfluteten Depots evakuiert worden.

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Ein Minister beim Überwinden eines Schutzwalls: Georg Unland gestern beim Übersteigen der Hochwasserschotts im Zwinger.

Quelle: Ralf U. Heinrich

Die aus der NS-Zeit stammenden Lager des Landesmuseums für Vorgeschichte sind bombensicher gebaut, allerdings den Fluten ungeschützt ausgeliefert. In den Kellergeschossen der Depots, die in Flussnähe liegen, "spritzt das Wasser finger- bis armdick aus den Ziegelmauern. Es sieht gespenstisch aus", sagte gestern der Direktor des Hauses, Harald Meller. Die Lagerhallen seien derzeit nur mit Booten erreichbar.

Vorgestern hatte die Lage im größten archäologischen Depot Mitteleuropas, wo sich etwa 20 Millionen Fundkomplexe befinden, noch düster ausgesehen. Erst vor wenigen Jahren im Bereich des Elternhauses von Martin Luther geborgenen Gegenstände, die das Bild des Reformators um überraschende Facetten erweitert hatten, sowie die dazugehörigen Dokumentationen drohten unterzugehen. Der Museumsdirektor stand bis zum Bauch im Wasser. "Es sieht aus wie in einem U-Boot", hatte er am Dienstag durchs Handy gerufen. Dann war das Licht ausgefallen. Rund 200 junge Menschen, die einem Facebook-Aufruf des Museums folgten, gelang schließlich gemeinsam mit den Museumsmitarbeitern die Evakuierung von rund 10 000 Kisten. Vor allem Studenten aus Jena, Leipzig und Gera kamen dem Aufruf nach. Meller ist beeindruckt von der "angeblich unengagierten Facebook-Generation. Früher hätte man die Bundeswehr holen müssen, heute helfen hunderte Menschen völlig selbstlos". Ein Lager mit etwa 1500 Laufmetern Fundsachen musste allerdings aufgegeben werden. Dort stand gestern das Wasser 1,60 Meter hoch. Dem detaillierten Notfallplan seines Hauses schreibt es der Museumsdirektor zu, dass letztendlich "unermessliche Schätze an Kulturgut" gerettet werden konnten.

Viele kleinere Museen verfügen hingegen über keine effektiven Notfallstrategien und sind Naturkatastrophen mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Besonders hart hat es wieder das Museum in Grimma im Landkreis Leipzig getroffen, wie schon bei der Flut 2002. In Grimma steht die gesamte Innenstadt unter Wasser. In Dessau-Roßlau wurde nach Angaben des Museumsverbandes Sachsen-Anhalt das Museum für Stadtgeschichte geschlossen und teilweise evakuiert. Das Kreismuseum Bitterfeld wurde ebenfalls evakuiert. Das Museum Stiftung Moritzburg hat nach vorübergehender Schließung inzwischen wieder geöffnet.

Erhebliche Schäden richteten die Fluten im Gartenreich Dessau-Wörlitz an, das Unesco-Weltkulturerbe ist. Ein Millionenschaden droht der Kunsthochschule Halle. Teile des Campus sind dort unter Wasser. Die Klassik Stiftung Weimar legte bereits eine voraussichtliche Schadensbezifferung vor. Laut dem Vizepräsidenten der Stiftung, Thomas Leßmann, ist mit einer Summe "mindestens im mittleren sechsstelligen Bereich" zu rechnen. Ein Spendenaufruf wurde gestartet. Unversehrt geblieben ist Goethes Gartenhaus - es steht auf einer kleinen Anhöhe.

In manchen Gegenden hat sich die Lage wieder entspannt. In Regensburg seien keine Schäden an Kulturschätzen zu beklagen, sagte die Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra. "Nur die historische Wurstkuchl neben der Steinerne Brücke ist überschwemmt, aber die trifft es immer." Auch in Dresden ist man Herr der Lage (siehe unten).

An verschiedenen Orten wird derzeit in Ad-hoc-Maßnahmen Kulturgut gerettet, ein übergreifender Notfallplan, wie es ihn beispielsweise in der Schweiz gibt, existiert in Deutschland jedoch nicht. Erst vor wenigen Monaten hatte eine Expertenkommission in Berlin unter der Überschrift "Nationaler Notfallplan für Kulturgüter - Wie gehen wir mit Katastrophen um?" getagt. Volker Rodekamp, der Präsident des Deutschen Museumsbundes, stellte bei der Tagung im Januar fest: "Wir sind unzureichend vorbereitet".

Initiator der Expertenrunde war der FDP-Bundestagsabgeordnete Reiner Deutschmann. "Vor allem kleinerer Häuser saufen ab", sagte der gebürtige Sachse auf Anfrage und erneuerte seine Forderung, eine zentrale Koordinierungsstelle für Katastrophenmanagement einzurichten. Neben dem Elbhochwasser von 2002 habe ihn der Brand der Anna-Amalia-Bibliothek 2004 in Weimar und dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 für das Thema sensibilisiert, sagt Deutschmann. Die Koordinierungsstelle könne dem Bundeskulturministerium oder einem anderen Amt unterstellt werden.

Das Büro von Bundeskulturminister Bernd Neumann reagierte auf Anfrage zurückhaltend. Der Bund konzentriere sich auf herausragende Kulturstätten und unterstütze diese auch im Katastrophenfall, sagte der Ministeriumssprecher Dietrich von der Schulenburg. Der Rest sei Ländersache. Während die Behörden Kompetenzfragen beschäftigen, schleppen Museumsmitarbeiter und freiwillige Helfer im Katastrophengebiet weiter Sandsäcke.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.06.2013

Johanna di Blasi

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