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Viel Atmosphäre auf der Meißner Burg

Jedermann Viel Atmosphäre auf der Meißner Burg

Es ist die zweite Jedermann-Inszenierung im Sächsischen. Nach Annaberg-Buchholz gibt es nun eine Version für die Meißner Burg, geschaffen von den Landesbühnen. Im Dreieck von Jedermann, seiner Buhlschaft und dem Tod liegt der Reiz der Geschichte, in der Atmosphäre der Burg ihr Extra.

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Tom Quaas sieht als Jedermann dem Tod gleich mehrfach ins Auge.

Quelle: Hagen König

Meißen. Sachsens zweiter „Jedermann“ versprüht Tradition. Bislang ist das Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz das einzige Haus, dass seit 2011 dem moralinschwangeren und von der Handlung her recht simplen Knittelverskult aus der Feder von Hugo von Hofmannsthal huldigt, der vor einem Jahrhundert das Mysterienspiel als mittelalterliche Theaterform nachhaltig wiederbelebte und bis heute erhielt.

Die Meißner Schirmherren – ein Landrat und ein Prinz – eröffneten am Freitagabend nach dem Regen und bei dramatischem Abendlicht die zweiten der Neuen Burgfestspiele – gemeinsam mit dem Landesbühnen-Intendant Manuel Schöbel, hier gleichzeitig als Dramaturg am Werk, der zuvor beim Bürgerumzug vom Theater zum Burgberg ironischerweise als Mönch Tetzel mitlief, der hier genau vor 500 Jahren als „Subkommissar für Ablasshandel“ den römischen Petersdom zu finanzieren half. Alle drei zeigten anfangs unbewusst eindrücklich: In dieser lautsensiblen Kulisse auf dem Burghof neben dem Dom braucht man eigentlich keine Verstärkung.

Die Regie beim „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, so der genaue Untertitel, führt Radebeuls Oberspielleiter Peter Kube, der für den vor den Proben erkrankten Winfried Schneider einspringen musste. Dieser hatte allerdings schon einiges vorgeprobt, weil die Organisatoren, ein Konsortium aus Meißner Kulturinstitutionen, natürlich ihre Lokalkünstler einbringen wollen: so die Mitglieder des Tanzstudios Novak, das Seniorentheater Senta, das Jugendtheater am Meißner Theater sowie den Winzerchor und den Chor Blaue Schwerter. So war eine breite Spielfläche und viel Bewegung erforderlich, um allen Auftritt zu gewähren – und leider Mikroports fürs ganze Spiel erforderlich, was anfangs zu manchmal schwer verständlichem Schnellsprech führte.

Erst ab der Predigt von Jedermanns Mutter, in Prägnanz von Anke Teickner gegeben, die ihren Sohn an ein würdiges Leben erinnern will, kommt Ruhe und Verständlichkeit in die Premierenaufführung. Jener Reiche in der Blüte seiner Manneskraft – mit Tom Quaas sicher optimal besetzt – hat zuvor jedoch recht rigoros einem armen Nachbar und einem Schuldknecht die Hilfe verweigert. Lieber kauft er einen Lustgarten für sich und seine Buhlschaft und feiert feste Feste.

Doch dann beschließt Gott – sehr schön von Victor Peter Möhmel (zuvor Kind des Schuldknechts) gesprochen – ein Exempel, um der unsittlichen Lebensweise Einhalt zu gebieten: Der Tod soll Jedermann holen – dem bleibt genau eine Stunde zur Bekehrung bis zum jüngsten Gericht. Ein Weg, bei dem ihm dann keiner mehr hilft, er zum gewöhnlichen Menschen schrumpft und sich für Himmel statt Hölle entscheiden muss…

Die Liste der Darsteller von Buhlschaft und ihrem Jedermann gilt so – vor allem Dank des Salzburger Originals, vom Autor samt Berliner Uraufführungsregisseur Max Reinhardt als Gründer jener Festspiele 1920 umgesetzt und von den Nazis komischer- bis dummerweise nicht uminterpretiert, sondern ganz und gar abgesetzt – als eine Art Olymp, der bei den recht textarmen, dafür knackigen Damen von Dagny Servaes über Senta Berger sowie Veronica Ferres bis Nina Hoss und bei den tragend-dahindarbenden Todgeweihten von Alexander Moissi über Klaus Maria Brandaue und Ulrich Tukur bis Cornelius Obonya reicht.

Die Meißner Fassung wird ergänzt um eine Aufpeppung durch sechs neue Musiknummern, bei denen „Big Spender“ von Shirley Bassey und „Money“ von Pink Floyd nach Suchmaschinenkriterien auserwählt scheinen. Wenn auch teilweise in schönen Fassungen von The Purgatorators, einem Klassik-Quintett mit passenden Instrumenten, gespielt und von Mu-Yi u Chen und Norbert Kegel, die nach ihren Radebeuler und Chemnitzer Ballettzeiten nun als MuNo-Productions frei auftreten, grandios vertanzt. Besonders der Tanz des Todes, gemeinsam mit Holger Uwe Thews, der den Dreikampf mit Jedermann samt Buhlschaft locker gewinnt und hierzu Tom Waits’ „Way down in the Hole“ röhrt, wobei so die Mikroverstärkung Sinn hat.

Konsequenter wäre es gewesen, dem Quintett und Tänzern alles in die Hand zu geben – vielleicht auch ohne die gesamte Tafelrunde – und die spielerische Konzentration auf Kernfiguren und Moral zu legen. Denn die Funktion und Wirkung der zum Anliegen wichtigen Allegorien wird hier etwas verwässert, gerade Glaube und Werke, gespielt von Sophie Lüpfert und Julia Rani, die gemeinsam den Sterbenden gerade noch so zum Christen ummodeln, erscheinen hier, obwohl sie final den oder die Teufel abwehren, nur als weitere Gespielinnen.

Für Stammbesucher war der Vergleich zu „Notre Dame“ aus dem Vorjahr spannend: Denn rings um die Hauptfigur sind die gleichen Darsteller gruppiert: Aus Kirchenherr Frollo wird – wie stets omnipräsent – Jedermanns guter Gesell alias Matthias Henkel, aus dem schrägen Spinner Gringoire nun der Tod von Holger Uwe Thews als eigentlichem Helden, und Sandra Maria Huimann – hier statt auf dem Plakat ihre Haut mit einem roten Kleid bedeckend – wird von Esmeralda zur ebenso betörenden Buhlschaft.

Hauptmann Phoebus, also Moritz Gabriel, muss hingegen in verschiedene Rollen schlüpfen und spielt – gemeinsam mit Renat Saffiulin als Gast – unter anderen Vetter und Teufel, alles sehr schnell und überwitzig.

Die vier Fräuleins, Studentinnen der Delitzscher Theaterakademie, zeigen, dass sie gut singen, tanzen und bezirzen können. Ihr Opfer natürlich: Jener Jedermann, der jede Frau rasch haben kann.

Neben Tanz und Livemusik gefällt auch die Ausstattung von Stefan Wiel und die Lichtregie von Matthias Spothelfer. Neben dem riesigen Stuhl, der aussieht wie jener, der einst im Zittauer Foyer in Erinnerung an die „Kabale und Liebe“-Inszenierung von 2009 stand (und nun dort fehlt), besticht vor allem die klare Optik der Kleidung: Nur Schwarz, Weiß oder Silber bleibt zur Unterscheidung, Farben gibt’s nur beim Kopfschmuck, Rot hingegen sind nur für das Kleid der Buhlschaft und die anfänglichen T-Shirts der drei quicklebendigen Tode vorbehalten.

Drei Vorstellungen erlebte die Albrechtsburg bis Sonntag en bloc, nächstes Jahr sollen weitere folgen. In der zweiten Edition der Burgfestspiele warten noch bis Sonntag diverse Gastspiele, darunter am Dienstag der Kreuzchor, am Donnerstag und Freitag „Der Name der Rose“ vom Berliner Kriminaltheater und am Sonntag „Was Ihr wollt“ vom Münchener Sommertheater.

Die Annaberger Jedermann-Version läuft ab 31. Juli fünfmal rings um St. Annen.

Burgfestspiele Meißen 2016 noch bis 26. Juno.

www.neue-burgfestspiele-meissen.de

Bildtext zu Jedermann01:

Jedermanns Zeit ist abgelaufen, nur die Frage, ob Himmel oder Hölle wartet, ist noch offen: Tom Quaas hat in Meißen gleich drei Tode (Holger Uwe Thews, ) im Nacken

Foto: Hagen König

Bildtext zu Jedermann02:

Jedermanns Zeit ist abgelaufen: Tom Quaas sitzt allein auf dem riesigen Thron, während der triumphierende Tod (Holger Uwe Thews) unten mit seiner Buhle (Sandra Maria Huimann) Tango tanzt.

Foto: Hagen König

Von Andreas Herrmann

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